Die Friseuse

Schwerfällig mitten im Leben: In ihrem neuen Film versucht sich Doris Dörrie am Porträt einer resoluten Frau und erstmals an einem fremden Drehbuch.

Die Friseuse

Es scheint, als haben Titel im filmischen Werk von Doris Dörrie programmatische Funktionen. Sie apostrophieren das Thema und geben die Richtung der Rezeption vor: So war das unter anderem bei Männer (1985), Paradies (1986), Geld (1989), Keiner liebt mich (1994) oder Nackt (2002). Es scheint auch, als gingen der intellektuelle Ansatz und das Interesse an einem Thema stets der daraus entwickelten Geschichte voran. Das funktionierte in den Filmen der Regisseurin und Schriftstellerin regelmäßig mit Erfolg, setzte sich doch die Arbeit am Stoff in der Inszenierungsarbeit fort und bildete so jene Einheit, die das Wesen des Autorenkinos bestimmt.

Warum sich Dörrie nun an der Verfilmung eines Stoffes versucht hat, der nicht ihrer Feder entstammt, erklärt sie damit, einmal einer bestehenden Geschichte ihren Blick hinzufügen zu wollen. Dass nun genau dieser Ansatz überhaupt nicht Dörries Sache ist, beweist ihr neuer Film, der auf der 60. Berlinale Weltpremiere feierte.

Die Friseuse

Dörrie, stets versucht, die Innenwelten ihrer Protagonisten zu ergründen und hieraus thematische Sätze abzuleiten, porträtiert hier eine „Friseuse“ – mit allem, was dazugehört. Das beginnt schon mit der politisch unkorrekten Berufsbezeichnung und allen negativen Konnotationen: eine Friseuse quasselt unentwegt, strotzt vor Geschichten und Lebensweisheiten, denen der Kunde mehr oder minder willentlich ausgesetzt ist, hat es im Leben auch nicht leicht, aber dabei – zumindest oberflächlich – anscheinend immer gute Laune. Dass es eigentlich „Friseurin“ heißt, kümmert Protagonistin Kathi (Gabriela Maria Schmeide) erklärtermaßen nicht. Denn sie steht mit Leib und Seele zum Klischee.

Die Friseuse

Der Film porträtiert den Alltag einer Frau, die im Leben ihre Last zu tragen hat: Da sich Ehemann Micha (Matthias Freihof) von ihr wegen einer anderen getrennt hat, zieht Kathi mit ihrer heranwachsenden Tochter Julia (Natascha Lawiszus) aus dem Kleinbürgeridyll mit Häuschen im Grünen zurück in die Heimat – in die Ostberliner Sozialbausiedlung Marzahn. Sie lebt von Arbeitslosengeld und sucht einen Job, sie sucht einen Mann, sie will gute Mutter sein, hat aber ihre Tochter nicht so recht im Griff und zudem ein mächtiges Handicap: Sie ist extrem übergewichtig. Als das Amt ihr einen Job im Friseursalon des Einkaufszentrums „Eastgate“ vermittelt, offenbart ihr die ob Kathis Fülle konsternierte Saloninhaberin (Maren Kroymann), sie sei zu „unästhetisch“. Doch eine Frau wie Kathi lässt sich von derartigen Schlägen nicht beeindrucken und beschließt – auf Teufel komm raus – den Traum vom eigenen Salon zu realisieren.

Die Friseuse

Der Weg zur Selbstständigkeit – psychisch wie physisch – ist das eigentliche Thema von Die Friseuse. Das Drehbuch von Laila Stieler (Wolke Neun, 2008; Liebesleben, 2007) versucht sich an einem komplexen Persönlichkeitsbild, weshalb Probleme, Themen und Anekdoten derartig aufeinandergetürmt werden, dass es für mehrere Filme gereicht hätte. Und bereits daran krankt Die Friseuse. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Dörrie sich nicht zu entscheiden vermag, welcher Geschichte sie nun Vorrang geben will. Manche Erzählstränge, die gewichtig ansetzen, führen ins Nichts – zum Beispiel der um Kathis Verehrer Klaus –, andere verkürzen sich auf burleske Klischees – etwa, wenn Kathis latenter Argwohn Ausländern gegenüber dadurch geläutert wird, dass eine Gruppe illegaler Vietnamesen in ihrer Plattenbauwohnung Unterschlupf findet. Manche Anekdoten wiederum haben dramatisches Potenzial, werden aber nicht ausgebaut – etwa, wenn Kathi heimlich die Ersparnisse ihrer Tochter entwendet –, was bei Entdeckung das strapazierte Tochter-Mutter-Verhältnis endgültig zunichte machen würde.

Das alles wäre gut für eine rasante Komödie, denn die stoffliche Dichte des Buches hält dafür vieles bereit. Nur – und das ist ein weiteres Problem – ist Die Friseuse alles andere als rasant.

Die Friseuse

Der Film kann sich für keinen Duktus entscheiden und laviert um seine eigentlichen Intentionen. Wenn mehrfach der nackte Körper der übergewichtigen Protagonistin, etwa beim Sex oder bei der täglichen Hygiene, detailreich exponiert wird, hat das den Zweck der menschlichen Erdung des Films im Realismus. Wenn eine Ganovenkarikatur (Rolf Zacher) Kathi, der kein anderer Ausweg bleibt, zum Einschleusen illegaler Ausländer anstiftet, ist die Absurdität zu offensichtlich konstruiert. Bei all dem findet der Film keinen Rhythmus, denn das Gleichgewicht von Komik und Tragik geht im endlosen – teilweise pseudodokumentarischen – Erzählfluss unter. So wankt Die Frisöse derart dynamikfrei zwischen Sozialdrama und Komödie, zwischen Realismus und Parodie, dass sich der Zuschauer bald ungeduldig nach der Uhrzeit fragt.

Zwar schafft es Gabriela Maria Schmeide (Das weiße Band, 2009) ihrer Figur so viel Wärme, Kraft und Würde zu verleihen, dass man sich vereinzelt an die großartige Marianne Sägebrecht erinnert fühlt. Jedoch reicht das nicht, um diesen langatmigen und unentschlossenen Film zu tragen.

Trailer zu „Die Friseuse“


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Kommentare


Sasha Vincent

Mein Gott, was für eine verquaste Kritik eines typisch deutschen Kritikers, der nicht fähig ist, einfach mal locker zu lassen. Die Wahrheit ist ganz einfach und simpel: " Die Friseuse" ist ein charmanter, berührender, witziger und wunderbar unterhaltsamer Film. Dass darin mehrere Erzählstränge, mehrere Probleme einer Figur coexistieren - wie im wahren Leben - und nicht jeder komplett zu Ende auserzählt wird, wird hier Dörrie absurderweise zum Vorwurf gemacht. Englische Filmen werden für diese Art des "Nichtauserzählens" regelmässig gefeiert.
Und so sollte, auch wenn es deutschen Kritiker so ungemein schwerfällt, sich an deutschen Filmen ( ausser sie kommen von Fatih Akin oder sind kalte, analytische Meisterwerke wie " Das weisse Band") zu erfreuen, die Friseuse gefeiert werden.
Man darf sich hier nämlich auf einen wirklich feinen, kleinen, unterhaltsamen Film freuen, was hierzulande ungemein selten der Fall ist.
Dörrie's Regie ist für diesen Stoff geradezu perfekt. Wäre der Film ein englischer Film und genau so, wie er ist, würden ihn die deutschen Kritiker viel positiver und unbefangener loben können.
Traurig, dass die Kritiker hierzulande einfach zu verkrampft, zu verkopft und zu chronisch missgünstig ihren eigenen Filmen gegenüber sind, besonders wenn ein Film versucht, leicht und unterhaltsam zu erzählen... Aber wer schon mal auf einem dieser staubtrockenen Pressescreenings war und gesehen hat, wie missmutig, zynisch, unlocker und voller Vorfreude, etwas zerstören zu dürfen, die Herren Kritiker da miesepetrisch drin sitzen....den wundert nichts mehr.
"Die Friseuse" ist sicherlich einer der besten von Dörrie überhaupt.


Anna

Finde die Kritik von Robert Zimmermann absolut treffend. Genau so erging es mir beim Sehen dieses Films, zum Teil langatmig, zu viele Erzählstränge, die aber seltsam unberührend blieben, die lustigen Szenen hatte man alle schon in der Vorschau gesehen.
Auch war das mehrfache Zurschaustellen der Unbeholfenheit und Nacktheit des Doubles nicht plausibel, was soll das beim Zuschauer bewirken.
Der Fettsuit, den man der Schauspielerin - die übrigens die Rolle sehr gut spielt - war viel zu übertrieben und hat mit der Figur des Doubles nicht viel gemeinsam.
Alles in allem, kein wirklich toller Film.


Nina

Ich fand den Film toll.Endlich mal ein Film, der Probleme aufzeigt, nicht wirklich löst und trotzdem ein zufriedenes Gefühl hinterlässt. Wir sind mit einem Schmunzeln im Gesicht aus dem Kino herausgegangen und haben uns über einen unverkrampften Umgang mit Übergewicht, Sex, Arbeitslosigkeit und Vorurteilen gegenüber Ausländern gefreut.






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