Die Brut

Wut wird Fleisch. David Cronenberg findet im Körper eines Horrorfilms ein Familiendrama. 

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In fast allen Filmen von David Cronenberg geht es um körperliche Transformationen. Psychische Zustände drücken sich in physischen Veränderungen aus, oder umgekehrt. Der Protagonist aus Videodrome (1983) erlangt etwa durch das „neue Fleisch“ auch ein anderes Bewusstsein. Ein früher Film des kanadischen Regisseurs, der sich dagegen auf faszinierende Weise einer Verkörperung des Geistigen widmet, ist Die Brut (The Brood, 1979).

Über weite Strecken funktioniert der Film wie ein Drama über eine zerbrochene Familie. Während Nola (Samantha Eggar), die psychisch kranke Mutter, in einem sektenähnlichen Therapiezentrum weilt, kümmert sich Vater Frank (Art Hindle) um die gemeinsame Tochter. Er wird schließlich misstrauisch, als er nach einem der üblichen Wochenendbesuche blaue Flecken auf dem Rücken der Kleinen entdeckt. Doch jedes Mal, wenn er seine Frau damit konfrontieren will, wird er vom Therapeuten-Guru Dr. Hal Raglan (Oliver Reed) zurückgewiesen.

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Einmal sieht man auf einem Tisch ein Buch von Raglan mit dem Titel The Shape of Rage liegen. Und in der Tat erzählt Die Brut davon, wie durch nervenstrapazierende Rollenspiele Wut zu Fleisch geformt wird. Der Selbsthass eines ehemaligen Patienten mutiert zu einem stets wachsenden Krebsgeschwür. Bei Nola hat die Deformation schon eine neue Stufe erreicht. In einer externen Plazenta gebärt sie Kinder des Zorns. Sobald sie ihre Wut auf eine Person richtet, ziehen die kleinen Geschöpfe in ihren bunten Skianzügen los und beseitigen das Problem.

Cronenberg hat Die Brut einmal als seine Version des Scheidungsdramas Kramer gegen Kramer (Kramer vs. Kramer, 1979) bezeichnet. Der Film stammt aus einer Zeit, in der der Regisseur selbst für das Sorgerecht seiner Tochter kämpfen musste. Streckenweise lässt sich auch durchaus eine problematische Sichtweise in die Handlung hineindeuten. Während der Vater etwa ein ganz der Vernunft verschriebener Mensch ist, handelt seine psychisch kranke Frau höchst irrational. Auch wenn das Unterfangen letztlich scheitert, braucht es einen autoritären Therapeuten, der Nola mit ihren unkontrollierten Gefühlsausbrüchen diszipliniert.  Betrachtet man Die Brut aber lediglich als Racheakt Cronenbergs an seiner Ex-Frau, tut man dem Film unrecht.

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Allein die Eröffnungsszene ist grandios und zeigt, dass Cronenberg nicht nur die Dekonstruktion des menschlichen Körpers meisterhaft beherrscht, sondern auch ein gutes Gespür für psychologischen Suspense hat. Oft bekommt man beim frühen Cronenberg das Gefühl, er würde keinen richtigen Draht zu seinen Schauspielern finden: Ihr Spiel wirkt immer etwas hölzern und unterkühlt – wobei letzteres durchaus  Methode sein mag. Doch gerade bei Oliver Reed, der ansonsten gerne auf seine Rolle als Vorzeige-Macho und ständig betrunkener Talkshow-Gast reduziert wird, entstehen unglaublich intensive Momente. Mit gehauchter Stimme und theatralischem Spiel legt Reed eine Darbietung hin, die ebenso camp wie unheimlich ist. Der Film beginnt mit einem Rollenspiel zwischen dem Doktor und einem seiner Patienten. Unterstützt von dramatischer Beleuchtung, einer umkreisenden Kamera und einer Tonspur, die nur Stimmen, aber keinen Raum kennt, entsteht hier ein spannendes Wortduell, das der Zuschauer erst nach einer Weile einzuordnen weiß. Die morbiden Rollenspiele ziehen sich dann durch den gesamten Film. Immer wieder geben sich Personen als jemand anderes aus. Sei es die Kindergärtnerin als Mutter oder der hassende als liebender Ehemann.

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So eigenwillig Cronenbergs frühe Filme mit ihrer beklemmenden Atmosphäre, den an Genitalien erinnernden Mutationen und einem klinisch kalten Blick auf die Figuren auch sind, lösen sie sich doch nie von den Konventionen des Genres. Die Brut ist ein klassischer Horrorfilm, der auch deutliche Reminiszenzen an andere Genrebeiträge in sich trägt. Das reicht von der Musik, bei der Hauskomponist Howard Shore deutliche Anklänge an Bernhard Hermanns Soundtrack zu Psycho (1960) erkennen lässt, bis zu den Kindern der Wut, die mit ihren roten Jacken und stark gealterten Gesichtern direkt aus Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don’t Look Now, 1973) zu stammen scheinen.

Man muss als Zuschauer zwar auch einige dramaturgische Holprigkeiten und unfreiwillig komische Momente ertragen. Doch gerade diese mangelnde Perfektion, dieser Mut zum Absurden und Trashigen ist es auch, was Cronenbergs Frühwerk in mehrfacher Hinsicht interessanter macht als seine neueren Arbeiten. Heute ist er längst zum renommierten, in der Hochkultur angekommenen Filmkünstler geworden, der sich vom Stil früherer Tage weitgehend abgewandt hat. Zwar bleibt die Faszination für den menschlichen Körper und seine Transformationen ungebrochen, die filmische Sprache aber ist subtiler geworden, hat sich an Arthouse-Konventionen angepasst und damit auch an Profil verloren. In Die Brut kann man sich hingegen noch einmal davon überzeugen, wie Cronenberg einem etwas schmuddeligen Genrefilm seinen ganz eigenen Stempel aufdrückt. 

Trailer zu „Die Brut“


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