Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Filmemacher Andrew Dominik betätigt sich als Pathologe. In seinem melancholischen Spät-Western seziert er die vielschichtige Beziehung der Outlaw-Legende Jesse James zu seinem Weggefährten und späteren Mörder Robert Ford.

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford Mit Legenden ist das so eine Sache. Zumindest für die Betroffenen bringt dieser Status nicht immer nur Annehmlichkeiten mit sich. Viele sterben jung und einsam wie Jesse James, einer der letzten Outlaws des Wilden Westens. Ob seines unbändigen Freiheitsdranges und seiner Unangepasstheit bereits zu Lebzeiten kultisch verehrt, war er bei den Familien seiner Opfer eine verhasste Persona non grata. Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford) versucht den Mythos beiseite zu schieben und der Person hinter der Legende auf die Spur zu kommen.

Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges herrschte in vielen Staaten eine instabile Ordnung, was sich Banditengruppen immer wieder zu Nutze machten. So auch die Brüder Frank und Jesse James, die sich später mit ihrem alten Freund Cole Younger zur berüchtigten James-Younger-Bande zusammenschlossen. Durch ihre zahlreichen Überfälle auf Banken, Postkutschen und sogar Züge sowie der Politisierung ihrer Aktionen – James galt als überzeugter Anhänger der Südstaaten-Konföderation – bauten sie sich schnell einen entsprechenden Ruf auf, der ihnen und ihren Verbrechen weit voraus eilte.

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford Hollywood arbeitete sich bereits in zahlreichen Filmen am Leben und Sterben des Jesse James ab. Wie in Philip Kaufmans Der große Minnesota-Überfall (The Great Northfield Minnesota Raid, 1972) und Walter Hills Long Riders (1980) standen dabei zumeist das Bandenleben und die spektakulären Überfälle der Brüder James im Mittelpunkt. Regisseur Andrew Dominik wählte für seine Verfilmung einen etwas anderen Ansatz. Sein Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ron Hansen, der sich schwerpunktmäßig mit Jesse James’ zwiespältiger Beziehung zu seinem späteren Mörder Robert Ford (Casey Affleck) beschäftigt. Was hat diese beiden Männer verbunden? Was dachte der eine über den anderen und wie konnte es schließlich zu jener Tat kommen, für die Ford mehr Verachtung und Hass als Anerkennung und Zuspruch erfuhr?

Bereits die Besetzung der Freunde wie Gegenspieler Jesse James und Robert Ford mit Hollywood-Star Brad Pitt und Casey Affleck weckt hohe Erwartungen, immerhin haben beide zuletzt in äußerst schwierigen Rollen – Pitt in Babel (2006), Affleck in Gone Baby Gone (2007) unter der Regie seines Bruders – brilliert. Während Pitt längst als Charakterdarsteller etabliert ist, dürfte Affleck durch seine Darstellung von Robert Ford endgültig in die erste Garde Hollywoods aufrücken. Nicht nur, dass er dem solide aufspielenden Pitt die Schau stiehlt, ihm gelingt zudem das Kunststück, dem überlebensgroßen Jesse James die Person eines in sich verschlossenen, schüchternen und zweifelnden jungen Mannes entgegenzusetzen.

Nicht James, Ford ist hier die Identifikationsfigur. Dessen Verehrung für ein Ikon der amerikanischen Geschichte, seine ambivalente Beziehung zu einem mehrfachen Mörder, beleuchtet Andrew Dominik en detail. Sein Film scheut nicht davor zurück, die Psychologie seiner Protagonisten in aller Ausführlichkeit und auf über 150 Minuten auszubreiten, was sich nicht immer frei von Längen darstellt. Statt eines klassischen Western entpuppt sich Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford nämlich als hochkomplexes Charakterdrama, das nur zufällig dem Bild eines Westerns entspricht.

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford Mit Ausnahme eines Raubüberfalls, welcher jedoch recht schnell abgehandelt wird, widmet sich der Film nahezu ausschließlich der psychologischen Ebene der Geschichte. Dabei übernehmen die Gespräche zwischen Ford und James die Funktion des klassischen Showdowns als tragendes Spannungselement. Während der Bandenchef seinen jungen Bewunderer überlegen mustert und meist beängstigend freundlich und entspannt wirkt, versucht dieser gleichsam souverän dem großen Jesse James gegenüberzutreten. In diesen Sequenzen – und das macht ihre Qualität aus – ist das, was die Akteure über ihre Körpersprache von den Figuren preisgeben, von mindestens so großer Bedeutung wie jedes tatsächlich gesprochene Wort. Jederzeit, so hat es den Anschein, kann sich die Anspannung in einem tödlichen Schusswechsel entladen, können Verrat und Angst die Eskalation der nur auf den ersten Blick friedlichen Situation bewirken.

Dominik nimmt bewusst in Kauf, dass seine Adaption mit modernen Sehgewohnheiten nur schwer kompatibel ist und viele Zuschauer, die einen traditionellen Western sehen wollen, vor den Kopf stößt. Soviel Mut nötigt Respekt ab. Und tatsächlich entlässt einen der Film mit einer schweren Melancholie – nicht zuletzt dank der Kameraarbeit eines Roger Deakins, bei dem das verschneite Missouri zuweilen vor karger Schönheit zu bersten scheint –, aber auch mit dem Gefühl, insbesondere der Person Robert Ford erstaunlich nahe gekommen zu sein.

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Kommentare


stephon n7

Ein Film mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen, teils wunderschönen Bildern und der greifbaren Atmosphäre des 19ten Jahrhunderts, die sich als Ganzes zu einem Hochgenuss ergänzen.


felix

Cassey Affleck ist ein klarer Tipp als bester Nebendarsteller. Mit viel Glück kann er für seine großartige Darstellung auch gewinnen.


conny

ein herrausragend guter film..ergreifend und eine tolle leistung von den schauspielern..ein oskar sei dem film gegönnt.


jeannie19

Ich empfand „Die Ermordung des Jesse James“ als einen sehr ruhigen und spannungsgeladenen Film, gespickt von aufbauenden Pausen und gut angeordneten Erzählpassagen. Eine düstere, aber interessante Geschichte über eine Legende des Wilden Westens. Da ich den Film auf Englisch gesehen hatte, erschien mir der bissige Ton auch die Sprache der Südstaaten während des Bürgerkrieges widerzuspiegeln! Die Lyrik am Anfang des Films war auch eine Freude mit anzuhören sowie die Vielzahl von sprachlichen Bildern. Von der Darstellungsweise war ich auch überrascht, denn es ist bestimmt jedem der Martin Scorsese Film „Gangs of New York“ mit Leonardo DiCaprio und Cameron Diaz bekannt, welcher auch während dieser Zeit spielt, jedoch eine ganz andere, lebendigere Herangehensweise hat. Er zeigt die Geschichte der Stadt New York mit ihren verschiedenen Bewohnern und Einwanderern, aber auch die Aggression und Kälte jener Zeit, welche durch Brutalität der Bandenkämpfe im Film realisiert wurde. Verglichen mit jenem Film, gibt es in diesem Streifen keinerlei Bewegung und ich fühlte eher eine lastende Schwere, die anfangs noch erträglich war, zur Mitte des Filmes jedoch eher lahmend erschien. Die Handlung spitzt sich aber im Laufe des Geschehens zu, wird bissiger und der Zuschauer platzt vor Erwartung was als nächstes kommen könnte. Um nochmals die schauspielerischen Stärken von Brad Pitt zu würdigen, möchte ich darauf eingehen, dass mir in dieser Rolle wieder seine Wandlungsfähigkeit bewusst wurde. Bei Casey Afflecks Rolle fiel mir eine ähnliche Charakteristik wie in den „Oceans“ Filmen auf. Diese zeigen ja auch eher infantile und unreife Züge, welche durch die Späße, den Sarkasmus und den ständigen Schlagabtausch mit seinem Bruder deutlich wurden. Die Co- Darsteller von der Ermordung Jesse James behandelten ihn ja mit ähnlicher Herabsetzung, was seine klare Stellung als Nesthäkchen unterstrich. Insgesamt ist der Film als eine trockene und klare Darstellung der Beziehung zwischen Jesse James und seinem späteren Mörder Robert Ford zu verstehen. Der Regisseur wollte keinerlei Fragen zur Personage des Jesse James und den Beweggründen des Robert Ford offen lassen und ich denke, dass ist ihm eindeutig gelungen ist. Durch den langsamen Erzählrhythmus ist es auch möglich alle Fakten aufzunehmen, was mich abschließend sagen lässt, dass es sich lohnt den Andrew Dominik Film anzusehen.






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