Die Anruferin

Nach Northern Star gelingt Felix Randau mit seinem zweiten Langfilm erneut das intensive Portrait einer unberechenbaren Frau. Die täuscht am Telefon vor, ein Kind zu sein – um es später sterben zu lassen.

Die Anruferin

„Bitte, bitte, erzähl mir eine Geschichte“, bettelt eine piepsige Mädchenstimme im Off. Die Kamera folgt langsam einem Telefonkabel, an dessen Ende die Anruferin (Valerie Koch, Sie haben Knut, 2003) hockt. Lange Haare verdecken ihr Gesicht. In der folgenden Nahaufnahme erkennt man es als das einer Erwachsenen mit dem verschmitzten Lachen eines Kindes.

Irm ist Anfang Dreißig, trägt aber Ohrringe mit Herzchen-Anhängern und benutzt ein altes Tastentelefon – Relikte einer schmerzlichen Vergangenheit, an die sie sich durch die Pflege ihrer bettlägerigen alkoholkranken Mutter (Franziska Ponitz) kettet, obwohl diese in einem Krankenhaus besser versorgt wäre. Viele der Kinder, für die sich die Anruferin ausgibt, haben Angst vor Gespenstern, und alle sterben schließlich an Leukämie. In der Rolle der angeblich trauernden Mütter schickt sie ihre bestürzten Zuhörer dann auf Friedhöfe zu nicht stattfindenden Beerdigungen, um die Opfer ihrer leichtfertigen Todesspiele dort heimlich zu beobachten.

Mehr noch als die junge Einzelgängerin Anke in Felix Randaus Langfilmdebüt Northern Star (2003) ist Irm eine unbequeme, radikale Protagonistin. Eine Antiheldin, die auf Anhieb kaum Sympathien weckt. Ihre emotionalen Wunden überträgt sie rücksichtslos auf wildfremde Menschen. Mit ihren gedankenlosen Streichen scheint sie sich selbst einen tief sitzenden Schuldkomplex immer wieder aufs Neue zu bestätigen.

Die Anruferin

Unter der impulsiven Grausamkeit verbirgt sich jedoch eine unbeholfene Zartheit, die durch die Bekanntschaft mit Sina (Esther Schweins) langsam zutage kommt, bei der kleinsten Enttäuschung aber wieder in Aggressionen umschlägt oder allein mittels zwanghafter Annahme erfundener Identitäten ausgedrückt werden kann. Eine Reihe von Randaus Figuren erzählt Geschichten oder greift zu Büchern und liest sich etwas vor. Irms schizophrenes Verhalten und ihr Drang nach Dramatik wirken wie die krankhafte Steigerung eines Abtauchens ins Fiktive und des Wunsches nach einem bedeutungsvolleren Dasein.

Northern Star verdankt einen Großteil seiner Spannung der Begegnung und Annäherung zweier Menschen, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zueinander passen. Auch die Beziehung der unterschiedlichen Frauen in Die Anruferin ist eine ungewöhnliche. Da sie auf einer Lüge aufbaut, bewegt sie sich auf sehr dünnem Eis. Sina hat kürzlich ihren Mann bei einem Unfall verloren, und sie fühlt sich auch deshalb mit Irm verbunden, weil sie eines ihrer Telefon-Opfer ist und annimmt, die Tochter ihrer neuen Freundin sei ebenfalls gestorben. Trotzdem gibt es im Zusammensein der beiden Momente berührender Offenheit, die für einige Frauenfreundschaftsklischees wie Spa-Besuch, Kitschroman schmökern und Fußnägel lackieren entschädigen.

Seinem vorherigen Portrait der eigenwilligen Teenagerin Anke ähnlich, beleuchtet der Regisseur in seiner Adaption eines Theaterstückes von Vera Kissel die Grauzonen von Irms sperrigem und diffizilem Charakter mit Geduld, Genauigkeit und ohne moralische Wertung. Ausgerichtet auf die durchgängig fesselnde Hauptdarstellerin Valerie Koch, die für ihre beeindruckende Leistung auf dem letzten Münchner Filmfest mit dem Förderpreis für die beste Schauspielerin geehrt wurde. In ihrem Gesicht finden sich die feinsten Gefühlsregungen im fliegenden Wechsel oder auch mehrere zur selben Zeit. Wenn Irm in einer Szene ihrer Mutter beim Sterben zusieht, vereint Kochs Mimik auf gleichermaßen beunruhigende wie faszinierende Weise Erleichterung, Sadismus und aufrichtige Trauer.

Die Anruferin

Mit Musik, Kamerafahrten und Zooms fließen vereinzelt Thriller-Elemente in Felix Randaus Psychogramm ein, das ansonsten ganz auf seine drei weiblichen Hauptfiguren setzt und als dicht inszeniertes Kammerspiel funktioniert. Dass Die Anruferin geschickt und unaufdringlich Genres miteinander verknüpft, ist einer der Gründe, warum die Plotentwicklungen bis zum Finale unvorhersehbar bleiben. Manche Wendung mag überraschen oder schwer nachvollziehbar sein, ist im Kontext aber dennoch stimmig.

Die Settings beschränken sich weitgehend auf geschlossene Räume von Wohnungen und Arbeitsplätzen. Erst die späte Fahrt in einem Leichenwagen ermöglicht der Protagonistin und dem Zuschauer die Sicht auf eine weite Landschaft mit Wiesen und Windrädern. Die Fensterscheibe des Beifahrersitzes ist halb herunter gekurbelt und trennt Irms Gesicht in zwei Teile: der untere befindet sich hinterm Glas, der obere im Freien. Das könnte zumindest der Ausblick auf ein weniger beengtes Leben sein.

Trailer zu „Die Anruferin“


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