Die blaue Dahlie

Kriegsheimkehrer unter Mordverdacht: Kurz nach seiner Ankunft in L.A. wird die Frau eines Soldaten tot aufgefunden. Mit der Verfilmung von Raymond Chandlers einzigem Originaldrehbuch startet eine kleine, aber verdienstvolle Film noir-Kollektion auf DVD.

Die blaue Dahlie

Um die Entstehung dieses Films ranken sich einige Mythen. 1945 soll Raymond Chandler Paramount angeboten haben, aus einem halbfertigen Roman in kurzer Zeit ein Drehbuch zu machen, und das Studio, das dringend ein Vehikel für seinen Star Alan Ladd brauchte, nahm den Vorschlag dankbar an. Die Umsetzung stürzte den Autor jäh in eine Schreibkrise, und bald drohten die Dreharbeiten den nur langsam voranschreitenden Text einzuholen. Chandler glaubte, nur unter Alkoholeinfluss weiterschreiben zu können, und sicherte sich vom Studio eine Rundumbetreuung zu, inklusive Fahrdienst, Sekretärin, Leibarzt und Vitaminspritzen. So konnte er das Buch in kreativer Trunkenheit doch noch glücklich beenden.

Diese zweifellos filmreife Geschichte verweist Thomas Willmann in seinem schönen Booklettext zur Die blaue Dahlie-DVD ins Reich der Legende, als eine von Produzent John Houseman erst Jahrzehnte später ersponnene Mär. Immerhin, Chandler selbst bemerkte in einem Brief, der Film habe ihn „fast umgebracht“ – nebst abfälligen Bemerkungen über den „abgehalfterten“ Regisseur George Marshall (einen Hollywood-Veteran der ersten Stunde, der über 400 Filme gedreht hat) und den weiblichen Co-Star Veronica Lake (von Chandler gehässig „Moronica“ genannt): „Einigermaßen brauchbar ist sie nur, wenn sie den Mund hält und geheimnisvoll dreinschaut.“

Die blaue Dahlie

Solch galligen Bemerkungen zum Trotz startete Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia) mit großem Erfolg – nicht zuletzt dank des damals sehr populären Gespanns Ladd-Lake. Vor allem aber wohl, weil Chandlers Drehbuch den Nerv der Zeit traf. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen für die US-Gesellschaft waren der soziokulturelle Nährboden für die gesamte schwarze Serie, in Die blaue Dahlie werden sie direkt thematisiert. Alan Ladd spielt den Kriegsheimkehrer Johnny, der nach seiner Ankunft in L.A. feststellen muss, dass sich die Welt ohne ihn weitergedreht hat. Er überrascht seine Frau Helen in ihrem Bungalow auf einer feuchtfröhlichen Party, auf der sie sich mit dem zwielichtigen Eddie (Howard Da Silva) vergnügt, dem Besitzer des Nachtclubs Blue Dahlia.

Doris Dowling spielt Helen als einen genretypischen schwarzen Engel, eine der selbstbestimmten, modernen Frauen jener Filmära, die altbackene Helden vom Schlage Johnnys nicht mehr brauchen. Als sie ihm mitteilt, dass ihr gemeinsamer Sohn bei einem Autounfall ums Leben kam, den sie im Vollrausch verursachte, will er sie erschießen – sucht dann aber voller Verachtung das Weite. Später am Abend macht ein anderer Besucher von der Waffe Gebrauch. Als man Helens Leiche findet, fällt der Verdacht sofort auf Johnny. Der sieht sich bald nicht nur von der Polizei, sondern auch von Eddies Leuten verfolgt. Hilfe bekommt er von einer geheimnisvollen blonden Schönheit (Veronika Lake), die ihn als Anhalter mitnimmt und sich, wie es der Zufall will, als Eddies Frau entpuppt, ebenfalls frisch getrennt.

Die blaue Dahlie

Die blaue Dahlie wurde von dem im selben Jahr gestarteten Tote schlafen fest (The Big Sleep; Regie: Howard Hawks) bald in den Schatten gestellt – sicher auch, weil er keinen Hauptdarsteller vom Kaliber Bogarts zu bieten hatte. Doch auch der Plot selbst reicht in Sachen Spannung und Abgründigkeit nicht an die Verfilmung von Chandlers Debütroman heran. Was zu Beginn noch ein ähnlich komplexes Verwirrspiel zu werden verspricht, entpuppt sich am Ende als fast zu simpel gestrickter whodunit. Und Marshalls Inszenierung, seinerzeit für tempo- und actionreich befunden, wirkt heute betrachtet eher spröde, stilistisch größtenteils unambitioniert.

Dennoch enthält Die blaue Dahlie einige magische Momente – allem voran Lakes und Ladds Autofahrten durchs nächtliche L.A., gerade weil diese für den Plot fast funktionslos bleiben: kleine Ruheinseln, für die sich Marshall viel Zeit lässt und in denen Chandler als Dialogkünstler brilliert (die deutsche Synchronisation mit ihren zahlreichen Aussprache- und Übersetzungsfehlern ist allerdings eher unfreiwillig komisch). Auch findet sich in dem Film ein nicht uninteressanter Paranoia-Subtext: Einen guten Teil ihrer Interaktion bestreiten die Figuren über Telefongespräche, von denen nicht wenige – sowohl von den Gangstern wie vom Gesetz – abgehört werden, sodass man als Zuschauer schon bald bei jedem Gespräch einen dritten Mithörer vermutet (man mag da dieser Tage aber besonders empfindlich sein).

Die blaue Dahlie

Heimlicher Star des Films jedoch ist William Bendix in der Rolle des Buzz, Kriegskamerad des Helden und gleichsam sein dunkles Alter Ego. Wo Johnny den Krieg moralisch und körperlich scheinbar unversehrt überstanden hat, da ist Buzz lädiert und seelisch zerrüttet – oder, unübersetzbarer Terminus technicus, shell shocked. Er trägt eine Metallplatte im Kopf, ist aggressiv, unberechenbar und allergisch gegen laute Musik. Gleich in der Anfangssequenz provoziert er fast eine Kneipenschlägerei, weil ihn die aus einer Jukebox dröhnende monkey music in den Wahnsinn treibt. Immer wieder sehen wir im Close-up sein angst- und wutverzerrtes Gesicht, während sich auf der Tonspur die Musik ins Unheimliche verzerrt. Keiner anderen Figur gönnt der Film eine vergleichbare Subjektivierung – ein auch formal bemerkenswerter Hinweis auf ihre zentrale Rolle.

Tatsächlich hatte Chandler ursprünglich Buzz als Mörder vorgesehen. Die Inszenierung legt dieses Ende früh nahe, das dementsprechend vorhersagbar, aber absolut stimmig gewesen wäre. Die Navy jedoch protestierte gegen eine solche Verunglimpfung ihrer tapferen Jungs, und so musste Chandler mit einer anderen Auflösung vorlieb nehmen, die tatsächlich so wirkt, als habe er die letztmögliche Abzweigung genommen – überraschend und unmotiviert. Ein Ende, das schnell vergessen ist und nichts daran ändert, dass Buzz in der tieferen Bedeutungsschicht des Films Täter und Opfer zugleich ist – und sein eigentliches Zentrum. Dass dies auch für heutige Zuschauer unzerstörbar so bleibt, hätte Chandler, der mit dem fertigen Film so unzufrieden war, sicher getröstet.

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