Gone in 60 Seconds

Eine Schönheit namens Eleanor. H.B. Halickis legendärer Autofilm ist auf DVD erschienen. 

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Eine kleine Werkstatt in der Stadt der Engel. Tapeziert mit Postern von nackten Frauen, wirkt sie ein wenig wie ein Kosmetiksalon für Männer vor der metrosexuellen Revolution. In dieser abgeschlossenen Welt dürfen sie nicht nur Angebersprüche klopfen, sondern sich auch mit voller Hingabe ihrer Kunst widmen: das Beste aus einem Auto herauszuholen. Wie Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller H.B. Halicki diesen Mikrokosmos inszeniert, verrät schon, welche Prioritäten er in seinem Film setzt. Die Mechaniker sind zwar zu hören, ihre Gesichter aber kaum zu sehen. Dafür Großaufnahmen von glänzendem Lack und Bauteile von skulpturaler Qualität. Es erstaunt nicht, dass der Film in seinem ohnehin schon knappen Vorspann nur einen Star kennt; eine Schönheit namens Eleanor. Doch hinter diesem Namen verbirgt sich keine Frau, sondern ein gelber Ford Mustang, visuell dynamisiert von einem schwarzen Streifen in der Mitte.

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Gone in 60 Seconds (1974) ist ein ebenso rasanter wie minimalistischer Autofilm und die Werkstatt ein Ort, an dem die Menschen scheinbar den Maschinen dienen. Der Schadensermittler Pace (Halicki) hat sich hier mit einem profitablen Geschäft auf der anderen Seite des Gesetzes eingerichtet. Zusammen mit seinen Angestellten kauft er Unfallwagen auf, klaut anschließend mit schlecht sitzender Perücke und aufgeklebtem Schnurrbart dasselbe Modell, tauscht die Nummernschilder aus und verkauft die Autos dann weiter. Schnelligkeit ist dabei ein wichtiger Faktor. Als Pace sich während eines Footballspiels auf dem Parkplatz bedient, läuft ein zynischer Spruch über die LED-Anzeige: „Lock Your Car or it May Be Gone in 60 Seconds“. Das Unmögliche ist für die Autodiebe eine besondere Herausforderung und der Auftrag eines südamerikanischen Drogenbosses damit ausgesprochen reizvoll: 48 Autos in fünf Tagen für 400.000 Dollar. Im Inneren bleiben die Diebe kleine Jungs, und die wollen natürlich spielen.

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Der „Car Crash King“ Halicki hat mit seinen drei Regiearbeiten Liebeserklärungen an schicke Autos, ihre Fähigkeiten und letztlich auch ihre Zerstörung gedreht. Denn ebenso wie sich der Film an den gewachsten Oberflächen und Rundungen von Fahrzeugen, denen die Schönheit damals noch nicht von optimierter Funktionalität ausgetrieben wurde, ergötzt, feiert er auch ihren Untergang. Nachdem Halicki mit grob geschnitzten Figuren und einer improvisierten Handlung ein narratives Fundament geschaffen hat, gibt er sich fast die gesamte zweite Hälfte seines Films einer ausufernden Verfolgungsjagd hin. Zwischen den Städten Long Beach und Carson darf die gute Eleanor zeigen, was sie kann, hinterlässt dabei eine Spur der Verwüstung und wird selbst immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Keine Frage, in Gone in 60 Seconds werden Autos geradezu verehrt. Sie bleiben dabei aber Gebrauchsgegenstände, je nach Situation auch mit einer sehr kurzen Lebensdauer. Wenn das Auto in seine Einzelteile zerfliegt, ist das eben der natürliche Kreislauf der Technik. In der nächsten Tiefgarage wartet bestimmt eine neue Eleanor.

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Langweilig wird diese hyperkinetische Form von Kino auch nicht, wenn die äußere Handlung stillsteht. Vor allem weil Halicki nicht nur eine möglichst lange Verfolgungsjagd in Szene setzt, sondern ihr auch eine eigene Dramaturgie verleiht, inklusive Wendepunkten und comic relief, wie etwa durch eine Clique junger Kiffer, die immer wieder Paces Weg kreuzt. Sein geringes Budget und seine mangelnde Kunstfertigkeit gleicht der Film durch den vollen Körpereinsatz der Beteiligten und seine ungebrochene Begeisterung für die Maschinen aus. Aus heutiger Perspektive muss man bei der Verschmelzung von Geschwindigkeit und Zerstörung unweigerlich an die Fast-and-Furious-Reihe denken. Doch etwas an Halickis Film, das über seinen Vintage-Appeal hinausgeht, macht ihn sympathischer. Vielleicht weil er doch eher elegant als prollig ist, vielleicht aber auch, weil er sich seinem Gegenstand noch sehr viel konzentrierter widmet.

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So bemerkenswert Gone in 60 Seconds ist, so traurig ist es zugleich, wie er der Nachwelt erhalten bleibt. Mit den besten Absichten, aber ohne Sinn für Ästhetik wird in regelmäßigen Abständen versucht, einen ohnehin schon erfolgreichen Film im Nachhinein noch besser zu machen. Bei den neueren DVD-Veröffentlichungen kommt das Grauen von der Tonspur. Wurde das Original noch mit den Folkrock-Songs von Philip Kachaturian untermalt, hat man Musik und Soundeffekte bei der Restaurierung im Jahr 2001 einfach komplett neu eingespielt. Die Folge ist ein permanenter Soundteppich, der dem Film seinen ganzen Rhythmus raubt. Und während es gerade das Rohe und Dreckige ist, das Halickis Film auszeichnet, muss man sich nun glatt produziertes Easy-Listening-Gedudel anhören; mit einem knödelnden Bass, der ungefähr so funky ist wie Michael Bolton. Immerhin kann man sich auf der DVD von Concorde zumindest bei den Extras noch ein ungefähres Bild der Originalfassung machen, nur leider im falschen Format, deutsch synchronisiert und um über zehn Minuten gekürzt. Anders als bei George Lucas oder William Friedkin kann man den Schwarzen Peter diesmal jedoch nicht dem Regisseur zuschieben. Halicki ist nämlich bereits 1989 verstorben und musste glücklicherweise nicht mehr mit ansehen, wie sein Lebenswerk verschandelt wird.

Trailer zu „Gone in 60 Seconds“


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