Die Fliege

Jeff Goldblum mutiert zum Monster der Liebe. David Cronenbergs größter Box-Office-Erfolg ist gleichzeitig ein künstlerischer Triumph.

Die Fliege 1

Das Jahr 1983 markiert einen entscheidenden Umbruch in David Cronenbergs Karriere. Bisher war er ein Low-Budget-Autorenfilmer gewesen, der Body-Horror-Filme wie Parasiten-Mörder (Shivers, 1975) oder Rabid – Der brüllende Tod (Rabid, 1977) für die mit Steuergeldern finanzierte Canadian Film Development Corporation (CFDC) gedreht hatte. Damit war er nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell sehr erfolgreich gewesen, vor allem, weil seine Filme auch im amerikanischen Markt Geld einspielten. Allerdings machten Cronenbergs Filme fast als einzige der Produktionsfirma Gewinn. Das Geschäftsmodell der CFDC (heute Telefilm Canada) stand auf wackligen Beinen, und ihre Zukunft war ungewiss. Cronenberg entschloss sich, aus dem familiären kanadischen Filmbusiness auszubrechen. Ganz bewusst wollte er im internationalen Mainstream Fuß fassen. Der Weg führte den Regisseur also nach Hollywood, wo er mit der Stephen-King-Verfilmung The Dead Zone (1983) einen Achtungserfolg feierte. Die Fliege (The Fly, 1986) sollte gleichzeitig Höhe-, in gewisser Weise aber auch schon wieder Schlusspunkt von Cronenbergs Flirt mit dem Box Office werden.

Das Drehbuch basiert auf einer Kurzgeschichte von George Langelaan, die bereits 1958 mit großem Erfolg von dem deutschen Hollywood-Emigranten Kurt Neumann verfilmt worden war. Die neue Version nutzt allerdings nur noch die Grundidee der Vorlage. Charles Edward Pogue, der die erste Fassung des neuen Drehbuchs schrieb, optierte statt einer direkten Verwandlung des Wissenschaftlers in ein Fliegenmonster für seine langsame körperliche Desintegration und Mutation. Eine Idee, die Cronenberg überhaupt erst auf das Projekt aufmerksam machte und die er in seiner eigenen Drehbuchfassung weiterentwickelte. Die Anknüpfungspunkte zu seinen frühen Filmen – Krankheit, Infektion, die Zerstörung des Körpers als Entität – sind offensichtlich. Die Fliege ist somit nicht nur Cronenbergs kommerziell erfolgreichster Film, sondern stellt auch die Kulmination seiner frühen Body-Horror-Phase dar.

Die Fliege 2

Der Forscher Seth Brundle (Jeff Goldblum) hat Geräte entwickelt, mit denen er Körper von einem Ort zum anderen teleportieren kann. Ein Selbstversuch misslingt allerdings auf furchtbare Weise: Unbemerkt gerät eine Stubenfliege in die Teleportationskammer; der Vorgang gelingt zwar scheinbar, aber die Gene der Fliege haben sich mit denen von Brundle vermischt. Seine Freundin Veronica (Geena Davis) bemerkt zunächst merkwürdige Haare, die aus seinem Rücken wachsen. Dann setzt eine Verwandlung ein, in deren Verlauf Seth seine Fingernägel und verschiedene andere Körperteile verliert, unstillbaren Hunger auf Sex und Zucker entwickelt und schließlich zu einem grauenhaft entstellten Zwitterwesen mutiert. Zu allem Übel ist Veronica von Seth schwanger. Weil sie Angst hat, ein Monster zu gebären, plant sie eine Abtreibung. Aber Seth bringt sie in seine Gewalt und will sie zu einem letzten Experiment zwingen.

Bei seinem Erscheinen wurde Die Fliege als Metapher auf den HIV-Virus gedeutet. In der Rückschau kann das nicht überraschen, denn der Schock über die Verwundbarkeit und Schwäche des menschlichen Körpers in einer ansonsten fortschritts- und technikgläubigen Epoche saß damals tief. Mit seinen extremen Ekel-Effekten schockierte Cronenberg ein Publikum, das sonst unbesiegbar hochgetunte menschliche Kampfmaschinen wie Schwarzenegger und Stallone bejubelte. Umso überraschender war der Erfolg des Films, der zwei Wochen lang an der Spitze der US-Kinocharts stand. Offensichtlich traf Cronenberg einen Nerv und visualisierte Ängste universeller Natur. Der Regisseur selbst sieht ihn als Gleichung auf Krankheit und Tod. Hier findet aber auch die Angst vor der immer stärker zunehmenden Individualisierung und Vereinzelung in den westlichen Gesellschaften ihren Ausdruck.

Die Fliege 3

Nicht zuletzt deshalb berührt der Film auch heute noch auf merkwürdig intensive Weise. Was von Die Fliege bleibt, ist trotz der Oscar-Auszeichnung für das beste Make-up kein Horror-Schlachtfest, sondern ein ergreifendes Kammerspiel über den verzweifelten Versuch des Ich, dem ontologischen Gefängnis des eigenen Körpers und dem gesellschaftlichen der Vereinzelung zu entkommen und sich die Geliebte ganz und gar einzuverleiben. Die Zerstörung des Körpers, die in Cronenbergs früheren Filmen für das Geworfensein in eine Welt des unkontrollierbaren Chaos steht, erhält in Die Fliege eine zutiefst romantische Konnotation: Brundles will seinen Körper mit dem von Veronica verschmelzen – gewissermaßen die Ultima Ratio der Liebe. So entsteht beim Zuschauer Mitleid mit dem Monster, trotz seiner widerlichen Entstellung. Cronenberg beginnt mit Die Fliege einen Weg vom Außen des Körpers ins Innere der Seele, der zum direkt folgenden Meisterwerk Die Unzertrennlichen (Dead Ringers, 1988) führt und, ultimativ, zu seinem aktuellen Psychotherapie-Drama Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method, 2011).

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