Die Gräfin

Nach der Komödie 2 Tage Paris erzählt Julie Delpy in ihrem neuen Film die Geschichte einer mittelalterlichen Massenmörderin.

Die Gräfin

In einer Szene, schon sehr früh im Film, spiegeln sich die beiden hervorstechenden Eigenschaften der Gräfin Erzebet Bathory: die Abwesenheit von Mitleid und die bis zum Exzess gehende Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Als kleines Mädchen vergräbt sie, eine erwachsene Erklärung natürlicher Vorgänge missverstehend, einen Vogel und wundert sich darüber, dass das Tier stirbt. Ein so struktureller Ansatz, der sich in thematischer Vorausdeutung versucht, ist neu für die Regisseurin Julie Delpy. Ihre Stärke war bisher das spontan anmutende, pointierte Erzählen, die Direktheit statt der Metapher, aber vielleicht erschien es ihr angebracht, angesichts des schwergewichtigen Themas dieses Mal mit mehr Form an die Sache heranzugehen. Das Spielerische des Erfolgsfilms 2 Tage Paris (Deux jours à Paris, 2007) geht dabei verloren, gewonnen wird ein ernsthafter, zuweilen schwermütiger Ton, der überrascht, aber nicht überzeugt.

Die Gräfin

Delpy, berühmt vor allem als Schauspielerin in Richard Linklaters Filmen Before Sunrise (1995) und Before Sunset (2004) und also ein Gesicht, das sehr mit der Gegenwart und den zeitgenössischen Liebeshändeln junger Menschen identifiziert wird, widmet sich dem Mittelalter. Weiter fort vom eigenen Image hätte sie sich kaum bewegen können. Das geht so weit, dass sie ihr eigenes Gesicht in einigen Einstellungen auf fürchterliche Weise altern lässt.

Für Die Gräfin, ihren zweiten abendfüllenden Spielfilm als Regisseurin, hat Julie Delpy viele bekannte Gesichter des internationalen Kinos versammelt. Sie selbst, Französin, spielt die Titelrolle. Der Deutsche Daniel Brühl als ihr Geliebter und der Amerikaner William Hurt als ihr Gegenspieler bleiben in ihren Rollen blass. Die Rumänin Anamaria Marinca (aus 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, 2007) ist als Geliebte und Beraterin der Gräfin die stärkste Erscheinung. Anna Maria Mühe wiederum ist ihr erstes Opfer: „Wie lange muss ich das noch ertragen?“, fragt sie, völlig entkräftet im Bett liegend. „So lange, bis du leer bist“, antwortet Erzebet kühl.

Die Gräfin

Die junge Magd wird permanent zur Ader gelassen, weil die Gräfin sich einbildet, das Blut von Jungfrauen habe – sozusagen als Schönheitslotion – verjüngende Kräfte. Am Ende sind mehrere hundert Mädchen tot und im Wald verscharrt. Die Geschichte der „Blutgräfin“ ist verbürgt. Die historische Person lebte von 1560 bis 1614; vom Prozess gegen sie, angeklagt wegen zahlreicher brutaler Morde, berichten Akten. Sie starb in Kerkerhaft. Die Sache mit dem Jungfrauenblut ist vermutlich eine Legende, aber eine sehr hartnäckige.

Das zentrale Zitat des Films lautet: „Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ Von Männern zudem, denn auch wenn die Gräfin hier als selbstbewusste und mächtige Person gedeutet wird, so ist sie doch Spielball in den Intrigen des Adels. Ob nun die Verurteilung auf eine politisch genehme Verleumdung zurückgeht, man die reiche Frau also einfach loswerden wollte (wie von manchen heutigen Historikern vermutet), oder ob tatsächlich Wahn und Blutdurst im Spiel waren, weiß auch Julie Delpy nicht. In Die Gräfin ist es eher so, dass Erzebets Wahn und Verbrechen aus enttäuschter Liebe entstehen, weil ihr viel jüngerer Geliebter von seinem Vater instrumentalisiert wird. Die ins Unermessliche getriebene weibliche Eitelkeit der nicht mehr ganz jungen Frau wäre dann mehr oder weniger berechnend von Männern herbeigeführt worden. Der Film macht aber zum Glück aus dem Monster keine feministische Heldin, im Gegenteil, die Legende wird recht genau nacherzählt, durchaus mit Sinn für ihre gruseligen und splatterhaften Seiten. Da stechen dann auch schon mal eiserne Stacheln ins Fleisch, und Sebastian Blomberg kommt als Spion an den Hof und verführt die Gräfin zu modern anmutenden SM-Spielen im Schlafzimmer.

Die Gräfin

Aber wo führt diese Mixtur hin? Delpy, die auch das Drehbuch und die Musik geschrieben hat, stellt weder die intellektuelle Verbindung zu heutigem Schönheitskult in den Mittelpunkt, noch überlässt sie den Genre-Elementen die Leitung. Das macht ihren Film zu einer Melange, in der sie dem Grusel nicht vertraut, das Historiendrama nur steif zu inszenieren weiß und die zu Beginn doch so strikt gebündelten Metaphern aus den Augen verliert. Es scheint, als fehlte der Regisseurin auf diesem fremden Gelände, ohne den gewohnten jugendlichen Drang als Triebkraft des Erzählens, der rechte rote Faden.

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