Die Anwälte

Diesen Herbst laufen mit Es kommt der Tag und Die Anwälte gleich zwei Auseinandersetzungen mit dem deutschen Linksterrorismus an, die bereits das Filmfest München schmückten und sich wohltuend von Banalisierungsunternehmungen wie Der Baader Meinhof Komplex (2008) abheben.

Die Anwälte

Eines haben sie alle gemeinsam: Die Dankbarkeit ihren Müttern gegenüber. Darüber hinaus legen sie Wert auf ihre Differenzen. Kein Wunder, ist Horst Mahler seiner Mutter doch vor allem für die Hitler-Gebete dankbar. In welche Position ihn das befördert, weiß er. Seinen früheren Referendar Christian Ströbele bezeichnet er noch heute als Freund. Dass der andere ihm derlei Wertschätzung nicht entgegenbringen könne, nimmt Mahler selbst vorweg. In seinen Worten liegt Ironie, ein wenig Trotz, aber aus ihnen spricht auch mehr oder minder offene Trauer. Otto Schily nennt Mahlers Entwicklung eine Tragödie, und der selbst muss sich am Ende des Films eingestehen: „Ich bin mittellos“. Eine Texteinblendung verrät noch mehr: Inzwischen sitzt er wieder hinter Gittern.

Der RAF-Gründer ragt, hier darf man Schily beim Worte nehmen, als tragische Figur aus dem Trio heraus, auch nach eineinhalb Stunden kann man nicht fassen, wie dieser gelehrte und reflektierte Mann sich an die Spitze von NPD-Demonstrationszügen stellen kann. Dabei gelingt es dem Demagogen, die eigene Biografie mit einigen Volten als Konstante zu deuten – was er mit den anderen beiden Protagonisten gemein hat. Die Brüche sehen sie bei den jeweils anderen.

Die Anwälte

Schon während der Phase ihrer jeweiligen RAF-Mandate haben sich die Anwälte nach eigener Einschätzung vornehmlich unterschieden. Schily vertritt von vornherein mit Haut und Haaren die Prinzipien des Rechtsstaats, das attestiert ihm auch Ströbele. Der wiederum ist durchdrungen und angetrieben von einem scheinbar angeborenen untrüglichen Gerechtigkeitssinn. Mahler wird bestimmt vom Kampf gegen einen repressiven Staat, erst als Revolutionär, dann als Reaktionär. Einsitzen muss er für beides.

Errol Morris hatte es sich in The Fog of War (2003) zur Aufgabe gemacht, niemand geringerem als Robert McNamara Einschätzungen zur amerikanischen Außenpolitik unter dessen Führung zu entlocken. Diese Konstellation nahm an manchen Stellen die Dramatik eines Duells ein, wobei Morris unsichtbar blieb, genauso wie seine Waffen. Bei Die Anwälte verhält es sich ähnlich. Regisseurin Birgit Schulz sieht sich drei absoluten, jahrzehntelang erprobten Medienprofis gegenüber. Die sind – auch nach eigener Einschätzung – rhetorisch, intellektuell und politisch äußerst befähigt. Was sie nutzen, um die Autonomie ihrer Lebenswege zu betonen. Schulzes Verdienst ist es, sie, die sich einst situativ und räumlich so nah waren, im Grunde gegen den eigenen Willen unter einer bestimmten Perspektive wieder zusammen zu führen und ihre Geschichten zu verschmelzen. Die notwendige Klammer bilden zwei Gerichtsverfahren.

Die Anwälte

Absperrungen, Polizisten mit Helmen. Die Eingangsbilder erinnern an den Schah-Besuch 1967, der natürlich auch noch eine Rolle spielen wird. Zunächst aber handelt es sich um einen Termin vor dem Amtsgericht 1972. Ströbele und Schily verteidigen Mahler. Vielleicht ist es sogar jene Verhandlung, an die sich Schily später so erinnert: Er habe ein gutes, vielversprechendes Schlussplädoyer gehalten, Mahler jedoch die kontraproduktive Schlusspointe gesetzt: „Mit Richtern spricht man nicht, auf Richter schießt man.“ Schon hier deutete sich an, wer von den beiden der Radikalere ist.

2003 treffen sich beide vor Gericht wieder, auch Ströbele sitzt dem Verfahren zum NPD-Verbot bei. Mahler ist gerade mal nicht in Haft und vertritt die Interessen der rechtsradikalen Partei. Dieses Mal triumphiert er genüsslich über Schily, von dem er an anderer Stelle behauptet, er habe sich selbst zerstört.

Schnell wird klar: Mahler steht für Revolution, Schily für Evolution. Der frühere Innenminister ist den langen Weg durch die Institutionen gegangen. Am Ende des Films wartet auf ihn nicht die Zelle wie bei Mahler, sondern eine Limousine mit Chauffeur.

Die Anwälte

Zwischen diesen beiden Extrapolierten wirkt Ströbele fast wie ein Außenstehender. Das täuscht, und es sind vor allem Archivaufnahmen, die unserem maroden geschichtlichen Gedächtnis auf die Sprünge helfen. In dem bekannten Ausschnitt von der Meins-Beerdigung, auf der sich Rudi Dutschke mit gereckter Faust zu dem verhängnisvollen Aus- und Schlachtruf „Holger, der Kampf geht weiter“ hat hinreißen lassen, folgt der frühere APO-Kopf in der Kondolenzfolge direkt auf den präsenten Schily. Doch am Rande kann man auch Ströbele in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmen. Vielleicht passt Ströbele subjektiv empfunden auch deswegen am wenigsten in die Zeit, da er, als Baaders Anwalt früh vom Prozess ausgeschlossen, auf den Stammheimer Ton- und Bilddokumenten kaum auftaucht.

Doch gegen Vergesslichkeit hilft immer gerne die Springer-Presse. Am 19.07.09 ist es der Bild am Sonntag immerhin eine Randnotiz wert, dass Christian Ströbele mal wieder im Zusammenhang mit seinem RAF-Mandat ins Kreuzfeuer geraten ist. History Repeating. Oder, wie Thomas Elsaesser schreibt: Trauma und Traumbearbeitung in Form von zyklischer Wiederholung.

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Kommentare


P. Lohmann

Um so mehr man sich ehemalige RAF Mitglieder anhört, Mahler, Chr.Klar usw,alte Tonbänder , um so deutlicher zeigt es sich, dass es sich hier um eine Art Sekte handelte, deren hauptsächlicher Kern Hass war und ist. Nach einer Revolution folgt nicht einfach so eine bessere Gesellschaft. Es gibt niemanden aus der RAF, den man ernst nehmen könnte.Und es ist nicht verwunderlich, dass ein von Hass inspirierter RAF Mann in einer anderen fanatischen Gruppe landet. Demokratieunfähigkeit. Die Evolution ist schwieriger und nicht so spektakulär , aber nur auf den ersten Blick.
Im Gegensatz zu Schily ist Ströbele viel mehr in diesem Sektennetz verwoben.


xvx

Es heißt nicht:„Mit Richtern spricht man nicht, auf Richter schießt man.“, sondern „Mit Richtern spricht man nicht, Richter erschießt man.“






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