Die Beschissenheit der Dinge
Wenn der Onkel die eigene Flamme verführt: Felix Van Groeningen erzählt komisch und traurig vom Erwachsenwerden unter Säufern.
Natürlich kann man eine behütetere Jugend haben als Gunther Strobbe (Kenneth Vanbaeden). Das Kino ist ja nun voll von solchen weichgespülten Coming-of-Age-Geschichten, in denen schöne Menschen ohne Akne in Irrungen und Wirrungen geraten, deren Erzählstruktur vielleicht Shakespeares Dramen entliehen sein mag, denen aber nichts Existenzerschütterndes zu eigen ist – außer vielleicht in jenem Maße, in welchem der Teenager durch vieles erschüttert werden kann.
Da wirkt Gunther mit seinen dreizehn Jahren fast stoisch. Mit seinem Vater (Koen De Graeve) und dessen drei Brüdern lebt er irgendwo in der belgischen Provinz der 1980er Jahre bei seiner Großmutter, einer freundlichen Dame, die es nahezu aufgegeben hat, ihre rauchenden und saufenden Sprösslinge zurechtzuweisen. Selbst als ihm sein jüngster Onkel das Mädchen ausspannt, mit dem er gerade erste Anbandelungen zu einer Romanze entwickelt hat, nimmt er das zwar leidend, aber schweigend wahr.
Die Beschissenheit der Dinge (De helaasheid der dingen) trägt schon im Titel vor sich her, dass im Leben seines Protagonisten nicht alles zum Besten steht. Felix Van Groeningen erzählt seine Geschichte als Rückblick und traurigen Prozess einer Loslösung. Der mittlerweile erwachsene Gunther (Valentijn Dhaenens) ist ein erfolgloser Schriftsteller, der sich davor fürchtet, so zu werden wie sein Vater Marcel, und deshalb auch das Kind nicht will, das er mit seiner Freundin gezeugt hat – und natürlich ist es gerade diese Abwehrbewegung, die ihn Marcel so ähnlich macht.
Van Groeningen gibt seinem Film durch den konsequenten Einsatz der Handkamera einen intimen und zuweilen fast dokumentarischen Charakter. Entlang der Bahnlinie, wo die Häuser der Unterschichten bis dicht an die Gleise heran stehen, bekomme man ein ehrliches Bild des Landes, sinniert Gunther einmal, der in einer ebensolchen Siedlung aufgewachsen ist, in der direkt neben den Schienen um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde wettgesoffen wird.
Die Bilder aus Gunthers Kindheit sind, ganz das Verblassen der Erinnerung suggerierend, oft in ausgewaschenen Farben gehalten, wie alte, ausgeblichene Schnappschüsse, manchmal gar in Schwarzweiß. Das deutet aber schon an, dass man das mit dem Dokumentarischen nicht allzu ernst nehmen darf, dass hier stattdessen eher aus der Erinnerung erzählt, umgedeutet und beschrieben wird. Oder dass Gunther sich sein Leben womöglich selbst erfindet – gegen Ende des Films sieht man den noch werdenden Schriftsteller Gunther an der Arbeit seiner eigenen Biografie, wie er schreibt, was wir dann im Wechsel auch immer zu sehen bekommen, von seiner Stimme aus dem Off begleitet: So wird zwar die Bodenhaftung der Geschichte nicht geringer, die Zuverlässigkeit ihres Erzählerstimme aber doch befragenswert.
Dabei entgeht der Erzähler jeder Versuchung, aus der Geschichte eine Künstlerbiografie zu machen, seine Neigung zu kreativer Arbeit als Resultat einer schweren Kindheit zu beschreiben. Eher noch scheint er zum Schriftsteller zu werden, weil er als unzuverlässiger Schüler für seine Lehrer fortwährend Strafarbeiten abliefern muss. Ironischer kann man den Künstlermythos kaum brechen.
Zugleich aber hält sich der junge Schriftsteller mit den klassischen Jobs über Wasser – natürlich in ihrer modernen Form: Callcenter-Telefonist, Minibar-Verkäufer im Zug, Pizzabote –, und seine Jugend scheint mit genug Erfahrungen von roher Derbheit gefüllt zu sein, um mehrere Bücher nach Bukowski-Manier zu füllen.
Sein Vater und seine Onkel pflegen ein sehr direktes Verhältnis zu ihrem Körper, seinen Ausscheidungen und Bedürfnissen. Ihre Rivalität untereinander tragen sie schon einmal darüber aus, dass sie sich besonders extravagante Trinkspiele ausdenken, und Marcel sucht seine Zweifel daran, dass er wirklich Gunthers Vater sei, wortwörtlich (und erfolgreich) durch einen Schwanzvergleich mit seinem pubertierenden Sohn zu entkräften. Das alles ist grotesk und in den großen Gesten der Protagonisten tragisch; zugleich stellenweise hochkomisch und außer im Humor (der schnell ins Zotige rutscht) sogar oft feinsinnig.
„Das Leben ging weiter, das ist das Schwierige daran.“ Eine äußerst lakonische Geschichte vom Erwachsenwerden ist Die Beschissenheit der Dinge, und während Felix Van Groeningens Film äußerlich wie Sozialrealismus tut, feiert er dann doch vor allem das pralle Leben, wie es sich in den Kneipen und Betten seines Landes vielleicht abspielen mag, dort in den Häusern am Bahndamm
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 16.05.2010
Kommentare zu Die Beschissenheit der Dinge
Anita Koch 10.08.2010 12:43
Wie man diesem Film etwas Komisches abgewinnen kann,übersteigtmein Fassungsvermögen.Die Familie dort ist nichts weiter,als ein Haufen verkommener,asozialer,versoffener,ständigzugedröhnter widerlicher Kerle,die auf Kosten der Mutter leben und auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen.Dem Jungen gegenüber sind sie brutal bis Zur Unerträglichkeit.Nach der Szene,in der der Vater seinem Sohn ins Gesicht tritt,wollte ich schon das Kino verlassen.Habe dann aber noch eine viertel Stunde gebraucht,um das in die Tat umzusetzen.Den Rest hat mir dann dieses widerliche Wett-Saufgelage gegeben und zu sehen,daß der Junge betrunken an den Bahnschienen entlang torkelte.Und einer dieser widerlichen Szenen folgte der anderen.Keine Normalität an irgendeiner Stelle.Ich verstehe,wenn man sich sein Kindheitstrauma von der Seele schreiben will,um es verarbeiten zu können.Aber über so etwas muß man keinen Film drehen.Das ist psychische Verletzung des Zuschauers (und das meine ich ernst),auch wenn es toll ist,daß dieses Kind offenbar den Absprung aus diesem "Leben" geschafft hat.Aber hat es das wirklich?Mit einem Buch?Mit einem Film?
Wie sehr ist den unsere Gesellschaft verroht und verkommen,wenn man so etwas lustig oder gar sensibel erzählt findet???Und welcher Hirnamputierte läßt den Film ab einem Alter von 12 Jahren zu?Meine Freundin war kreidebleich,als wir das Kino verlassen haben.
Dieser Film würde von mir 20 Minussterne bekommen,was leider nicht geht.
Napfkuchen 17.08.2010 11:46
Sudieren Sie Sozialpädagogik ?
So sieht´s eben für einige Menschen aus...
Mimose ;-)
chill dein leben 23.08.2010 17:50
Als würde der Name des Filmes nicht etwas über dessen Inhalt aussagen.
Warum guckt man denn Filme?
Wer es nicht verträgt,nicht das typische Happy End serviert zu bekommen, sollte sich vielleicht vor Erwerb der Kinokarte mal über die ungefähre Handlung informieren.
Amen
Karl Gärtner 26.08.2010 16:58
@ Anita Koch
Ich hab das genauso empfunden. Einfach nur ein Albtraum und vorallem keine Sozialstudie.
@ Napfkuchen und chill dein Leben
Empfinde ich beides als ziemlich dumme Bemerkungen. Unsensibel.
Steffen 28.08.2010 14:23
@ Anita Koch
Wahrscheinlich durften sie in behüteten Verhältnissen ihr Kindheit genießen, was aber keineswegs jedem vergönnt war bzw. ist. Wenn man jedoch mit solchen Menschen durch seine Kindheit oder Jugend geht, kann man sehr wohl auch die komischen Seiten solcher kaputten Existenzen sehen und mit ihnen lachen. Auch wenn solche Männer für sie nur asoziale Verlierer sind, haben diese Figuren es dennoch verdient differenzierter betrachtet zu werden. Trotz aller Unzulänglichkeiten dieser Personen halten sie dennoch zusammen und geben sich den Halt, den sie vom Rest der Gesellschaft verwehrt bekommen.
Keine Normalität an irgendeiner Stelle? Mit verlaub aber das ist schlicht falsch. Dieser Film ist erschreckend aktuell. Er spiegelt vielleicht nicht ihre Normalität wieder, aber für den einen oder anderen werden einige Szenen erschreckende Parallelen zur Kneipe an der Ecke festzustellen sein.
Ihr Kommentar ist naiv und vorurteilsbelastet.
Jenja 26.09.2010 21:45
Naja, sagen wir, der Film ist nichts für zartbesaitete. An einigen Stellen musste auch ich wegschauen (z.B.als Celle in einer Lache von Erbrochenem erwacht ist) oder als er von Entzugserscheinungen geplagt zitternd im Bett saß. Vielleicht wurde die Realität des Jungen überspitzt dargestellt, ich glaube aber dennoch, dass sie sich so abgespielt haben könnte.
Das Oimel 23.10.2010 18:38
Ich stimme Stefen zu. Gerade dadurch, dass das Bildungsbürgertum den größeren Input in die mediale Gesellschaftsdarstellung liefert, lässt sich daraus kein nivelliertes Bild von "Normalität" ableiten. Ich mochte den Film, grade weil er mal einen wenig beleuchteten, zahlenmäßig aber eben nicht unbedeutenden Teil der Gesellschaft vielleicht überzogen (ist ja schließlich Kino und keine Soziologiehausarbeit) aber im Grunde sehr ehrlich und keineswegs abschätzig auf die Leinwand bringt. "Normal" wie in "Gewöhnlich" und "Norm" wie in "Moral" sind eben zwei Hürden in unterschiedlichen Disziplinen. Wer nur "das Leben, wie es sein soll" auf der Leinwand will, trinke kalorienreduzierte Sportgetränke und halte sich an Hollywood, der Rest köpfe eine Flasche harten Stoff und fühle sich auch am unteren Ende der Nahrungskette bestens unterhalten.
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Film-Angaben
Titel: Die Beschissenheit der Dinge
Originaltitel: De helaasheid der dingen
Belgien, Niederlande 2009
Laufzeit: 108 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Felix Van Groeningen
Drehbuch: Felix Van Groeningen, Christophe Dirickx
Produktion: Dirk Impens
Bildgestaltung: Ruben Impens
Montage: Nico Leunen
Musik: Jef Neve
Darsteller: Kenneth Vanbaeden, Valentijn Dhaenens, Koen De Graeve, Wouter Hendrickx, Johan Heldenbergh, Bert Haelvoet, Gilda De Bal, Natali Broods, Pauline Grossen
Kinostart: 20.05.2010
DVD-Angaben
Titel: Die Beschissenheit der Dinge
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Holländisch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: Trailer; Interview mit dem Regisseur: Spaß am Set
Verleih ab: 07.04.2011
Verkauf ab: 14.04.2011
Copyright Die Beschissenheit der Dinge
Fotos: © Neue Visionen Filmverleih
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