Die fetten Jahre sind vorbei

Nach seinem Debüt, dem psychologischen Drama das weiße rauschen (2001), überrascht Hans Weingartner jetzt mit einer politischen Komödie: Eine Gruppe junger Idealisten von heute entführt einen alten Idealisten von gestern – die Liebe spielt dabei aber die größte Rolle. Ein sehenswerter Film, der vor allem durch die schauspielerischen Leistungen überzeugt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Peter arbeitet in einer Firma, die Sicherheitsanlagen für Privathäuser herstellt. Da er die Systeme kennt, ist es ihm ein Leichtes, gemeinsam mit seinem Freund Jan in diese Häuser einzubrechen. Aber sie stehlen nichts – Jan und Peter lassen lediglich ein Chaos zurück, das sie so signieren, wie es auch Künstler zu tun pflegen: In jedem Haus hinterlassen sie Briefe mit dem Satz „Sie haben zuviel Geld“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“ – und unterzeichnen mit „Die Erziehungsberechtigten“. Damit drücken sie ihren politischen Protest aus, leisten „poetischen Widerstand“, wie es Regisseur Hans Weingartner formuliert.

Auch Peters Freundin Jule ist politisch aktiv, aber es ist Jan, der sie in die Aktivitäten der „Erziehungsberechtigten“ einweiht. Diese klassische Dreiecks-Konstellation lässt sich auch als erzählerisches Gegengewicht zu der eigentlich politischen Grunddisposition des Filmes verstehen, sie macht aber auch deutlich, dass der „poetische Widerstand“ zwar durchaus sympathisch ist, aber kein ernsthaftes politisches Gegenkonzept sein kann. Er bleibt der letztlich utopische Wunsch, Menschen – in diesem Falle reiche Menschen – von Grund auf ändern, bessern zu können.

Die fetten Jahre sind vorbei

Von der Politik entfernt sich der Film vor allem in seiner zweiten Hälfte aber immer mehr; sie erzählt zudem eine ganz andere Geschichte. Dabei ist hervorzuheben, dass es Weingartner gelungen ist, mit Hilfe seiner kohärenten Inszenierung den Film nicht auseinanderbrechen zu lassen, obgleich schon das Setting der Geschichten nicht unterschiedlicher hätte sein können: während der erste Teil in Berlin spielt, finden wir Jule, Jan und Peter im zweiten in einer Berghütte am Fuße der österreichischen Alpen wieder. Eine ländliche Idylle? – Nicht ganz, denn sie haben einen Manager entführt, der bei einem ihrer Einbrüche überraschend in seine Villa zurückkam.

Der Übergang in diesen zweiten Teil des Filmes ist auch deshalb gelungen, weil die erste Szene in der Berghütte ganz einer – und leider der einzigen – politischen Diskussion dient. Diese längste Dialogszene des Filmes macht die Weltanschauungen und Wertvorstellungen der bis dahin eher „pop-politischen“ Jugendlichen deutlicher, da sie hier gegen die des Managers Hardenberg gestellt werden. Keiner dieser Ansichten scheint dabei die ganze Sympathie der Filmautoren zu gehören. Denn die „Erziehungsberechtigten“ sprechen Hardenberg – schon mit dem Akt der Entführung – seine Rechte als Individuum ab und Hardenberg seinerseits entpuppt sich nach dem Abendessen als „alter 68er“ und erklärt: „Vor 30 Jahren hätten wir gerne ’mal so einen Bonzen in der Mangel gehabt. Und jetzt sitz’ ich selber da.“ Das Verständnis aber, das er damit äußert, ist zugleich ein Spiegel seines Verrates an den Idealen eben dieser „68er“.

Die fetten Jahre sind vorbei

Den Konflikt, der sich in der Konfrontation der „neuen Idealisten“ mit dem inzwischen saturierten „Alt-68er“ zeigt, führt der Film dann aber nicht genügend aus. Er verliert immer mehr an seiner – dadurch zunehmend konstruiert wirkenden – politischen Ausgangshaltung und widmet sich mehr den sich zuspitzenden zwischenmenschlichen Problemen, als sich herausstellt, dass sich die mit Peter liierte Jule in Jan verliebt hat. Die politische Diskussion wird so weder zu einem Ende noch zu einem Ergebnis geführt; es ist das Private, das letztlich das Ende der Aktion herbeiführt. Am Schluss des Filmes, wenn sich die drei dann gleichsam versöhnt anderen „Rebellionen“ hingeben, findet die Geschichte – jetzt auch in ihrer „coolen“ Inszenierung – ganz zu ihrem „pop-politischen“ Anfang zurück. Es ist dann zu deutlich das Fernsehen, welches die drei Rebellen als träge machende Maschine disqualifizieren, wobei noch im Abspann der Ausdruck einer Ambivalenz deutlich wird, die im Grunde für den ganzen Film stehen müsste: Die fetten Jahre sind vorbei konnte nur mit Hilfe eben dieses Fernsehens entstehen.

Überzeugend bleibt die Arbeit der Schauspieler. Stipe Erceg hat Peter mit einer starken physischen Präsenz ausgestattet, so dass er manchmal sogar zu sehr als der eher vorschnell handelnde Charakter erscheint. Vielleicht liegt es aber auch an den psychologisch interessanteren Figuren Jule und Jan, dass Julia Jentsch und Daniel Brühl als die stärkeren Schauspieler erscheinen. Burghart Klaußner wiederum verleiht seinem Hardenberg fast von Anfang an kaum das Erschreckte eines Entführten, sondern eher einen Hauch von Väterlichkeit. Hierfür findet Weingartner ausdrucksstarke Bilder und lässt einigen, zum Teil improvisiert wirkenden Szenen breiten Raum, etwa wenn Hardenberg mit Peter Mau-Mau spielt oder der Entführte für seine Entführer kocht – das macht Klaußners Hardenberg auch sympathisch und im Hinblick auf seine Diskussionshaltung scheint er sogar nahe an einer tatsächlichen Veränderung seines Lebens.

Im Gegensatz zu Weingartners erstem Film das weiße rauschen zeigt Die fetten Jahre sind vorbei den Regisseur vor allem als Erzähler, der die komplexe und in Teilen politische Geschichte unterhaltsam zu inszenieren vermag. Der unterhaltsam-humorvolle Ton ist es auch, der den Film leichtfüßig erscheinen lässt – so leichtfüßig, dass er seines doppelten Bodens fast nicht bedurft hätte.

 

Kommentare


petra b

Schon gewußt? Die Drehbuchautorin des Films, Katharina Held, war selber auch als Schauspielerin tätig: Sie spielte 1997 eine Hauptrolle in der TV-Serie Montagsgeschichten ( siehe www.montagsgeschichten.de.vu )


Eva

Tatsächlich gelingt es weingartner nicht besonders gut, das politische engagement seiner hauptfiguren zu vermitteln. politischer aktionismus stellt man sich irgendwie anders vor - nicht so isoliert, schliesslich leben die drei in berlin. daniel brühl erinnert manchmal an einen möchtegern-robinhood.

burghart klaussner hingegen spielt seine figur exzellent. er wirkt zwar menschlich-väterlich, bleibt jedoch immer der heuchlerische, der wolf im schafspelz, der jee gelegenheit nutzt die drei gegeneinander auszuspielen.






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