Die große Reise

Auf der Straße von Südfrankreich nach Mekka nähern sich Vater und Sohn nicht nur der berühmten Pilgerstätte, sondern auch einander an. Der Weg in diesem malerischen Spielfilmdebüt von Ismaël Ferroukhi ist leider fast ebenso fest vorgeschrieben wie das Ziel.

Die große Reise

Grüne Felder und eine für Frankreich typische, baumumsäumte Allee, über die sich sanft romantische Geigenmusik legt. Ein junger Mann, Réda (Nicolas Cazalé), radelt auf seinem Mountainbike durch diese gepflegte Landschaft, um später auf einem Schrottplatz und zu Hause ganz und gar nicht milde Töne zu hören zu bekommen. Der große Bruder kommandiert ihn harsch herum, als sie in das Familienauto eine Ersatztür einbauen. Der führerscheinlose Vater (Mohamed Majd) teilt Réda später unmissverständlich mit, dass er ihn mit diesem klapprigen Peugeot nun nach Mekka zu fahren habe, ohne Widerrede. Sofort ist die Welt in Ismaël Ferroukhis Die große Reise eine zweitgeteilte: Auf der einen Seite lockt das „kultivierte“ Frankreich Réda mit Bildung, Handy und Freundin, auf der anderen Seite macht die aus Marokko stammende Familie ihren patriarchalischen Traditionalismus geltend; der Vater verfügt über Rédas Willen, die Mutter bleibt dabei stumm und die Reise nach Mekka ist wichtiger, als das kurz bevorstehende Abitur.

In dieser Kluft zwischen der assimilierten Generation der Immigrantenkinder und den durch nostalgische Heimatgefühle bestimmten Eltern brodelt es nun auf engstem Raum mehr als je zuvor, fern von jedem Ort der Flucht. Die konzentrierte Atmosphäre im kleinen Auto führt gleich zu Beginn der Reise zu heftigen Entladungen der Anspannung, die sich im Spalt zwischen Fahrer- und Beifahrersitz immer wieder neu aufbaut. Und während der langen 5.000 Kilometer der Reise werden immer wieder Funken sprühen, denn Ferroukhi bastelt zunächst fleißig an seiner dichotomischen Welt weiter. Ohne Verständnis oder freundschaftliche Gefühle füreinander mauern sich Vater und Sohn jeweils auf ihrer Seite des Autos ein, wollen jeder für sich Recht behalten und sind aber gleichzeitig aufeinander angewiesen. Der Vater verwahrt das Geld und Réda besitzt den Führerschein. Rastzeit, touristische Ausflüge, Kartenlesen - all das gerät im klaustrophobischen Raum des Autos zur Streitfrage zwischen dem nach einer weltlichen Logik denkenden und Französisch sprechenden Réda und dem analphabetischen, Arabisch sprechenden, sich von religiöser Intuition leitenden Vater. Am Ende ist es immer der Sohn, der sich der väterlichen Autorität zu beugen hat. „Du bist dickköpfig, aber ich bin es, der entscheidet“, stellt der Vater unanfechtbar klar.

Die große Reise

Erst mit der immer fremder werdenden Umgebung traut sich auch die Kamera mehr und mehr aus dem Fahrzeug heraus, betrachtet die Szenerie hin und wieder von außen, zunehmend vor dem Hintergrund der weiten Landschaft, und öffnet so den statischen Raum auf vier Rädern für eine Bewegung jenseits des Kilometerzählers. In der Fremde finden auch Vater und Sohn die ersten Berührungspunkte, wo sie gemeinsam mit für den jeweils anderen unverständlichen Sprachen, verwirrenden Situationen und Hindernissen konfrontiert werden. Von der Aufweichung der Fronten zeugen versteckte Blicke und Gesprächsansätze, deren verstohlene Diskretion sowohl von Ferroukhi grazil inszeniert als auch von den beiden Schauspielern Cazalé und Majd wunderbar verhalten gespielt wird.

Die langsame Versöhnung verläuft lautstark und mit vielen Rückschlägen, jedoch ohne Bekehrung. Vielmehr lernen Vater und Sohn sich gegenseitig schätzen, was besonders die Ankunft in Mekka verdeutlicht. Interessiert begleitet Réda den Vater bis zur Busabfahrt in Richtung Kaaba, einem würfelförmigen Bauwerk und dem zentralen Heiligtum des Islam. Rédas Blick wird dabei zu demjenigen, der dem Zuschauer eröffnet wird, und der die Pilgergruppen aus der respektvollen Distanz betrachtet, ohne wertend Details zu fokussieren. So erscheint ihre Wanderschaft mehr als faszinierende ästhetisch-ornamentale Bewegung weißgekleideter Gestalten im hellen Wüstensand denn als fremdartiges religiöses Gebaren. Dieser Blick von außen ist zwar mitunter auch Ergebnis der Drehbeschränkungen vor Ort, die Bilder aber sind in jedem Fall eindrucksvoll: Sie weichen von den aus Informationssendungen bekannten journalistischen Standardeinstellungen der Menschenmasse ab und begleiten den Weg der Pilger als solchen. Schließlich taucht die Kamera sogar mit Réda im Getümmel unter und filmt die Masse auf Augenhöhe. Die große Reise ist die erste Spielfilmproduktion, die in Mekka drehen durfte.

Die große Reise

So behutsam Ferroukhi die Pilger in Mekka beobachtet, so vorsichtig verbindet er auch den Sohn wieder mit dem Vater. Die anfangs etwas plumpe, stark dualistisch konzipierte Welt löst sich im Verlauf der Reise auf und weicht einer weitaus pluralistischeren Wahrnehmung. Diese Entwicklung zu beobachten ist einerseits das Magische an Ferroukhis Film, der bei den Filmfestspielen in Venedig für das beste Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde. Andererseits gehorcht er mit Die große Reise den narrativen und filmischen Codes eines klassischen Road Movies und bietet wenig eigenständig-spielerische Variationen innerhalb dieser allzu bekannten Genreformel an. Der Weg ist wie so oft das Ziel und die Annäherung zwischen Vater und Sohn ist zu leicht vorhersehbar. Dennoch ist Ferroukhis Inszenierung dank ihrer zurückhaltenden Feingliedrigkeit sehr sehenswert, obwohl auch der Schluss einen bereits vorher angedeuteten Schock birgt.

Kommentare


Mercan-Ribbe

Ein sehr guter Film, der mehr als einen klassischen Generationenkonflikt zum Thema hat.
Die Liebe zwischen Vater und Sohn ist am Ende so deutlich wie am Anfang die Kluft zwischen ihnen gezeigt wurde. Klasse gemacht!






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