Die besten Jahre

Viel gelobt wird derzeit Marco Tullio Giordanas Die besten Jahre (La meglio giuventù). In einen Sechsstundenfilm projiziert der Regisseur gut 35 Jahre italienischer Geschichte auf die fiktive Familie Carati. Der Film bestätigt, dass nicht grundsätzlich Quantität gleich Qualität ist.

Die besten Jahre

„The possibilities were endless...“ ist eine Werbezeile für die US-Vermarktung von Die besten Jahre (La meglio giuventù, 2003). Die Aussage dieser Zeile ließe sich nicht nur auf die gelebten und versäumten Möglichkeiten im Leben der Hauptfiguren beziehen. Sie nährt auch eine besondere Erwartungshaltung gegenüber der jüngsten Arbeit des Regisseurs Marco Tullio Giordana (100 Schritte, I cento passi, 2000), denn einem sechsstündigen Film scheint allein die Laufzeit grenzenlose Möglichkeiten zu bieten. Das Interessante bei solch einem seltenen Unterfangen ist die filmische Dramaturgie, die nicht an die übliche 90-180 Minuten Kinoerzählung gebunden ist. Nachdem man nun sechs Stunden und sechs Minuten im Kinosessel verbracht hat, ist man sich gewiss, die Werbezeile war nicht gelogen, denn die Möglichkeiten waren endlos, nur hat der Film sie nicht für sich genutzt.

Als Familienepos im historischen Rahmen des ausgehenden 20. Jahrhunderts angelegt, vermengt Die besten Jahre Elemente des Melodrams und der Seifenoper. Ohne Überraschungen oder gar erzählerischen Innovationen kommt der ursprünglich für das Fernsehen produzierte Film in dem Format einer Miniserie daher. Die dramaturgische Struktur von vier 90minütigen Teilen wurde für die Kinoauswertung auf zwei Blöcke verteilt. Es ist nicht nur unoriginell eine Miniserie im Kino zu zeigen, auch die Kopie ist einer Filmaufführung unangemessen. Trotz der Umkopierung auf 35mm Film evozieren regelmäßig auftretende Stufenstrukturen in Diagonalen und Kreisformen, die der Fernsehtechnik geschuldet sind, bisweilen den Eindruck einer nur mäßigen Videoprojektion.

Die besten Jahre

Ihren Ausgang nimmt die Geschichte der Familie Carati, in deren Mittelpunkt die Brüder Nicola (Luigi Lo Cascio) und Matteo (Alessio Boni) stehen, im Rom des Jahres 1966. Wie Matteo ist auch Nicola an der Universität eingeschrieben. Zu Beginn des Films gibt Nicolas Medizinprofessor dem jungen Studenten in der Nachbesprechung einer bestandenen Prüfung Ratschläge für die Zukunft und richtet sich dabei auch indirekt an den Zuschauer. Einerseits formuliert der Professor mit seinen Ausführungen über Italien, das er von „Dinosauriern“ regiert sieht, die Prämisse des Films, eine Betrachtung der Italienischen Gesellschaft. Andererseits offeriert der Dozent auch eine Anleitung für die Sicht auf die Figuren des Films. Der Professor attestiert Nicola einen „Sympathiebonus“, den ihm auch der Zuschauer zugestehen müsste, um das Interesse an dem Schicksal des jungen Studenten und seiner Familie, das sich über drei Jahrzehnte erstreckt, nicht zu verlieren. Denn der Lebens- und Leidensweg, den das Drehbuch der Familie Carati vorbestimmt hat, verfolgt allzu offensichtlich ein Kino der Affekte. Das oberflächliche Kalkül mit den Emotionen der Zuschauer wird eklatant, wenn der Film vorgibt, ernste gesellschaftliche Themen zu behandeln. So dient die Figur der geisteskranken Giorgia (Jasmine Trinca), der sich Nicola und Matteo annehmen, nur vordergründig der Problematisierung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Randgruppen. Giorgia wird von den Drehbuchautoren Sandro Petraglia und Stefano Rulli nicht nur eingesetzt, wenn es darum geht, die ungleichen Brüder zu charakterisieren. Ihre Funktion läuft letztlich darauf hinaus, die Figur des grundguten Nicola, der sich wiederholt auf rührende Weise um Giorgia kümmert, positiv aufzuwerten.

Die besten Jahre

Die Figuren sind in einem klar definierten gesellschaftlichen Rahmen eingebettet, in dem Giordana Kulturgeschichte inszeniert, und dafür größtenteils auf Zitate zurückgreift. So baut er etwa Motive aus Fellinis Vitelloni – Die Müßiggänger (I vitelloni, 1953) ein, wenn er Nicola zeigt, wie er mit Freunden und mit seinem Bruder als Nachtschwärmer unterwegs ist. Auch ist die Figur des Matteo eine direkte Anspielung auf Alain Delons Rolle in Rocco und seine Brüder (Rocco e i suoi fratelli, 1960). Beide Figuren suchen mit dem Eintritt in das Militär den Ausweg aus einer Krise und auch Matteo drückt äußerlich, durch kurz geschorenes Haar, einen inneren Wandel aus. In dem Giordana, neben den Filmzitaten, Kunstwerke von Meistern der Renaissance zeigt und in Aufnahmen der toskanischen Landschaft schwelgt, scheint er eine nationale Identität zu zelebrieren, die er mit historischen Ereignissen, wie der Flutkatastrophe in Florenz 1966, mit dem kollektiven Gedächtnis seines Publikums zu verbinden sucht. Nur bewegt sich Giordana dabei an der Oberfläche, da sein Entwurf eines Italiens lediglich von den schablonenhaften Figuren des Films reflektiert wird. So scheint der Film wie die Fähre, die Giordana in einer Einstellung vor Stromboli zeigt und die den Namen des venezianischen Malers Giovanni Bellini trägt, lediglich emblematisch für ein kulturelles Erbe zu stehen, ohne dass er selbst eine Tradition fortsetzen würde. Vielleicht sollte der Film auch gar nicht über eine Sinnbildfunktion hinaus operieren.

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