Die Entdeckung der Currywurst

Aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, einer besonderen Liebe und einer zerbrochenen Ketchup-Flasche wird die Currywurst geboren.

Die Entdeckung der Currywurst

„Der Krieg ist aus!“ Für Lena Brücker ist Deutschlands Kapitulation 1945 kein Grund zur Freude, sondern das Ende von ihrem persönlichen „Glück“ – so einfach betitelt die Protagonistin in Uwe Timms Novelle Die Entdeckung der Currywurst (1993) ihre kurze, aber intensive Affäre mit dem deutlich jüngeren, fahnenflüchtigen Marinesoldaten Hermann Bremer.

In der Verfilmung von Regisseurin und Drehbuchautorin Ulla Wagner malt sich Lena (Barbara Sukowa) aus, wie Hermann (Alexander Khuon) nach ihrer Übermittlung der Neuigkeit die Hamburger Wohnung für immer verlässt, in der sie ihn seit dem Kennenlernen vor einem Kino versteckt hält. In ihrer Vorstellung blickt sie ihm aus dem Fenster nach, er dreht sich auf der Straße um und winkt ihr im Weggehen ein letztes Mal zu. Und weil die Kantinenangestellte ihr Glück noch ein wenig festhalten möchte, verschweigt sie ihrem Geliebten zunächst das Kriegsende, wie er ihr verheimlicht hat, dass Frau und Kind auf ihn warten.

Die Entdeckung der Currywurst

Der imaginierte Abschied ist einer der seltenen Momente, in denen Hermann im Freien zu sehen ist. Die meiste Zeit läuft er wie ein gefangenes Tier in Lenas Wohnung auf und ab, was die Nachbarn misstrauisch aufhorchen lässt, da Lenas Ehemann seit Jahren an der Ostfront verschollen scheint und bereits davor eher durch Abwesenheit auffiel. Der junge Deserteur leidet zunehmend unter dem Eingesperrtsein, während seine Partnerin hingegen eine lang entbehrte Zweisamkeit genießt. Sie verbringt mit ihm die Nächte auf einer „Matratzeninsel“ auf dem Fußboden, kocht „falsche Krebssuppe“ und behauptet, eine neue Röhre fürs kaputte Radio sei nirgendwo aufzutreiben. Erst als Bilder von Konzentrationslagern in den Zeitungen veröffentlicht werden, muss sich das Paar mit der Wirklichkeit auseinandersetzen und kann die Welt nicht mehr aussperren.

Ulla Wagner (Anna Wunder, 2000) richtet den Fokus wiederholt auf die Beine ihrer Hauptdarsteller. Im Gegensatz zu Hermanns nervösen, angespannten Schritten auf begrenzter Quadratmeterzahl zeugt Lenas gelöstes, kraftvolles Gehen im Draußen von ihrer aufblühenden Vitalität. Ihre Beziehung setzt bei beiden entscheidende Richtungswechsel in Gang: Dem naiven, propagandabeeinflussten Soldaten, der an einen Sieg Deutschlands glauben will, werden die Augen für die Realität des „Dritten Reichs“ geöffnet; die nicht wertgeschätzte Ehefrau stellt sich beruflich und privat auf eigene Füße. Nach der Kündigung ihrer Kantinentätigkeit betreibt Lena einen Imbiss. Als ihr Mann nach Hermanns Verschwinden plötzlich wieder auf der Matte steht und wie eh und je sein Herumtreiberdasein pflegt, setzt sie ihn ohne Erklärung vor die Haustür.

Die Entdeckung der Currywurst

Diese Rauswurfszene entstammt Uwe Timms Novelle, genauso wie die Regisseurin einige weitere Bilder aus ihr direkt übernommen hat. Zustände und Stimmungen in Deutschland am Beispiel Hamburgs während und nach dem Krieg sind im Film allerdings weniger deutlich präsent als im Buch. In Wagners Umsetzung werden sie größtenteils durch Hermanns Beobachtungen der Vorgänge auf der Straße und im Haus gegenüber gespiegelt, anhand Lenas Erlebnissen bei der Arbeit und des Verhaltens ihrer Nachbarn. Die überwiegend kammerspielartige Inszenierung konzentriert sich verstärkt auf das sich wandelnde Verhältnis der zwei Protagonisten, dessen anfangs ausgelassene Unbekümmertheit im Handlungsverlauf unter wachsenden Zweifel und Misstrauen krankt.

Die Entdeckung der Currywurst profitiert vor allem von dem facetten- und spannungsreichen Zusammenspiel der einstigen Fassbinder-Akteurin Barbara Sukowa und des ihr ebenbürtigen Alexander Khuon, der als erfahrener Theaterdarsteller hier in seiner ersten Filmrolle überzeugt. Die unaufdringlich berührende Geschichte einer Emanzipation entfaltet ihre Tiefe und nachhaltige Wirkung mit angenehm ruhiger Zurückhaltung. Wagners emotionales, jedoch nie sentimentales Liebesdrama bleibt dabei dem Geist der literarischen Vorlage treu. Beide Werke sind in ihrem schlichten Ton die liebevolle Würdigung eines bewegten und mutigen Lebens, in dem sich Traurigkeit und Heiterkeit ergänzen und das auch stellvertretend für die Epoche und ihre Frauen Einschränkung und Befreiung, Einbruch und Wiederaufbau repräsentiert.

Die Entdeckung der Currywurst

In einer späten Sequenz trägt Lena auf dem Schwarzmarkt erstandene Ketchup-Flaschen und Gewürze die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf, lässt sie im Stolpern fallen und fängt an zu weinen, da sie an die schöne, aber vergangene Zeit mit Hermann denken muss. Anschließend rappelt sie sich wieder auf und erfindet aus dem süßlich-scharfen Matsch der vermengten Lebensmittel die Currywurst – und damit die Grundlage für ihre Selbstständigkeit. In der Schlusseinstellung läuft sie dann noch einmal: Mit der Leichtigkeit und Verspieltheit eines jungen Mädchens jagt sie Servietten hinterher, die der Wind aus ihrem Imbiss wegweht.

Trailer zu „Die Entdeckung der Currywurst“


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