Die Fälscher

„Des Teufels Werkstatt“ ist der Titel der Erinnerungen des Slowaken Adolf Burger, der im KZ Sachsenhausen für die SS Devisen fälschen musste, um den Krieg zu verlängern. Stefan Ruzowitzky hat die Vorlage verfilmt und betont das moralische Dilemma der Häftlinge.

Die Fälscher

Die bislang größte historische Falschgeldaktion, das sogenannte „Unternehmen Bernhard“, sollte die ausländischen Finanzmärkte destabilisieren und Kriegskosten der Nationalsozialisten bezahlen helfen. Von 1942 bis 1945 mussten ausgewählte Gefangene des Lagers Sachsenhausen vor allem Blüten des britischen Pfunds herstellen, aber auch Ausweise, Formulare und Briefmarken. Täuschend echte Kopien des Dollars produzierte die unter strenger Geheimhaltung operierende Gruppe erst kurz vor Kriegsende – eine Weile war es gelungen, den perfekten Nachdruck der amerikanischen Währung zu sabotieren.

Kompromisslose Sabotage unter Gefährdung des eigenen Lebens oder erfolgreiche Fälscherei fürs NS-Regime – diese beiden Extreme eines nicht zu lösenden Dilemmas werden bei Ruzowitzky durch zwei gegensätzliche Figuren vertreten: Der schlitzohrige Lebemann und Meisterfälscher Sally Sorowitsch (Karl Markovics) ist die Hauptfigur des österreichischen Regisseurs. Sally will und wird überleben, doch wo er kann, steht auch er für seine Mithäftlinge ein. August Diehl, seit seinem Leinwanddebüt 23 (1998) auf Charaktere abonniert, die von ihren eigenen Gedankengebäuden besessen sind, aber an der Realität scheitern müssen, spielt den kommunistischen Adolf Burger als moralischen Gegenpart. Seine brennenden Appelle erinnern die privilegierten Fälscher daran, dass das KZ-System außerhalb ihres abgeschirmten Areals mit echten Federbetten, Toiletten, regelmäßigen Mahlzeiten und Ping-Pong-Platte nur Brutalität und Vernichtung kennt. Wer mitmacht, macht sich mit schuldig. Also weigert er sich, den Dollar zu drucken – auch, wenn seine Unnachgiebigkeit alle aus der Gruppe das Leben kosten kann. Ausgerechnet dieser Kampf um die eigenen Prinzipien in einer per se ethisch unmöglichen Situation wirkt im Film unglaubwürdig und scheint in seiner Rigorosität eher der dramaturgischen Zuspitzung geschuldet. Während der filmische Adolf Burger standhaft sein Gewissen verteidigt, bleibt er ohne menschliche Tiefe. Die Figuren des beobachtenden, verschlossenen Sally Sorowitsch, der weiß, wann Opportunismus lebensnotwendig wird, und des vorgeblich jovialen SS-Mannes Herzog (Devid Striesow), der am Ende versucht, seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sind dagegen um einiges ambivalenter und spannender angelegt.

Die Fälscher

Was auch in anderen KZ-Filmen grundsätzliche Probleme bereitet – neben der Undarstellbarkeit der tatsächlichen Vorgänge betrifft dies die Unangemessenheit einer nachträglichen Sinnstiftung durch kinogemäße Aufbereitung mit Drei-Akt-Struktur, Figurenkonflikten und Identifikationsangebot – kann Die Fälscher jedoch durch das ungewöhnliche Setting meist umgehen. Die Blütenmanufaktur ist ein geschützter, fast luxuriöser Bereich innerhalb des Lagers. Massenhaft gestorben wird auf der anderen Seite der Mauer. Zur Konfrontation mit den Muselmännern, mit den lebenden Leichen, kommt es erst, nachdem die Wachmannschaften geflohen sind. Wie aus einem Horrorfilm brechen die ausgemergelten, stummen Gestalten in das Areal und den Plot der Fälscherwerkstatt ein. Doch die Geschichte mit diesen Bildern zu beenden, das wagt Ruzowitzky dann doch nicht. Stattdessen bedient er sich unnötigerweise der obligatorischen Rahmenhandlung für verfilmte Biographien der Überlebenden des „Dritten Reichs“. Sally wird nach seiner Befreiung mit einem Koffer voll Falschgeld ins mondäne Monte Carlo an den Roulettetisch geschickt und darf schließlich mit einer schönen Frau am Strand der Côte d’Azur einen melancholischen Tango tanzen. Dabei entsteht der Eindruck, dass am Ende dieser ungewöhnlichen Gaunergeschichte doch noch schnell Produktionswerte aufgefahren werden sollten.

Die Fälscher

Die notorische Grundskepsis beim Betrachten nachinszenierter Vergangenheit sitzt immer im Kinosessel nebenan. Diesen Stammplatz darf sie auch ruhig behalten. In der Reihe der jüngsten Dramen mit Holocaust-Thematik – Der neunte Tag (2004), Ghetto (2005), Der letzte Zug (2006) – bleibt Die Fälscher bemerkenswert frei von klischeehaften oder exploitativen Einstellungen. Auch die bewegte, dichte Handkamera und die teilweise kräftigen Dialekte einiger Figuren verhindern theatrale Künstlichkeit. Die beste Entscheidung des Anatomie-Regisseurs Ruzowitzky aber war, den immer etwas zu spröden, kantigen Karl Markovics in der Hauptrolle zu besetzen. Er hinterlässt das Gefühl, dass sein Sally noch Schlimmeres gesehen und begriffen hat, als das, was dem Zuschauer zugemutet wird.

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