Die geliebten Schwestern

Das Einfangen der Liebe in Sprache. Dominik Grafs Schiller kämpft mit Worten für die echte Empfindung im falschen Leben.

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In der streng durchdeklinierten Adelswelt des ausgehenden 18. Jahrhunderts kommt auch Dominik Grafs Inszenierung erst einmal zur Ruhe. Für seine Verhältnisse bildsprachlich konventionell erzählt der Regisseur in Die geliebten Schwestern von der historisch kaum verbürgten (alles andere hätte ihn vermutlich auch nicht interessiert) Dreiecksgeschichte zwischen Friedrich Schiller und den beiden Schwestern Karoline und Charlotte von Lengefeld. Vom audiovisuellen Exzess, den der Regisseur in den letzten Jahren vor allem in zahlreichen Fernseharbeiten auf die Spitze getrieben hat, zeugen zu Beginn nur noch zwei eigentlich eher subtile Irritationen: zum einen die seltsam schraffiert durchs Bild fliegenden Credits, die in ihrer Verspieltheit fast wie eine Parodie auf die klare Schlichtheit zeitgenössischer Titeltrends wirken; zum anderen die einführende Erzählstimme, die geruhsam vor sich hin nuschelnd kaum auf leichte Verständlichkeit aus zu sein scheint. Später tauchen sie noch einmal auf, diese die Sprachlichkeit aufbrechenden Graf-Momente – zum Beispiel wenn das Tosen eines Wasserfalls die dramatischen Reden sowohl Charlottes als auch Karolines verschluckt. Spätestens dann ist auch klar, wie sie in ihrer vereinzelten Pointierung zu verorten sind. Graf geht den genau umgekehrten Weg seiner Fernseharbeit: Wo er dort ein Material weniger Worte und Sätze immer wieder durch den Montage-Reißwolf schickt, wiederholt, spiegelt und überlagert, ist hier die Überwältigung bereits in der Tatsache des schier endlosen Netzes aus Sprach- und Schriftspielen angelegt. Nur hin und wieder braucht es daher ein punktuelles Bedeutsamwerden (durch Auslöschung), das uns aus dem fortwährenden Dialogfluss herauskatapultiert.

Social Media in Zeiten der Weimarer Klassik

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Leicht kann Die geliebten Schwestern zu einem munteren Who-is-who-Raten ausarten; der Film packt unglaublich viele historische Figuren und Orte in seine knapp dreistündige Spielzeit. Doch eigentlich will Graf auf etwas anderes hinaus. Ihn interessieren nicht so sehr die einzelnen Individuen, die zeitgenössischen Protagonisten. Besonders deutlich wird das, wenn Goethe, als vermeintlich zentralste Persönlichkeit für Schiller und die erzählte Zeit, kurzerhand zu einem Running Gag der Nichtinszenierung umfunktioniert wird. Graf geht es trotz aller aufwändig-präzisen Ausstattung und Kostümierung nicht um die irgendwie exakt geartete Darstellung einer für die deutsche Geschichte so herausragenden Epoche, nein, ihn faszinieren abstraktere Dinge, Bewegungen, die dieser Historiografie zugrunde liegen – Bewegungen der Informationsübermittlung. Die geliebten Schwestern ist beinahe zu jedem Zeitpunkt seiner Erzählung eine Abhandlung über Kommunikationsformen, deren Beschaffenheit und Gebrauch von ähnlichen Fäden der Macht und Ohnmacht durchzogen sind wie jene in Zeiten von Social Media und NSA. Die Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit ist ständig prekär, egal ob gesprochenes oder geschriebenes Wort. Der adelige Gossip durchdringt auch Schriftstücke, alles ist im Gespräch. In entrückten Überblendungssequenzen, in denen im Off verlesene Briefwortlaute plötzlich in die bewegten Münder ihrer Autoren diffundieren und zu Dialog werden, nimmt Graf diese Ununterscheidbarkeit auch in seine Inszenierung auf. Ein Brief, jenes heute nostalgisch verklärte Persönlichkeitsmedium, kommt in der Weimarer Klassik eher einem Facebook-Post als einer Privatnachricht gleich. In Grafs Erzählwelt ist daher Aneignung oberstes Gebot: Um die ebenfalls um Schiller buhlende Konkurrentin loszuwerden, schickt Charlotte diesem einen gefälschten Brief. Doch die Möglichkeiten der Codierung werden in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs auch als hinfällig enttarnt, etwa wenn im Hause der Mutter von Lengefeld zwanghaft französisch parliert wird, um die Probleme der eigenen, sich auf dem absteigenden Ast befindlichen sozialen Klasse vor den Bediensteten zu verbergen.

In der Liebe kommt die Sprache an ihre Grenzen

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Der historische Schiller steht zwischen vielen Stühlen. Die Emanzipation des Künstlers von der „männlichen Mätresse“ zum angesehenen und wohlhabenden Bürger und Intellektuellen ist noch nicht vollzogen, die politische Utopie des Stürmer und Drängers wird von den Realitäten der Französischen Revolution eingeholt. Graf hat all das in liebevollen Seitensträngen parat – etwa in einer kleinen Geschichte des Buchdrucks, dem er sich ähnlich wie Assayas der Porzellanproduktion in seinem Les Destinées sentimentales (2000) von den Räumen der Produktion her nähert –, fokussiert seinen Protagonisten im Werden aber genau da, wo all diese Kämpfe zusammenlaufen: Auf des Dichters Suche nach dem „echten Empfinden“, in seiner Liebesgeschichte. Um dem Schauspiel der Ständegesellschaft zu entkommen, vertraut Schiller auf das Gefühl als Basis seines Urteilens und Handelns. Dass sich dieses Gefühl vielschichtiger und unergründlicher als jede Sittenlehre ausnimmt, bejaht er und meint gleichzeitig, diese Mixtur aus Liebe, Lust und Leidenschaft mit der Kraft seiner Sprache beherrschen zu können. Dreieck, Kreis, Doppelstrich – das kodifizierte Briefsystem von Friedrich und den beiden Schwestern tut lange seinen Dienst, und auch Karolines Fortsetzungsroman, den Schiller äußerst aktiv redigiert, ist ein Erfolg. Doch irgendwann wird nicht mehr geschrieben und noch weniger gesprochen, der Mikrokosmos der drei Liebenden wird zum Schauspielraum des falschen Empfindens, dem sie immer entfliehen wollten. Und plötzlich feiert auch Dominik Graf in einer wahnwitzig verdrehten Gegenlicht-Szene wieder die schwarze Magie des Visuellen.

Trailer zu „Die geliebten Schwestern“


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