Die endlose Nacht

50 Jahre jung und Dokument eines deutschen Kinos von Weltgeltung, wie es hätte sein können. Will Trempers fast vergessener Klassiker Die endlose Nacht erscheint in überfälliger DVD-Veröffentlichung.

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Lange Jahre als Geheimtipp filmhistorischer Retrospektiven gehandelt, ist Will Trempers bezauberndes Meisterstück Die endlose Nacht nun endlich in einer adäquaten DVD-Edition zugänglich und bereit, von einem breiten Publikum (wieder) entdeckt zu werden. Dem 1962 entstandenen und mit mehreren Bundesfilmpreisen ausgezeichneten Film blieb der kommerzielle Erfolg ebenso versagt wie der ihm gebührende Platz im kollektiven Gedächtnis. Heute gilt er als ein Dokument des Aufbruchs und der Emanzipation des bundesdeutschen Films von Lustspiel und Heimatschmonzette – und als leuchtendes Exempel dafür, dass sich die künstlerische Innovation im Kino der 1960er Jahre nicht nur im europäischen Ausland abspielte.

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1960 hatte Will Tremper, zuvor Boulevard-Reporter und Drehbuchautor der Horst-Buchholz-Klassiker Endstation Liebe (1957) und Die Halbstarken (1957) (und ein bisschen so etwas wie der Sam Fuller des deutschen Films), eine folgenreiche Entscheidung getroffen: Da er mit der Umsetzung seines Drehbuchs zu Nasser Asphalt (1958) durch den Regisseur Frank Wisbar nicht zufrieden war, wechselte er kurzerhand selbst ins Regiefach und realisierte mit Flucht nach Berlin, in dem antikommunistische Propaganda und selbstironisches Abenteuerkino eine eigenwillige Mixtur eingingen, und vor allem den großteils improvisierten, der französischen Nouvelle Vague nachempfundenen Berlinfilmen Die endlose Nacht und Playgirl (1966) einige wilde, so bahnbrechende wie alterslos gebliebene Werke.

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Ein autobiografisches Erlebnis soll die Idee geliefert haben; im Jahr zuvor verbrachte Tremper selbst eine Nacht auf dem Berliner Flughafen Tempelhof, auf dem wegen dichten Nebels der Flugverkehr eingestellt war. Er beschloss, einen Film – den man heute einen klassischen Ensemblefilm nennen würde – über die Situation und eine Gruppe gestrandeter Reisender daraus zu machen, deren Pläne durch den Wettersturz vereitelt werden (denn stattdessen mit dem Zug durch die „Zone“ zu fahren kommt für keinen in Frage): Der Manager, dem das Wasser bis zum Hals steht und der bis zum nächsten Morgen einen Finanzier gefunden haben muss. Seine Freundin, die er dabei gewissenlos vor seinen Karren spannt. Der bundesdeutsche Familienvater, dessen Frau mit einem geschniegelten Italiener durchbrennen will. Das abgebrannte Starlet, das seinen letzten Zehnmarkschein für den Friseur ausgegeben hat. Der alternde Shakespeare-Mime, der die Chance zum Comeback versäumt. Der reiche südafrikanische Farmer, der vielleicht – vielleicht auch nicht – beim Umbuchen im Reisebüro die Frau fürs Leben trifft. Für eine kurze Zeit laufen ihre Wege parallel oder über Kreuz und trennen sich dann wieder – fast wie im richtigen Leben.

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Die Produktion selbst war ein filmreifes Abenteuer. Über einen Zeitraum von neun Wochen versammelte Tremper seine Darsteller nachts in den kalten Flughafenhallen und ließ sie ihre Rollen improvisieren. Ohne festes Drehbuch schufen er und sein Ensemble dabei ein Kaleidoskop von Geschichten, die eines gemein haben: Sie alle gehen anders aus, als man es vorherzusehen glaubt. Hier folgt nichts überkommenen Leinwandklischees; überall, wo sie aufzuscheinen wagen, nehmen die Ereignisse eine überraschende Wendung. Und doch bleibt dies alles großes Breitwandkino, in strahlendem Schwarzweiß und mit gelegentlichem Augenzwinkern – in ungenanntem Cameo tritt wortlos Mario Adorf auf und klopft vergebens an die Scheibe seiner Liebsten, die ihn verleugnet, da sie gerade mit Bruce Low über die Anzahl ihrer zukünftigen Kinder streitet.

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In neoveristischer Attitüde realisiert und sichtlich inspiriert von Vorbildern wie Das süße Leben (La Dolce Vita, 1960) oder Außer Atem (À bout de souffle, 1960), bleibt Die endlose Nacht ein bis heute faszinierendes und erfrischend selbstbewusstes Zeitbild bundesdeutscher Realitäten und – mehr noch – der Träume einer Gesellschaft, die die Nachkriegszeit überwunden, aber noch keine neue Bestimmung gefunden hat. Wie im populären Kriminalkino jener Zeit die Gier nach Reichtum, so nehmen hier zeitgenössische (und zeitlose) Sehnsüchte Gestalt an. Das blonde Fräulein hinter dem Schalter ist in Gedanken schon auf ihrer Farm im sonnigen Afrika. Der verzweifelte Geschäftsmann, der zum Wechselfälscher wurde, erscheint ebenso wie ein hilfloses Kind geplatzter Wirtschaftswunder-Versprechungen wie die Hausfrau, die sich vom italienischen Verführer die Befreiung aus der heimischen Enge erhofft.

Und immer wieder spielt der Film mit den Implikationen des Kinos, allein anhand der wunderbaren und trefflichen Besetzung: Hannelore Elsner als glamouröses Girl, das gerade vom Auftritt in einem Edgar-Wallace-Film kommt, im dünnen Abendkleid in der kalten Halle. Harald Leipnitz, dessen Figur sich in ein großes, tragisches Scheitern verstrickt wie eine Fellini-Figur (und der, so sagt Frau Elsner so treffend im Interview, dabei total an Marcello Mastroianni erinnert). Narziß Sokatscheff, der tatsächlich wirkt wie ein von der Leinwand gestiegener Latin Lover und der vom deutschen Spießbürger (Werner Peters!), der seine Frau nach Hause holen will, als „Abruzzen-Häuptling“ beschimpft wird. Und mitten in trister Nebelnacht veranstaltet eine polnische Jazzgruppe eine spontane Jamsession.

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Dank aufwändiger HD-Abtastung erstrahlt der Film im Glanz des ersten Tages, liebevoll ergänzt durch die ansprechende DVD-Ausstattung, so die exklusiven Interviews mit Hannelore Elsner, Komponist Peter Thomas und Will Trempers Sohn Timothy Tremper, die den Regisseur und eine versunkene Epoche deutscher Filmgeschichte ebenso wieder lebendig werden lassen wie ein einstmals pulsierendes Herzstück Berliner Urbanität. Schade, dass es das alles nicht mehr gibt. Nebenbei: Ein der DVD beiliegender Nachdruck des damaligen Atlas-Filmhefts ist zwar gut gemeint, aber nur mit der Lupe lesbar. Nun, nichts ist vollkommen.

Trailer zu „Die endlose Nacht“


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