Die Farbe

Die Farbe zieht mit dem Film noir aufs Land. Dort trifft sie sich mit H.P. Lovecraft zur Geisterstunde.

Die Farbe 01

Roger Caillois beschreibt den „Riss in der Wirklichkeit“ als einen der wichtigsten Aspekte des fantastischen Genres. In Die Farbe ist dieser Riss wortwörtlich ein riesiger Krater, der durch den Einschlag eines Meteoriten verursacht wurde. Ein Einheimischer des kleinen Dorfes im schwäbisch-fränkischen Wald offenbart Jonathan (Ingo Heise), den die Suche nach seinem Vater von Massachusetts an diesen abgelegenen Ort führte, die schauderhaften Geheimnisse um jenes Ereignis, das sich vor dem Zweiten Weltkrieg zugetragen hat. Menschen wurden wahnsinnig, Pflanzen zerfielen zu grauen Staub. Der spröde Tod. Es ist es eine grell leuchtende Farbe, die alles Lebendige aus Mensch und Vegetation heraussaugt. Ein langsam fortschreitender Prozess der Auflösung.

Regisseur Huan Vu bleibt motivisch nahe an H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte Die Farbe aus dem All (The Colour out of Space, 1927), verlegt den Schauplatz für Die Farbe lediglich in das heutige Deutschland. Er behält sowohl die Figurenkonstellation als auch das Narrationsmuster bei. Gedreht wurde der Film in Schwarzweißbildern, die sich der Ästhetik des Film noir bedienen, um eine unheimliche Atmosphäre zu visualisieren. Motel, Flughafen, ein Detektiv: Schon die Anfangssequenz um das Verschwinden des Vaters liest sich wie ein einziges Zitat des Genres. In dieser gattungsspezifischen Verbindung erinnert das pointierte Auftreten der strahlenden Farbe an die Künstlichkeit der Farbakzente in Sin City (USA, 2005).

Die Farbe 04

Hell-Dunkel-Kontraste und dramatische Schatten, durch die sich das Außerirdische seinen Weg in Nebelschwaden und dämonischen Farbmolekülen bahnt. Ein ungegenständliches Phosphoreszieren infiltriert das Tal. Die Kamera nimmt immer wieder dessen lauernden Blickwinkel ein: Aus der Ferne beobachtet es den Hof und die Bewohner aus einer niedrigen Position, versteckt hinter Gräsern und Büschen. Aus nächster Nähe wirft es Blicke wie durch Kristall oder einen verzerrten Spiegel auf sie. Die Schrägsicht von Räumen, Untersichten und Jump Cuts: Der Wahnsinn, der die Menschen ergriffen hat, spiegelt sich in der verzerrten Wahrnehmung des Raum-Zeit-Kontinuums wider. Es ist eine Ästhetik des Möglichen, die das Grauen in jedem sich wiegenden Ast impliziert, ohne es zu vergegenständlichen.

Dazu sind nahezu alle Szenen mit Musik unterlegt. Atmosphärische Klänge legen sich wie ein auditiver Schleier der Bedrohung über das Geschehen. Die sich anbahnende Gefahr ist dabei in einem Spannungsverhältnis aus fröstelnder Ruhe vor dem Sturm und synthetisch schrillen Quietschtönen sowie Disharmonien akzentuiert.

Die Farbe 05

Analog zu Lovecrafts Vorlage streift der Regisseur das Genre der Science Fiction, indem er einen längeren wissenschaftlichen Diskurs rund um den Meteoriten eröffnet. Von der Gesteinsprobennahme über die Analyse im Labor wird der Arbeitsvorgang der zur Aufklärung gerufenen Chemiker ausführlich nachverfolgt. Doch ihre Nachforschungen laufen ins Leere. Die Art des Gesteins lässt sich nicht bestimmen. Die Farbe in seinem Innersten gehört zu keinem bekannten Spektrum. Sie bestätigen die Existenz des Phänomens, weisen ihm jedoch gleichzeitig einen übernatürlichen Ursprung zu.

„Die Unschlüssigkeit des Rezipienten“ nennt Tzvetan Todorov als Bedingung des Fantastischen. Also kurz gesagt: unseren Zweifel darüber, was real ist und was eingebildet. Um dies zu erreichen, spielt der Regisseur Fiktion und Realität gegeneinander aus. Existiert der Schauplatz des schwäbisch-fränkischen Waldes auch in Wirklichkeit, basiert Jonathans Wohnort Arkham lediglich auf einer fiktionalen Erfindung von Lovecraft. Die in Rückblenden dargestellte Erzählung des Dorfbewohners von den damaligen Geschehnissen wird immer wieder unterbrochen, um zur Gegenwart zurückzukehren. Durch das narrative Verfahren der Mise en abyme wird zwar das Auftauchen der Farbe in einen fiktionalen Rahmen eingebettet, trotzdem ist die Gegenwart nicht weniger unheimlich inszeniert als besagte Vergangenheit.

Die Farbe 06

Jonathan erwacht in seinem Auto. Erleichterung, war alles nur ein böser Traum? Doch dann entdeckt er seinen Vater im Wald. Apathisch steht er herum, die Symptome erscheinen bekannt. Die Farbe endet in einem Strudel aus Bildern, deren Referenz wir nicht mehr ausmachen können. In kreisförmiger Bewegung wirbeln Traum und Erinnerung, Tatsache und Hirngespinst durcheinander. Im Sog der Farbe verlieren wir mit den Protagonisten jegliches Gefühl für die Wirklichkeit.

Trailer zu „Die Farbe“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.