Die Farbe der Sehnsucht

Dass einer im selben Wind steht wie die anderen, macht ihn nicht weniger allein. Der Dokumentarfilmer Thomas Riedelsheimer reist um die Welt und porträtiert fünf Menschen, die mit der Umgebung hadern, der sie angehören.

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Seinen Ruf als Dokumentarfilmer, Kameramann und Editor verdiente sich Thomas Riedelsheimer spätestens 2001 mit Rivers and Tides, einen von den ersten Bildern an großartigen und beglückenden Film. Der Künstler Andy Goldsworthy musste dort seinen Schaffensprozess erklären, aber sonst geschah alles „mit“ der Kamera, keinesfalls für sie. Wie sein Protagonist ist Riedelsheimer in mehrfacher Hinsicht ein Land Artist. Den dokumentarischen Acker bestellt er – wie er selbst sagt – „eigenbrötlerisch“, mit starker, sinnstiftender Nähe zur Natur und ausgeprägtem Interesse für das Menschliche. Was angebaut wird, sind weder reine Nutz- noch filmische Kunstpflanzen, vielmehr eine schlichte und durchaus eigenartige Sorte. Auch in seinen übrigen filmischen Künstlerporträts verschreibt sich der Regisseur aus Wertschätzung ganz seinen Figuren. Im Einvernehmen mit ihnen ist der Wunsch ablesbar, ganz von dieser Welt zu sein. Hermetisch geraten Künstlerporträts oft – die von Riedelsheimer sind autark.

Im Tagebuch einer anderen lesen

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Die Farbe der Sehnsucht setzt sich aus Fragmenten zusammen, von denen jedes eine eigene Geschichte erzählt. Wie in ein luftiges Laken sind die Figuren in die jeweilige Umgebung gehüllt, der sie angehören und mit der sie auch stets hadern müssen. Am Anfang das Straßentreiben eines Lissaboner Einwandererviertels, der Blick auf die besseren Gegenden hinunter und in die Küche einer Frau hinein, die vor vielen Jahren von den Kapverden nach Portugal kam. In ihrer Heimat hat sie zwei kleine Kinder zurückgelassen und sich dann in dieser Gegend am eigenen Lebensmut hochgezogen. Der nächste Schauplatz ist Katar. Wir sehen eine Wüstenlandschaft und Werbebilder, auf denen Musterfamilien ihr luxuriöses Musterleben vorführen – alles hier eine Oberfläche, real estate das Echteste, was das bloße Auge sehen kann. Die kühlen Oberflächen lässt Riedelsheimer kühle Oberflächen sein und wechselt schnell ins Private einer Frau. Die Realität um sie herum hält sie fest in den Klauen, einen Begriff vom Freisein hat sie dennoch und schleift ihn im Schreiben. Sehr intim, was sie da gerade vorliest: wie gerne sie tanzen und sich die Kleider vom Leib reißen würde, wenn es nur ginge. Dabei notiere ich in den inneren Kalender, bald meine Haare im Wind wehen zu lassen.

In demselben Wind stehen

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Hin und wieder auch Einstellungen, wo das Ganze ins Banale zu kippen droht: In einem Münchner Gymnasium lassen Abiturienten Luftballons in die Luft steigen. Zur Abgedroschenheit der Geste kommen noch die zum Anlass gekauften Kleider, die Haare, die Schminke, das unbedingte Vertuschtwerden. Einige werden mühelos aus der Schule in die nächste Disziplinaranstalt wechseln, aber Julius ist einer von denen, die sich unschlüssig sind. Das von ihm komponierte Pianostück und mehrere Gitarrenlieder nimmt sich Die Farbe der Sehnsucht zunächst einmal im vollen Ernst zur Filmmusik. Als Julius U-Bahn fährt, ist es unklar, in welcher Stadt, durch welche Untergründe er sich in Wirklichkeit bewegt. So sanft sind hier die Übergänge – von dem Gemeinsamen, das dadurch bewusst wird, lebt der Film zum weit überwiegenden Teil. Anders mit den naiven Anfängermelodien – sie haben das Entgegenkommen nötig. Wie ein Regenbogen durch eine Brechung des Lichts entsteht, lassen sich die titelgebenden Farben der Sehnsucht auf mehr oder weniger prononcierte Wunden und Schrammen zurückverfolgen. Die Protagonisten von Thomas Riedelsheimer sind zum Bewundern, zugleich spüren wir ihre Fragilität. Dass ein Mensch in demselben Wind steht wie jeder andere, macht ihn nicht weniger allein. Immer muss er zwischen dem einsamen Selbst und dem Gefühl der Zugehörigkeit schwanken, scheint der Film uns zeigen zu wollen.

Die Wärme ist da

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So fühlt sich ein Mann in Mexiko einer Frau und dem Meer leidenschaftlich verbunden. Er filmt die wuchernden Unterwasserpflanzen und schwimmt allein mit den seltsamen Fischen. Die Frauen in Lissabon vergessen sich im ansteckenden Rhythmus des Tanzes, die kinetische Energie der Trommelmusik aus ihrer Heimat versetzt sie in Trance. Im Gegenbild schaut die Kamera vom Rand einer Bahnhofsplattform ganz lange auf die Gleise, tastet gefährlich die hohen Klippen im japanischen Tojinbo ab, wo sich jährlich Hunderte von Verzweifelten in den Abgrund stürzen. Doch das entscheidende Bild ist wieder woanders: die Obdachlosen in Osaka in einer großen Halle, die früher einem anderen Zweck gedient haben muss. Sie liegen auf dem Boden, immer einzeln, nie nebeneinander. Nicht um einander zu wärmen, tun sie sich dann doch zusammen, sondern um Gedichte zu schreiben. Die Farbe der Sehnsucht mag etwas flau und öde vorkommen, weil es keine Überhänge bietet, weil alles Spitze und Überflüssige vom Land Artist Riedelsheimer zurückgeschnitten worden ist. Aber banal ist hier nichts, vielmehr von einer Haltung grundiert, die ernst nimmt, was sie zeigt. In den Vogelschwärmen und landenden Fallschirmen wird gelesen, alles liegt auf der Hand. Der Funke mag fehlen, aber die Wärme ist da.

Trailer zu „Die Farbe der Sehnsucht“


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