Die Frau, die singt

Denis Villeneuve begibt sich zusammen mit seiner Protagonistin auf eine Reise in den Nahen Osten, hin zu den Abgründen einer interkulturellen Familiengeschichte.

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Testamentsverkündung. Die Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) sitzen im Büro des Notars Jean (Rémy Girard), des langjährigen Arbeitgebers ihrer Mutter Narwal Marwan (Lubna Azabal). Diese fordert in ihrem letzten Willen nicht nur Ungewöhnliches, wie nackt begraben zu werden, sondern erteilt ihren Kindern auch eine Aufgabe: Zwei Umschläge sollen übermittelt werden – einer für den unbekannten Vater der Zwillinge, einer für den Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin gar nichts wussten. Während Simon das Testament zunächst nicht ernst nimmt, macht sich Jeanne gleich am nächsten Tag auf den Weg in den Nahen Osten, in die Heimat ihrer Mutter.

Der Aufhänger von Die Frau, die singt (Incendies, 2010) ist die Suche nach verschollenen Familienmitgliedern, tatsächlich geht es aber darum, die unbekannte Vergangenheit von Narwal Marwan zu erforschen. Wenn sich Jeanne und später auch Simon an Orte begeben, die für die Biografie ihrer Mutter bedeutend waren, zeigen Rückblenden, was sich damals wirklich zugetragen hat. Dicke rote Titel, die für den Film eigentlich keine Bedeutung haben, teilen ihn in Kapitel, die sich dem bewegten Leben Narwals als von der Familie Verstoßener und politischer Widerstandskämpferin widmen.

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Basierend auf dem Theaterstück Scorched von Wajdi Mouawad inszeniert der kanadische Regisseur Denis Villeneuve (Maelström, 2000) eine innerfamiliäre Detektivgeschichte vor der Kulisse eines Krisengebietes. Die unterschiedlichen Zeitebenen verknüpft der Film dabei auf nicht besonders originelle Weise: Überwiegend geht Jeanne in brav chronologischer Reihenfolge die verschiedenen Stationen im Leben ihrer Mutter ab. Indem der Zuschauer immer nur häppchenweise mit neuen Informationen versorgt wird, geraten die 130 Minuten aber trotzdem weitgehend kurzweilig. An einigen Stellen wird die dramaturgische Struktur allerdings ein wenig komplexer, wovon auch der Film profitiert. Eine rätselhafte, kurz vor dem Tod der Mutter angesiedelte Szene im Schwimmbad wird etwa erst am Ende mit einer spektakulären Enthüllung aufgelöst.

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In den Rückblenden wimmelt es nur so vor politisch brisanten Motiven: Von Studentenunruhen und Glaubenskriegen über Folter bis zu Ehrenmorden und Attentaten wird alles angeschnitten.  Zumindest in einer Hinsicht zeigt Die Frau, die singt eine ungewöhnliche Perspektive. Die Rückblenden zeigen einen erbitterten Kampf zwischen Muslimen und Christen, doch zur Abwechslung ist es hier einmal nicht der islamistische Fundamentalismus, der am Pranger steht. Die grausamsten Taten werden letztlich von den Christen begangen. 

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Es ist bezeichnend für den Film, dass die Handlung in einem nicht näher beschriebenen Land angesiedelt ist. Die brisanten Motive interessieren Villeneuve in keinem konkreten sozialen oder politischen Kontext, sondern ausschließlich als Situationen mit einem hohen dramatischen Potenzial. Die Figur der Mutter ist für ihn vor allem als leidende Märtyrerin interessant. Ihrer Gefühlswelt, aber auch der anderer Figuren nähert sich Die Frau, die singt auf unangenehm aufdringliche Weise. Kaum passiert etwas Tragisches – was in regelmäßigen Abständen der Fall ist –, heftet sich die Kamera an die meist weiblichen, leidenden Gesichter. Doch damit nicht genug. Nicht selten werden solche emotionalen Momente noch durch Zeitlupe in die Länge gezogen und durch den Einsatz entsprechender Musik – neben dem Soundtrack von Grégoire Hetzel vor allem Radioheads „You and Whose Army“ – endgültig überfrachtet. An einer Stelle ist sich Villeneuve nicht einmal zu schade dafür, die erwähnten Mittel in geballter Form einzusetzen und dazu ein Kind traurig in die Kamera blicken zu lassen.

Hätte sich Villeneuve weniger darauf eingeschossen, seinem Zuschauer unbedingt ein paar Tränen entlocken zu müssen, Die Frau, die singt wäre zumindest ein solides Drama geworden. So bleibt lediglich die kalkulierte Kombination von ganz großen Gefühlen mit dem Schauplatz eines politisch repressiven Landes.

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Kommentare


Lars

Ich hab selten einen so schlechten Kommentar gelesen.

Wie kann man behaupten der Autor sei nicht an sozialen oder politischen Motiven interessiert?

Gerade weil die Geschichte in einem namenlosen Land spielt, ist sie so übertragbar.

Und warum ist es für den Film wichtig, dass die grausamsten Taten von Christen begangen werden? Beide sind absolut austauschbar. Das hat es sich jemand schon sehr gemütlich gemacht in seinem Kritikersessel und dann die Dramaturgie auseinander genommen.

Es ist wirklich betonenswert, dass man diesem Film in keiner Minute anmerkt, dass er deutlich Überlange hat und er die brutalsten Szenen auslässt und sie dadurch nicht an Wirkung verlieren.

Empfehlenswert, aber man sollte ein bisschen vorbereitet sein, was einen erwartet.


Lucie, München

Finde, dass die Filmkritik dem Film nicht wirklich gerecht wird. Die Frau, die singt, ist ein unglaublich berührender, tiefgehender Film über Liebe, Mutterliebe, Zerrissensein, Vergeben, Zusammenfinden und über eine obwohl zutiefst traumatisierte, trotzdem so würdevolle, starke Frau, die über viele Begrenzungen unseres menschlichen Geistes nach und nach hinauswächst. Zwar ein verstörendes Drama, und doch mit einem Ende, das uns Zuschauer sprachlos zurückließ in seiner Zartheit und Vollkommenheit. Wunderschöne Gesichter, treffende Musik. Alles in allem, ein großartiger Film!


Christine, Bozen

Ja, ich find auch, der Film drückt allzusehr auf die Tränendrüse, die Thematik ist sehr interessant, zu kurz kommt das Motiv am Mord des Politikers, aus diesem Film hätte man sehr viel mehr machen können.






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