Die Eroberung der inneren Freiheit

Die Dokumentation eines ambitionierten Projekts der Berliner JVA: In „Sokratischen Gesprächen“ reflektieren Langzeitinhaftierte über sich und ihre kriminelle Vergangenheit.

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Seit zehn Jahren gibt es in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel ein ungewöhnliches Projekt: In „Sokratischen Gesprächen“ – basierend auf einer Methode des Sokrates –  abstrahieren Langzeitinhaftierte persönliche Erfahrungen. Dadurch sollen die Gefangenen lernen, ihr eigenes Wertesystem zu hinterfragen, aber auch die Meinungen Anderer zu akzeptieren. Ein Philosoph nimmt in diesen Gruppengesprächen die Funktion eines Moderators ein, der einfache Fragen zur Diskussion stellt, ohne die Gefangenen bei ihrer Meinungsbildung zu beeinflussen.

Die Regisseurinnen Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek haben dieses Projekt nun in ihrem Film Die Eroberung der inneren Freiheit dokumentiert. Als roter Faden dienen sechs solcher Gruppengespräche, die jeweils unter einem bestimmten Thema wie „Wahrheit und Lüge“, „Kick des Verbrechens“ oder „Wert des Lebens“ stehen. Das Grundproblem in der Beobachtung dieser Gespräche liegt allerdings darin, dass sie nicht besonders leinwandkompatibel sind.

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Die Abstrahierung persönlicher Erfahrungen spielt zweifellos eine wichtige Rolle im Reflexionsprozess der Inhaftierten. Für den Zuschauer ist es dagegen nur mäßig interessant, wenn sich die Gefangenen als Hobby-Philosophen gebärden. Viel zu oft landen die Gesprächsrunden bei Allgemeinplätzen: Die Gruppenteilnehmer beschweren sich etwa darüber, dass für Politiker Lügen zum Beruf gehört, während sie selbst dafür bestraft werden oder sie bestätigen sich gegenseitig darin, dass eine Faszination vom Verbrechen ausgeht. Der Rahmen der „Sokratischen Gespräche“ unterbindet zudem dramaturgische Grundregeln, deren Bedeutung auch im Dokumentarfilm nicht zu unterschätzen ist. Durch die gegenseitige Bestätigung und Ermutigung unter den Teilnehmern wird sämtliches Konfliktpotential im Keim erstickt. Die Folge davon ist, dass die Gespräche ohne jeglichen Erkenntnisgewinn vor sich hin plätschern.

Neben den „Sokratischen Gesprächen“, die nur ein Drittel des Films ausmachen, porträtieren Kaiser und Kumorek einige Teilnehmer und ihren Gefängnisalltag. Dabei ergeben sich mitunter interessante Einblicke in die Mechanismen eines Gefängnisses: So werden die Gefangenen regelmäßig von externen Psychologen nach ihrer geistigen und sozialen Entwicklung bewertet. Dieses Gutachten entscheidet etwa bei den lebenslänglich Verurteilten Gaston und Rainer über die Möglichkeit einer frühzeitigen Entlassung.

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Ansonsten interessiert sich Die Eroberung der inneren Freiheit aber kaum für die Strukturen und Vorgänge eines Gefängnisses. Vielmehr geht es den Regisseurinnen um die Gefangenen selbst. Möglichst menschlich sollen sie dargestellt werden, ohne ihre kriminelle Vergangenheit auszuklammern. In intimen Interviews offenbaren die Männer ihre Wünschen, Sehnsüchte, aber auch Reuegefühle und Ängste. So berichten die Mörder Gaston und Rainer, wie sie regelmäßig von ihren Opfern im Schlaf heimgesucht werden.

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Die Ambivalenz, mit der Kaiser und Kumorek die Menschen vor der Kamera porträtieren, zählt eindeutig zu den Stärken des Films. Auch auf formaler Ebene versucht der Film einen emotionalen Zugang zu den Gefangenen zu ermöglichen. Der Versuch, die Atmosphäre des Gefängnisses und die Gemütslage der Inhaftierten zu vermitteln, scheitert aber in stereotypen Stimmungsbildern eines tristen Gefängnisalltages: Immer wieder imitiert die Kamera den Blick der Gefangenen aus der Zelle durch die Gitterstäbe auf die kahlen Bäume des Innenhofs. Dazu stimmt ein Soundtrack aus melancholischen Gitarrenklängen den Gefängnisblues an.

Auf eine triste Darstellung des Gefängnisalltages lässt sich Die Eroberung der inneren Freiheit aber nicht reduzieren. Ganz im Gegenteil herrscht während der Gesprächsrunden überwiegend eine entspannte, fast ausgelassene Stimmung. Es ist vor allem der grobschlächtige Einsatz visueller Stilmittel, mit dem die Regisseurinnen schließlich das Potential ihres Films verspielen. Die unsanften Abblenden aus den Diskussionsrunden, die zu einem Stimmengewirr überlagerten Gesprächsfetzen und eingeblendete Sokrates-Zitate wie „Der Philosoph ist die Hebamme des Gedanken“ wirken schlichtweg dilettantisch. Solche formalen Schnitzer fallen vielleicht im Fernsehen weniger stark ins Gewicht. Im Kino hat so ein Film aber nichts zu suchen.

Trailer zu „Die Eroberung der inneren Freiheit“


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