Die Aufschneider
Willkommen in der Welt von Tupfer und Blutkonserven! Wenn Halbgötter in Weiß ihren hippokratischen Eid nicht so genau nehmen, kann das fatale Konsequenzen haben, wie diese deutsche Krankenhaus-Satire beweist. Für den Patienten und den Zuschauer.

Satire oder Klamotte? Aufgrund der fließenden Übergänge zwischen beiden Genres ist eine Einordnung nicht immer leicht vorzunehmen. Eine Satire beklagt gemeinhin mittels einer überspitzten, verzerrten Darstellung, die bis ins Absurde abdriften kann, gesellschaftliche und/oder politische Missstände. Bemüht man in der Hoffnung auf eine präzisere Begriffsbestimmung die bekannten Nachschlagewerke, so erfährt man, dass eine Abgrenzung zur Parodie und Komik vor allem durch die kritische Haltung der Satire einem Sujet gegenüber vorgenommen werden kann. Gewappnet mit einer solchen Information, lässt sich über Die Aufschneider zweifelsfrei sagen, dass vieles, was satirisch gemeint sein könnte, letztlich in Albernheiten und altbackenen Klischee-Späßchen versinkt.
Das ist umso ärgerlicher, weil im Ausgangspunkt der Geschichte eigentlich reichlich Potential für eine wirklich böse, ungeschminkte Abrechnung mit dem Status Quo liegt. In diesem Fall ist es das deutsche Gesundheitssystem mitsamt seinen aus der Geldnot geborenen Auswüchsen, das in Die Aufschneider den Handlungsmotor anwerfen muss. Weil eben die öffentlichen Kassen immer klammer werden, haben die örtlichen Behörden entschieden, dass eine von zwei benachbarten Kliniken geschlossen werden muss. Welche das sein wird, soll in einem zehntätigen Wettbewerb um das beste Konzept ermittelt werden. Dabei scheinen die Argumente klar auf Seiten der High Tech-Klinik „St. Georg“ von Professor Radwanski (Christoph Maria Herbst) zu liegen. Dort wird Spitzenmedizin in einem absolut keimfreien Ambiente geboten. Dagegen kann die hoffnungslos veraltete, dafür aber umso gemütlichere Eichwald-Klinik von Prof. Keller (Burghart Klaußner) kaum bestehen. Die Rettung verspricht sich der Krankenhauschef von seinem Schwager (Josef Ostendorf), einem Motivationsguru für müde Manager, der Eichwald in eine „Wellness-Oase“ verwandeln will.

Anstatt die Gegensätzlichkeit der Kombattanten und die technokratische, den Menschen zu einem reinen Kostenfaktor degradierende Zukunftsvision, die von Radwanksi rücksichtslos umgesetzt wird, zu sezieren, vollzieht der Plot bereits nach kurzer Zeit eine wenig geglückte Kehrtwende. Das Drehbuch konzentriert sich fortan auf die turbulenten, slapstickartigen Verwicklungen rund um eine zweckentfremdete Spenderleber, die das geordnete Leben der beiden Oberärzte Dr. Steffen Wesemann (Carsten Strauch) und Dr. Klaus Kunze (Rainer Ewerrien) aus der Bahn wirft. Der eigentliche Wettstreit tritt zunehmend in den Hintergrund und mit ihm auch fast jedweder satirische Biss, der beispielsweise bei dem scheinheiligen Umgang mit Patienten als „Kunden“ anfangs noch vorhanden ist. Stattdessen frönt der Film klischeebeladenen und zu oft gesehenen Gags, die sich um die Einparkkünste von Frauen und homoerotische Verwechslungen drehen.
Regisseur, Hauptdarsteller und Co-Autor Carsten Strauch beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem Milieu der Weißkittel. Bereits sein Kurzfilm Das Taschenorgan (2000), der eine Nominierung für den Deutschen Kurzfilmpreis erhielt, war dort situiert. Über die volle Distanz geht seinem „Langläufer“ merklich die Puste aus oder – um im Medizinjargon zu bleiben – qualifiziert er sich für die Intensivstation. Weil Strauch zudem auch filmisch nichts einfällt, was es rechtfertigen würde, über die oft seichten Pointen hinweg zu sehen, werden die 90 Minuten alsbald zur Qual. Leid kann es einem um Schauspieler wie Burghart Klaußner, Christoph Maria Herbst und Josef Ostendorf tun. Letzterer muss eine offensichtlich am ehemaligen Fußball-Manager Rainer Calmund angelehnte Karikatur geben, die sich vor allem durch ihre unerschütterliche und permanente rheinische Fröhlichkeit auszeichnet. Dass die Realität in diesem Fall gar keiner Überzeichnung mehr bedarf, ist Strauch leider entgangen.

Wie man es besser macht, wie eine Satire als solche auch erkennbar bleibt, zeigt die thematisch ähnlich gelagerte Wolf Hass-Verfilmung Komm, süßer Tod (2000) mit Josef Harder in der Hauptrolle des desillusionierten Ex-Kommissars Brenner. Der darin auf eine letale Spitze getriebene Konkurrenzkampf zweier Rettungsdienste wartet mit allerlei makabren Enthüllungen auf, bei denen einem das Lachen wahrlich im Halse stecken bleiben kann. Auch verzichtet Komm, süßer Tod darauf, sein Personenarsenal fortwährend der Lächerlichkeit preiszugeben. In Die Aufschneider kann man für keine der platt überzeichneten Gestalten noch so etwas wie Interesse und Respekt aufbringen.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 19.12.2006
Kommentare zu Die Aufschneider
weaubeau 12.02.2007 01:09
der film will nichts anderes sein als komisch. und das ist er auch. er hat einen der besten slow-burns, die ich seit langem gesehen habe. Und die es in deutschen komödien so gut wie nie gibt. wer satire sucht, ein drama gar oder arthouse cinema, ist hier falsch. wer lachen will, kann dies. bei der premiere in frankfurt ist das publikum jedenfalls gut gelaunt aus dem kino gegangen. Trotz dreier einstellungen, in denen mal das mikro om bild hing (weil der bildstand zu weit oben war...). hey: lachen ist die beste medizin. drum: traut den miesepetern nicht...
Susa 15.02.2007 19:26
Dieser Film hat weder Charme noch Witz.
Für mich waren die 90 Minuten eine Qual. Ich habe nichts gegen alberne Filme, die einen durch noch so absurde Szenen zum lachen bringen - aber intelligent muss es sein.
"Die Aufschneider" hat mich schwer enttäuscht. Über billigen Klamauk und abgedroschene Klischees geht dieser Film leider nicht hinaus.
Fazit: Nicht empfehlenswert.
bigben 19.02.2007 13:43
der film war schei*e
der film war geil
danke
weaumoche 16.09.2008 23:34
Wie weaubeau schon sagte, einer der besten slowburner : Man denkt, mit dem Witz "Wir assen eine Spenderleber" hat es sich, aber nein, die Leute setzen noch einen drauf : und zwar den besten Schwulenwitz, den ich in über 10.000 Filmen gesehen habe, und mit perfektem Timing und Tonfall. Ganz grosse Klasse, allein dafür lohnt der Film !
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Film-Angaben
Titel: Die Aufschneider
Deutschland 2006
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: Carsten Strauch
Drehbuch: Carsten Strauch, Rainer Ewerrien, Nina Werth
Produktion: Gerhard Meixner, Roman Paul, Ulf Israel
Darsteller: Carsten Strauch, Christoph Maria Herbst, Rainer Ewerrien, Josef Ostendorf, Cosma Shiva Hagen, Stipe Erceg, Burghart Klaußner, Nina Kronjäger
Kinostart: 08.02.2007
DVD-Angaben
Titel: Die Aufschneider
Vertrieb: e-m-s new media
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/DS)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 87 Minuten
Extras: Audiokommentare; Kinotrailer & Teasertrailer; Bildergalerie; Biografie und Filmografie
Verleih ab: 06.08.2007
Verkauf ab: 11.10.2007
Titel: Die Aufschneider
Vertrieb: e-m-s new media
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/DS)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 87 Minuten
Extras: Audiokommentare; Kinotrailer & Teasertrailer; Bildergalerie; Biografie und Filmografie
Verleih ab: 06.08.2007
Verkauf ab: k.A.
Copyright Die Aufschneider
Fotos: © 3L
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