Die Fremde in Dir

Im neuen Film von Neil Jordan spielt Jodie Foster die Radiomoderatorin Erica Bain, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer fällt und sich daraufhin zur knallharten Kämpferin für Gerechtigkeit entwickelt.

Die Fremde in Dir

Die Motive Rache und Selbstjustiz sind besonders im amerikanischen Kino äußerst beliebt. Filme wie Blinde Wut (Fury, 1936) oder Wer Gewalt sät (Straw Dogs, 1971) zeigen Gewalt und Gegengewalt und nehmen dabei sehr unterschiedliche moralische Positionen ein. Dass ein blutiger Rachefeldzug, wie er wohl am prominentesten von Charles Bronson in Ein Mann sieht rot (Death Wish, 1974) geführt wird, nicht nur von Männern ausgeführt werden muss, zeigt ein erfolgreiches Subgenre des (S)Exploitationkinos. In den Rape-and-Revenge-Filmen rächt sich das vermeintlich schwache Geschlecht mit größtmöglicher Grausamkeit an seinen männlichen Peinigern. Filme aus den letzten Jahren wie Park Chan Wooks Lady Vengeance (Chinjeolhan geumjassi, 2005) oder Death Proof - Todsicher (Death Proof, 2007) und Kill Bill 1+2 (2003, 2004) von Quentin Tarantino führen diese Tradition fort und zeigen, dass sich der weibliche Racheengel auch heute noch großer Beliebtheit erfreut.

Die Fremde in Dir

Neil Jordan konzentriert sich in seinem neuen Film ebenfalls auf eine Frau, die sich mit Waffengewalt durchsetzt. Immer wieder wechselte Jordan im Laufe seiner Karriere zwischen eher profillosen, amerikanischen Großproduktionen (Jenseits der Träume, In Dreams, 1999) und persönlicheren Filmen, in denen sich der Regisseur mit seiner irischen Heimat auseinandersetzt (The Crying Game, 1992; Breakfast on Pluto, 2005). Die Fremde in dir (The Brave One) zählt zur ersten Kategorie, wo es mehr um solides Handwerk, als um eine besondere künstlerische Handschrift geht. Erzählt wird darin von der Radiomoderatorin Erica Bain (Jodie Foster), die im Central Park mit ihrem Verlobten (Naveen Andrews) brutal zusammen geschlagen wird. Als sie nach drei Wochen aus dem Koma erwacht und erfährt, dass ihr Freund bei dem Überfall ums Leben gekommen ist, fühlt sie sich nur noch mit Waffe sicher. Nachdem Erica ihre Waffe zweimal aus Notwehr benutzt hat, fängt sie an, die Gefahr regelrecht zu suchen. Gleichzeitig lernt sie den in diesem Fall ermittelnden Detective Mercer (Terence Howard) kennen und freundet sich mit ihm an.

Die Fremde in Dir

Mit Schlägern, die ihre Taten auf Video aufnehmen und sie auf dem Handy versenden, greift der Film einen aktuellen Trend bei Gewaltverbrechen auf. Gerade hierin unterscheidet sich Die Fremde in dir auch von der mit Genrezitaten gespickten Welt Tarantinos oder der extremen Ästhetisierung von Park Chan Wook. Während diese Filme eindeutig in einer künstlichen Welt spielen, orientiert sich Jordan an der Realität. Umso überraschender ist es angesichts dieser Tatsache, dass der Film sich gegenüber Ericas Attacken gegen Vergewaltiger, Mörder und Diebe moralisch nicht positioniert. Erica ist zwar die Sympathieträgerin des Films, wird aufgrund ihrer Taten aber nicht zur Heldin stilisiert. Durch das Töten wird sie zwar abgebrühter, doch gleichzeitig wird sie von der psychischen Belastung und moralischen Zweifeln heimgesucht. Ihr Rachefeldzug folgt eher einer zwanghaften Handlung als einem persönlichen Genuss. Dieser Zwiespalt, in dem sich die Protagonistin befindet, wird jedoch nicht zum Anlass genommen, Fragen nach der Legitimation ihrer Taten aufzuwerfen, sondern all diese Elemente ordnen sich ganz der Funktionalität eines spannenden Thrillers unter.

Ericas Wandlung vom traumatisierten Opfer, das noch nie eine Waffe in der Hand hatte, zur eiskalten Killerin vollzieht sich zwar ein wenig zu schnell, um nachvollziehbar zu sein, die Handlung des Films ist aber so dicht gehalten, dass das nicht weiter ins Gewicht fällt. Selbst die klischeebeladenen Figuren der Radiomoderatorin, die mit ihrem Mikrofon den Rhythmus der Stadt einfängt und in ihren Sendungen pseudopoetische Vorträge hält, sowie des einsamen Cops, der gerade erst von seiner Frau verlassen wurde und nun den Melancholiker gibt, inszeniert Jordan komplex und interessant genug, um den Film tragen zu können. Dabei gelingt ihm sogar das Kunststück, die sich anbahnende Love Story zwischen Erica und Mercer plausibel in die Handlung zu integrieren. Was normalerweise dazu verdammt gewesen wäre, aufgesetzt und wie ein plumper Versuch, die Zielgruppe zu erweitern, gewirkt hätte, funktioniert vor allem durch die für einen Film dieser Größenordnung ungewohnte Zurückgenommenheit.

Kommentare


Martin Z.

Es ist kein echtes Remake des Films mit Charles Bronson, denn dieser Film hat noch einige Dimensionen mehr. Abgesehen von der Gewaltschiene, die auch hier mit der Zustimmung der Zuschauer rechnen kann, ist er viel emotionaler gestaltet, was vor allem Jodie Foster transportiert. Sie schafft den Spagat zwischen reaktivem Racheengel und dem gefühlsbetontem Bewusstsein der Kriminalität des eigenen Handelns. Mit guten, schnellen Rückblenden als Wiederholung und Verstärkung der Handlung, unterlegt mit einem sehr melodiösen Titelsong, der bewusst eingesetzt wird und die Grausamkeit etwas abfedert, verfolgt man ihr Zusammengehen mit dem ermittelten Detektiv Terrence Howard, eigentlich ihr Gegenspieler. Aber Parallelen treffen sich eben in der Unendlichkeit. Eine überraschende Wende am Ende bringt eine Lösung, die jeden zufrieden stellen könnte. Gemäß dem Originaltitel ist Jodie übrigens ’Die Mutige’.


Dr. Andreas Jacke

Mir hat der Film damals im Kino nicht gefallen, weil er das Rache-Thema anders als Kill Bill tatsächlich ernst nimmt und obwohl diese Art zu Handeln in diesem konkrten Fall als legetim erscheint keinerlei Reflexion über die Sinnloskgkeit anstellt. Das ausgerechnet Jodie Foster in so einem einfachen Film mitspielt ist ein Zeichen für dafür, dass es wohl zuwenig bessere Projekte gibt...oder ihr diese nicht angeboten wurden. Das ist bedauerlich, wenn man ihre exzellente Auswahl des Stoffs in früheren Jahren bedenkt.






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