Die Eiserne Lady

Meryl Streep wurde schon 15 Mal für den Oscar nominiert, zwei Mal gewann sie ihn. In der Rolle der Margaret Thatcher gehört sie 2012 wieder zu den Aspirantinnen. Zurecht, trotz eines mediokren Films.

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Viele konservative Kommentatoren in Großbritannien fühlten sich schon vor dem dortigen Filmstart im Januar bemüßigt, Die eiserne Lady (The Iron Lady) als Nicht-Ereignis abzutun und zu versichern, kein Film könne Margaret Thatchers Platz in der Geschichte antasten. Diese Verurteilung geschah ganz offensichtlich in Unkenntnis des Biopics und im Reflex auf die Annahme, es könne sich lediglich um eine linke Diffamierung der neoliberalen Galionsfigur handeln. Aber obwohl die Regisseurin, die Drehbuchautorin und Meryl Streep tatsächlich zu Protokoll gaben, die Thatcher’sche Politik kritisch zu sehen, tritt der Film nicht an, ihr auf der Leinwand den Prozess zu machen. Die eiserne Lady lässt es vielmehr kräftig menscheln und zeigt Maggie Thatcher zu Beginn als alte, demenzkranke Seniorin. Und auch im Rest des Films wird Thatchers politische Agenda nicht analysiert, sondern zum Ausdruck eines vor Tatkraft und Rechtschaffenheit strotzenden Lebens.

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England, in der Gegenwart: Margaret Thatcher (Meryl Streep) kauft Milch. Allein, alt, unerkannt. Anschließend frühstückt sie mit ihrem Mann Denis (Jim Broadbent) und klagt über die gestiegenen Preise. Draußen vor der Tür tuschelt derweil das Personal – denn die alte Dame ist mal wieder ausgebüxt und hätte nie allein auf die Straße gelangen dürfen. Und in Wahrheit sitzt sie allein am Tisch, denn Denis starb schon 2003. Margaret Thatcher gleitet zunehmend in die Demenz ab, ihr Mann existiert nur in ihrer Fantasie. Damit sie sich endlich auch mental von ihm trennen kann, liegen Personal und ihre Tochter ihr in den Ohren, endlich Denis’ Sachen auszusortieren. Während sie Säcke mit seiner Kleidung füllt, holt die Vergangenheit sie ein – beginnend mit den deutschen Bombenangriffen auf London über ihre ersten Schritte in der Politik bis hin zu ihrer Wahl zur ersten Regierungschefin Europas.

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Filmbiografien waren quer durch die Filmgeschichte beim Publikum beliebt – von Richard Wagner. Ein kinematographischer Beitrag zu seinem Lebensbild (1913) über Der große Edison (Edison, the Man, 1940) bis zu Ludwig II. (Ludwig, 1972). Politiker, Könige, Komponisten, Erfinder, Ärzte, Abenteurer verwandelten sich in Filmhelden und wurden, aufbauend auf ihrem schon vorhandenen Ruhm, noch einmal mythisch überhöht. So ist meist die Strategie: Kino als Mythos-Maschine, eine Biografie als Stoff für die Unterhaltung der Massen, vielleicht gar als funktionalisierte Propaganda wie im Nazi-Film (Friedrich Schiller – Triumph eines Genies, 1940, und andere). Auch in der Gegenwart, in der sich das Genre Biopic nennt, hat sich daran nicht viel geändert. In Musiker-Biografien wie Ray (USA 2004) oder Walk the Line (2005) bleibt von der Widerständigkeit der Porträtierten nicht viel übrig. Dass ein Film Fragen stellt und ein disparates Bild zeichnet, bleibt auch heute die Ausnahme – wie zum Beispiel in Todd Haynes’ Bob-Dylan-Biografie I'm Not There (USA 2007), in der der Musiker von sechs verschiedenen Schauspielern dargestellt wird.

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Auch Die eiserne Lady verzichtet darauf, Margaret Thatchers Leben in einer offenen Form zu erzählen, die Widersprüche zulässt. Ziel von Phyllida Lloyds Film ist ein geschlossenes Narrativ, in dem jedes Ereignis nahtlos an das nächste geknüpft ist. Das scheint einerseits gerechtfertigt, entwickelten sich Thatchers politische Überzeugungen scheinbar direkt aus ihrer Biografie, war gerade die Klarheit ihrer Ansichten eines ihrer Markenzeichen. Andererseits ist diese Verfahrensweise bei einer derart kontrovers diskutierten Person der Zeitgeschichte doch fragwürdig. Und so wird gerade die den ganzen Film bestimmende Parallelmontage zwischen der Gegenwart der alten Margaret Thatcher und ihren Erinnerungen zum Problem. Durch diese Perspektive steht nicht mehr die eiserne Lady im Zentrum, sondern eine Polit-Rentnerin, die rührend um ihre Würde kämpft und Mitleid erweckt. Wie nebenbei geht es im Schweinsgalopp durch die Stationen ihres Lebens: Kultusministerin, Parteivorsitzende, Ministerpräsidentin, Bergarbeiter-Streiks, Falkland-Krieg. Egal, wie umstritten die Entscheidung: Die Konsequenzen von Thatchers Politik blendet das narrative Konstrukt aus. Auch ihre Anbindung an die Gegenwart fehlt. Das aber wäre bei den aktuellen Diskussionen um den Gegensatz zwischen Neoliberalismus und Sozialstaat vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise unerlässlich gewesen – zumal England sich heute in einer ähnlichen Krise befindet wie 1979, als Thatcher in 10 Downing Street einzog.

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Die Filmemacher aber interessiert nicht eigentlich die Frage nach Thatchers politischer Bedeutung. Die fiktionalisierte Margaret Thatcher soll für etwas anderes stehen: Klarheit der Argumente und Unverbrüchlichkeit der Überzeugungen in unserer so konfusen Gegenwart, die offensichtlich geprägt ist vom Marktgeschrei der Medien und der Karriereversessenheit der Politiker. Diesen Gegensatz eröffnet zumindest der Film. „It used to be about what you stand for, not who you are“, lässt das Drehbuch sie sagen. Dass Margaret Thatchers monolithisches Weltbild aber nur in den festgefügten Fronten des Kalten Krieges funktionieren konnte, wird nicht thematisiert. Ihr Bild der Deutschen habe sich 1942 geformt und danach im Wesentlichen nicht mehr verändert, gab sie einmal freimütig zu. Diese Aussage charakterisiert Thatchers Denken. Der Film nennt das Überzeugung – man kann es aber auch als ideologisch und halsstarrig beschreiben.

Nur um einen Aspekt, der fast die gesamte Berichterstattung über den Film einnimmt, nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen: Meryl Streep spielt tatsächlich überwältigend. Denn ihr Ansatz geht über eine reine Imitation weit hinaus. Erstaunlich ist, wie sie völlig natürlich, wie nebenbei, ein großes Reservoir an Emotionen sichtbar macht, während sie gleichzeitig der Mimesis von Margarete Thatcher treu bleibt. Ein Kabinettstück ist zum Beispiel eine Wutrede während eines Treffens der Regierung gegen Ende ihrer Amtszeit: wie Thatcher alias Streep hier einen Kollegen zusammenstaucht und dabei Gift, Arroganz und Wut verspritzt, während sie gleichzeitig bemüht ist, die Fassade aufrechtzuerhalten – das ist große Schauspielkunst. In dieser Szene allein erzählt Streep mehr über die Korruption der Macht als die Filmemacher in der gesamten restlichen Laufzeit des Films. 

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Kommentare


Stefan Jung

"Ideologisch" und "halsstarrig" trifft es m.E. auf den Punkt. Tatsächlich schafft es dieser Film leider nicht, über die idealisierte Figur der Margaret Thatcher hinauszuschauen. Einige wenige starke Momente hat der Film - vor allem in Bezug auf die räumliche Gestaltung - ja doch, bleibt aber eben zu vage. Emanzipation (später: Sturheit) stehen im Vordergrund, auch im Narrativ.


Martin Zopick

Der Film ist um historische Objektivität bemüht, dabei witzig und geistreich und außerdem noch herzerwärmend sentimantal. Das liegt zum einen an der genialen Schauspielkunst von Meryl Streep, zum anderen an den nicht minder gelungenen Schnitten. Anders als bei anderen Streifen zuschneiden sie die Handlung nicht, sondern vertiefen und erklären sie völlig unaufgeregt. Die Zeitbezüge sind für das Verständnis der Eisernen Lady ebenso wichtig wie ihre Herkunft und die Tatsache dass in den 70er Jahren eine Frau als Premierministerin praktisch undenkbar war.
Es wird Maggie Thatchers politische Bedeutung ebenso gut dargestellt wie ihre persönliche Tragik. Dabei wird besonders an den Krankheitsverlauf äußerst behutsam herangegangen. Das geht unter die Haut. Man kann von ihr halten, was man will, der meschliche Faktor obsiegt. Auch ihr Mann Dennis, den sie liebevoll DiTi nennt, so wie er sie EmTi, erhält durch Jim Broadbent einen Darsteller von Format. So gelingt es, dass er hier zu Recht besser aussieht, als ihn die britische Presse Zeit seines Lebens dargestellt hat.
Zeitgenössisch ziemlich genau, höchst unterhaltsam und informativ stimmen Ambiente und Atmosphäre. Und außerdem überstrahlt Meryl Streep alles und alle.
Ein grandioser Film!






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