Die Besucherin

Besuch im Leben der anderen: Lola Randls Regiedebüt erzählt von der Suche einer Frau nach sich selbst und von dem Umweg, den sie dabei gehen muss.

Die Besucherin

Die Besucherin lernen wir zunächst als Frau ohne Eigenschaften kennen. Stoisch und routiniert lenkt die vierzigjährige Agnes (Sylvana Krappatsch) jeden Tag ihren Wagen von der Nervenklinik, in der sie als Neurowissenschaftlerin in einer leitenden Position arbeitet, zu dem Einfamilienhaus in der Vorstadt, in dem sie mit ihrem Mann Walter (Samuel Finzi) und ihrer pubertierenden Tochter Leni (Isabel Metz) wohnt. Nicht einmal als Agnes einen vom Himmel gefallenen Mann überfährt, gerät sie aus der Fassung. Und vielleicht beschließt sie genau deswegen in genau diesem Moment an genau jener Kreuzung, die ihr abhanden gekommenen Gefühle für ihr Umfeld und für sich selbst wiederzufinden. Von jener Suche jedenfalls will der Film erzählen.

Die Besucherin

Lola Randl lässt Agnes’ Reise in einer fremden Wohnung beginnen – sozusagen im Leben der anderen. Eigentlich sollte sie nur stellvertretend für ihre hysterische und nachlässige Schwester Karola (Jule Böwe) die Blumen für ein entfernt bekanntes Ehepaar gießen. Doch schon bald interessiert sie sich immer mehr für die fremde Wohnung und das Leben ihrer abwesenden Bewohner. Selbst mitten in der Nacht bricht die schlaflose Wissenschaftlerin auf, um bei jedem Besuch mehr über das Paar zu erfahren, das in den museumsgleichen Räumen einmal zu Hause war. Während ihr Mann Walter als Kriminalbuchautor fiktionale Biografien und Personenkonstellationen entwirft, ist Agnes vernarrt in den Gedanken, aus den Spuren von zwei Unbekannten zu lesen und die in der Wohnung bewahrte Realität des Ehepaars Vorberg ganz physisch zu erleben – da sind Fotografien, die vor Jahren einmal an den Türrahmen gepinnt wurden, da ist ein in einem Buchrücken versteckter Brief von einem Liebhaber namens Wolf, und da ist der eigentümliche Geruch der noch zerwühlten Bettlaken.

Die Besucherin

Und plötzlich wird die Wohnungstür aufgeschlossen, und Bruno Vorberg (André Jung) legt sich neben Agnes ins Bett. Sie weiß viel über ihn, er weiß nichts von ihr. So soll es bleiben. Noch bevor er ihr Fragen stellen kann, schläft sie mit ihm, um danach schlagartig die Wohnung zu verlassen. Agnes ist hin und her gerissen zwischen der Freiheit, die ihr die Anonymität verspricht, und den Verpflichtungen, denen sie als Mutter und Ehefrau zu Hause gerecht werden muss. Die körperliche Intimität, die sie mit Bruno als unbekannte Besucherin erleben kann, führt sie immer wieder zur Wohnung zurück. Doch der Reiz der Anonymität findet bald sein Ende: Als Bruno und Agnes von einer Familienfeier zurückfahren, auf der sie von vielen für Brunos Frau gehalten wurde, trifft sie endgültig eine Entscheidung: „Ich möchte hier bitte aussteigen.“

Die Besucherin

Zweimal im Film entdeckt Agnes kleine Häuschen, die ihre Tochter Leni gebastelt hat. Als sie sich zu Beginn über die Bewohner eines Schuhkartonhäuschens erkundigt, antwortet Leni: „Da wohnt irgendjemand. Niemand Bestimmtes.“ Und über das kleine Baumhaus, das sie im Garten gebastelt hat, sagt sie: „Das ist ein Landeplatz für Geister.“ Beide Häuschen haben etwas mit der Wohnung zu tun, die Agnes besucht hat, um wieder zu sich zu finden. Jetzt aber braucht sie keinen Landeplatz für Geister mehr. Geduldig wartet Lola Randl die letzte Einstellung ihres Films ab, um ihrer Hauptdarstellerin Sylvana Krappatsch ihre ersten Tränen zu entlocken. Indem sie den Zuschauer mit jener Offenheit konfrontiert, hat die Filmemacherin ihren Weg ins Kino gefunden.

Wo eine solche Geschichte auch zu einem schwülstigen Melodram oder einem anstrengenden Emanzipationsfilm hätte werden können, da erfrischt Die Besucherin durch den klugen und stillen Witz der Regisseurin, die fein organisierten, fast beiläufigen Dialoge und das glänzende Schauspiel der Hauptdarsteller Sylvana Krappatsch, André Jung und Samuel Finzi. Die Kamera von Philipp Pfeiffer lässt den Protagonisten ausreichend Raum und kommt der Besucherin dann am nächsten, wenn sie nur umrisshaft oder als Silhouette erkennbar ist – in jenen Momenten wird die Zerbrechlichkeit sichtbar, die Agnes für sich wiederentdecken will.

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Kommentare


sk

die kritik habe ich mit großer aufmerksamkeit und ebenso großem gewinn gelesen. die einschätzung des films teile ich - ein sehr sehenswertes debut!
interessant finde ich die interpretation der szene, wo bruno zu agnes ins bett kommt und beide unverzüglich miteinander schlafen. mir hat sich das beim sehen nicht erschlossen, aber die regisseurin hat dieselbe lesweise vorgeschlagen - dass sie mit ihm schläft, um nicht reden und erklären zu müssen.






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