Die Farbe der Milch

In der norwegischen Sommerlandschaft ist die junge Selma mit dem Beziehungschaos ihrer Tante und der ersten eigenen Liebe konfrontiert. Torun Lian erzählt einen bezaubernden Film über das Erwachsenwerden vor der Büllerbü-Kulisse Südnorwegens.

Die Farbe der Milch

Das Fahrrad ist vielleicht der Inbegriff der beginnenden Pubertät. Es ist das Zeichen einer wachsenden, aber doch noch relativen Mobilität und Unabhängigkeit. Joachim Masanneks Wilden Kerle (2003-2007) radeln wild durch das Land, um „schneller erwachsen“ zu werden. In François Truffauts Kurzfilmdebüt Die Unverschämten (Les Mistons, 1957) strampelt eine Gruppe Halbwüchsiger auf ihren Zweirädern durch die sommerheißen Straßen des südfranzösischen Nîmes. Die Fahrradbande verfolgt ein älteres Mädchen, und ist damit gleichzeitig dem großen, ungekannten Mysterium der Erwachsenenwelt auf der Spur: der Liebe.

Um diese „größte aller Naturkatastrophen“ geht es auch in Torun Lians zweitem Spielfilm Die Farbe der Milch (Ikke naken, 2004), und die Kinder hier sind Truffauts’ Jungs ziemlich ähnlich. Sie haben braungebrannte Gesichter und radeln durch eine sonnendurchflutete Landschaft, vorbei an bunten Holzhäusern. Es ist Mittsommer in Norwegen, die Gräser stehen hüfthoch in sattem Grün und der Dünensand strahlt weiß. Genau so stellt man sich den Rahmen glücklicher Kindheiten vor.

Die Farbe der Milch

Für die zwölfjährige Selma (Julia Krohn) ist es aber kein Sommer wie jeder andere. Eigentlich hatte sie sich mit ihren Freundinnen Elin (Maria Elisabeth A. Hansen) und Ingun (Marie Kinge) geschworen, die Jungen aus dem Dorf nicht zu beachten. Doch dann kommt heraus, dass Elin ausgerechnet mit Andy (Bernhard Naglestad), einem Jungen aus der Klasse, geknutscht hat. Und in Selmas idyllischem Elternhaus liefert sich die verrückte Tante Nora (Ane Dahl Torp) mit ihrem Verlobten Rikard (Kim Sørensen) einen regelrechten Rosenkrieg. Beim Anblick dieses Liebeschaos schwört sich Selma, ihr Leben der Fortpflanzungskunde zu widmen. Denn das Baby aus der Retorte würde die Menschheit endgültig aus ihrem Paarungsdilemma befreien. Wenn da nicht der faszinierende schwedische Student wäre, der in seinen Semesterferien auf der Alm aushilft. Und Andy, der, wie Selma zugeben muss, mehr und mehr auf ihre „intellektuelle Reife“ einwirkt, weil sie mit ihm naturwissenschaftliche Fragen erörtern kann.

Die erste Liebe kann ganz schön verwirrend sein. Zumindest einen Mann nackt sehen wollen die neugierigen Mädchen schon einmal. Oder lieber doch nicht? Wörtlich übersetzt bedeutet der Originaltitel soviel wie „nicht nackt“. Wenn die kindischen Jungs Spaß daran finden, einem Mädchen unter den Rock zu schauen oder – genau wie bei Truffaut – ein Liebespaar in den Dünen zu überraschen, reagiert Selma auf die männliche Einfältigkeit mit bitterbösem Spott. Und die Wirrungen ihrer eigenen Reifwerdung kommentiert sie mit trockenem Humor aus dem Off. Wenn der jugendliche Protagonist seine eigene Geschichte aus dem Off erzählt, kann das sehr schnell altklug werden; Truffaut beispielsweise hat in seinen Filmen über die Kindheit immer auf dieses Stilmittel verzichtet. Lian gelingt aber das Kunststück, den Kommentar der jungen Heldin frech und glaubwürdig wirken zu lassen. Julia Krohn fasziniert in der Rolle der Selma durch ihre Natürlichkeit, aber auch die anderen jugendlichen Darsteller sind überzeugend.

Die Farbe der Milch

Die Geschichte verdankt dem Einfallsreichtum des Drehbuchs unzählige Witze und Bonmots über Einzeller, Mutationen des menschlichen Erbguts oder rettenswürdige männliche Artgenossen wie Orlando Bloom. Und der Lässigkeit der Inszenierung ist ein geradezu lakonischer visueller Humor geschuldet, etwa wenn die Kamera in einer langen Einstellung Selmas untersetztem Vater im Profil beim Blumengießen mit dem Gartenschlauch zusieht, während neben ihm das Telefon nicht zu klingeln aufhört. Außerdem nimmt sich die Regisseurin immer wieder Zeit für farbenprächtige Tableaus der norwegischen Küstenlandschaft, durch die eine Horde Kinder Rad fährt.

Wieso ist die Milch innen schwarz? Dieses Rätsel gibt der schwedische Student Selma zu Beginn der Geschichte auf. Am Ende des Films hat sie die Lösung gefunden. Als sie sie ausspricht, geht ihr das Licht auf: so also muss sich Liebe anfühlen.

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