Die Frau, die sich traut

Marc Rensings zweiter Film ist nicht viel subtiler als sein Titel.

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Es gab schon unsympathischere Kinomoden als die in letzter Zeit deutliche Präsenz von älteren Frauen mitsamt ihren Träumen und Affären. Auf der Berlinale 2013 jedenfalls waren sie nicht zu übersehen: Im Wettbewerb wurde Paulina García für ihre Rolle im chilenischen Film Gloria ausgezeichnet, in der Perspektive Deutsches Kino drehte sich Silvi um eine weibliche Protagonistin in der zweiten Lebenshälfte. Die Schwierig- bis Unmöglichkeiten eines Neuanfangs, der melancholische Blick zurück auf jugendlichere Zeiten, die Steine auf dem Weg zu Würde und Sexualität im Alter, das sind unterbeleuchtete Motive in einer Filmwelt, in der Frauen noch immer Adoleszenz zu verkörpern haben, das Beauty-Image weiblicher Stars zur Vermarktungsstrategie gehört.

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Mit Die Frau, die sich traut bedient sich nun ein weiterer deutscher Film an diesem narrativen Rezept, verzichtet allerdings vollständig auf die filmische Zubereitung. Rensing hat für eine derart mit existenzieller Angst geschwängerte Handlung einen beeindruckend kühlen Film gedreht, aus dem einzig und allein die starke Steffi Kühnert in der Hauptrolle hervorsticht. Doch deren Figur Beate schlängelt sich hier weniger durch die Unwägbarkeiten des Lebens als vielmehr durch die Gesetzmäßigkeiten allzu braver Drama-Scripterei. Jegliche in diesem Film schlummernde Substanz steckt fest in einem engen Plotpoint-Korsett und bleibt auf bloße Beispielhaftigkeit reduziert. Es geht um eine Frau, die nur noch selten etwas für sich selbst tut – wegen zweier unselbständiger Kinder zum Beispiel –, die einst ein großes Hobby hatte – Schwimmen zum Beispiel – und sich damit nochmal einen Traum erfüllen will – den Ärmelkanal durchqueren zum Beispiel. Sie braucht dafür nur einen letzten Anstoß – Krebs zum Beispiel.

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Dass selbst die tödliche Krankheit mehr nervt als bewegt, hat auch damit zu tun, dass Rensing sie nicht nur für Beates neu gewonnene Zielstrebigkeit benutzt, sondern auch um die Selbstbezogenheit ihres Umfelds zu entlarven. So verschweigt Beate den Tumor ihren Kindern zunächst, und die belasten sie weiter mit ihren eigenen Sorgen, anstatt mal zu fragen, wie es der Mutter eigentlich geht. Dem Zuschauer Infos zuzuschustern, die anderen Figuren verborgen bleiben, ist hier kein Mittel, um Spannung zu erzeugen, sondern einzig und allein, um den Zeigefinger gegen diese Figuren zu erheben: Wenn sie nur wüssten, diese fiesen Egoschweine.

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Überhaupt wird einem der Egoismus der Kinder so dermaßen unter die Nase gerieben, dass die allergischen Reaktionen auf solch ärgerliche Überdeutlichkeit nicht lange auf sich warten lassen. Sohn Alex (Steve Windolf) wohnt mitsamt Freundin noch bei Mutti und scheint das durchaus zu genießen. Tochter Rike (Christina Hecke) steht vor Abschluss ihres Studiums und hat selbst ein kleines Schulkind, um das sich in der Examensphase daher Oma kümmern muss – bis es droht sitzenzubleiben. Ein Muttersöhnchen und eine alleinerziehende Langzeitstudentin sind Rensings Feindbilder, über die wir uns mit der zu kurz gekommenen Beate identifizieren sollen. Mit solchen Kindern kann keine Mutter mal an sich denken, lautet wohl die Botschaft, die aber auch ohne Probleme auf den Schematismus von Die Frau, die sich traut angewandt werden kann. Denn so sehr sich Steffi Kühnert auch abmüht: In einem solchen Film kann keine Figur atmen.

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Die mit Ausnahme von Beates bester Freundin Henni (Jenny Schily) ärgerlichen Nebenfiguren sind dabei nicht das einzige, nur das größte Problem von Die Frau, die sich traut. Daneben allzu vertrautes Scheitern: Die Handlung will plausibel genug sein, um ernst genommen zu werden und Mitgefühl zu evozieren, überraschend genug sein, um zu unterhalten. Doch dieser Balanceakt hat kaum angefangen, da ist Die Frau, die sich traut schon am Boden angekommen. Der Zwang, unbeschwert und zugleich bewegend daherzukommen, führt hier nur zu Schwere und Unbeweglichkeit. Jede noch so überraschende Wendung kommt vollkommen kalkuliert daher, jeder stille Moment sich anbahnender Komik wird von einem kommentierenden Spruch erstickt. Und hinter dem unsäglichen Kinder-Bashing die übliche neoliberale Psychologie, Eigenverantwortung statt Selbstbestimmung: Immer schön sein Leben auf die Kette kriegen, die eigenen Träume nicht aus dem Blick verlieren, man muss schließlich nur wollen – und brav zur Krebsvorsorge gehen.

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Nichts gegen Rückgriffe auf eine erprobte Erzählweise und ein stabiles Gerüst für die eigene Inszenierung. Aber wenn diese Erzählweise den im Stoff verbogenen Themen, Motiven, Intensitäten nicht zum Ausdruck verhilft, sondern ihn gerade verhindert; wenn das Gerüst bei Betrachtung des fertigen Werks noch an allen Ecken und Enden zum Vorschein kommt, dann wird aus dem Rückgriff ein verzweifeltes Festhalten, aus der Stabilität inszenatorische Langeweile. Die völlig uninspirierte Bedienung der Plot-Klaviatur verhilft der Frau, die sich nicht traut nicht zum Leben, sondern zieht kontinuierlich die Energie aus allem, was hier leben könnte: Was heißt es, sich an eine längst vergessene Leidenschaft zu erinnern? Was bedeutet es, mit dem möglichen Tod konfrontiert zu sein? Was ist für Beate das Faszinierende am Schwimmen, am Wasser? Auf all das versucht höchstens das Drehbuch mal eine Antwort zu behaupten. Der Film schweigt von Anfang bis Ende.

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