Die Blumen von gestern

Täterenkel trifft Opferenkelin, eine ergiebige Konstellation für explodierende Traumata und einen rückwirkenden Schuldabbau.

Die Blumen von gestern Teaser

Chris Kraus war schon vor zehn Jahren in Hof, mit Vier Minuten (2006). 2016 konnte er als Eröffnungsfilm Die Blumen von gestern zeigen. Und Überraschung: Es ist eine deutsche Holocaustforscher-Komödie. Lars Eidinger spielt den Historiker Totila Blumen, dessen Berufswahl eine einzige Sühnearbeit ist. Seine Eltern waren Nazitäter, er selbst hat sich der Erforschung der Judenvernichtung verschrieben, ist darüber depressiv, daueraggressiv und impotent geworden. Der Auschwitz-Kongress, dessen Organisation ihm entzogen wird, soll unter der Sponsorenschaft von Mercedes-Benz zum Event werden, die mit der Veranstaltung verbundenen Holocaust-Überlebenden sterben an spontanen Herzschlägen oder erweisen sich als zickig – und dann wird ihm eine französische Praktikantin zur Seite gestellt. Zazie (Adèle Haenel) ist noch unberechenbarer als Totila. Ihre jüdische Großmutter wurde vergast. Täterenkel trifft Opferenkelin, eine ergiebige Konstellation für explodierende Traumata und einen rückwirkenden Schuldabbau – durch was wohl?

Die Blumen von gestern

Besessen vom Bösen

Die Figuren stehen unter Dauerstrom, werden verdroschen und dreschen selbst, bis sie Zähne spucken, selbst der Mops trägt irgendwann Kopfverband; die Abgründe sind zum Greifen nah, der Sex auch, und immer schleppt Totila einen Stapel Massenmord-Literatur mit sich herum. Die Blumen von gestern ist auf Slapstick und Pointen geschrieben, gleichzeitig soll der Film, sagt zumindest Chris Kraus, psychologisch glaubwürdig seinen schwer gestörten Charakteren folgen. Die psychologische Glaubwürdigkeit (und ihr mögliches Scheitern) haben mich gerade nicht interessiert. Das Überdrehte und Zugespitzte steht diesem Post-Holocaust-Film doch gut mit seinem Konstrukt einer möglichen oder unmöglichen Liebe der dritten Generation nach der Shoah. Der Film ist seinem Thema gegenüber nicht befangen. Das ist nach Hunderten exploitativen Holocaustschnulzen, die aus der NS-Vergangenheit Bedeutungsschwere als Produktionswert generieren wollen, viel wert. Wenn in Die Blumen von gestern ein Schindlers-Liste-Moment naht, als Zazie am Mahnmal für die Getöteten steht, im knallroten Mantel wie der des Mädchens in der Schlüsselszene bei Spielberg, dann schickt Chris Kraus eine nervende Cola-Verkäuferin durchs Bild, die das Absurde in die Tragik bringt.

[Der Text ist ein Auszug aus dem Festivalbericht Sehnsucht nach dem Staunen: Eindrücke von den Hofer Filmtagen]

 

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