Die andere Seite des Mondes

Zum Verlust von Zeit und Raum. Der kosmonautische Wettstreit zwischen Russen und Amerikanern der 1950er Jahre dient in Die andere Seite des Mondes als Hintergrund für die Lebensrückblicke seines Protagonisten, den der tragische Tod seiner Mutter für eine Weile aus der Umlaufbahn des Lebens wirft.

Die andere Seite des Mondes

Das Moment des Schocks zeichnet sich dadurch aus, dass der oder die Betroffene glaubt, alles liefe weiter wie bisher. Man selbst und die Dinge um einen herum erscheinen völlig normal. Erst nach geraumer Zeit wird man gewahr, dass sich alles verändert hat. Dieser Selbstschutz des Körpers funktioniert auch bei Philippe, dem Protagonisten in Die andere Seite des Mondes. Nach dem tragischen Tod seiner vergötterten Mutter geht er wie gewohnt seiner Arbeit nach und auch sonst scheint alles beim Alten. Weiterhin will niemand seine eigenwillige These zur Geschichtsschreibung der Raumfahrt unterstützen und auch sein jüngerer Bruder André gibt nicht auf, am Leben des großen Bruders herumzunörgeln. Lediglich eine Sache erscheint seltsam: Zusehends mischen sich Fetzen der Vergangenheit in den Alltag von Philippe. Meist treten sie spontan und unerwartet, oft in Kombination mit erinnerungsträchtigen Objekten auf. Dabei ist der Übergang vom Hier zum Dort, vom Jetzt zum Damals so fließend, dass der Zuschauer vereinzelt wähnt, die Orientierung verloren zu haben.

Die andere Seite des Mondes

Auf der anderen Seite der Erdkugel geboren, begeisterte sich Philippe schon in seiner Kindheit für die russische Raumfahrt. Nach seiner frühen Erkrankung an einem Tumor, die ihm zeitweilig die Sehkraft nahm, fand er schnell in seiner Phantasiewelt einen Ort zum Überleben und geriet darüber immer wieder in Konflikt mit seinem jüngeren Bruder. Heute ist deren Beziehung zum kalten Krieg erstarrt, die der Tod der Mutter nun zum Auftauen bringt und Philippe zwingt, sich mit den Realitäten um ihn herum auseinander zusetzen.

Die andere Seite des Mondes

Die andere Seite des Mondes lebt jedoch weniger von seiner Geschichte als von den facettenreichen Figuren und deren witzigen Dialogen. Für die beiden Hauptfiguren, die als zwei grundverschiedene Brüder dargestellt werden, greift Lepage tief in die Klischeekiste. Der schwule André ist erfolgreich und attraktiv, während Philippe noch immer im Haus der Mutter wohnt und weder Erfolg im Beruf, noch bei den Frauen hat. Dass der Film sich dennoch nicht auf platte Oppositionen beschränkt, ist der permanenten Unterwanderung dieser, in durchaus mehreren Motiven des Films aufgebauten Dichotomien zu verdanken. Abgesehen davon, dass beide Protagonisten zur selben Familie gehören, gewissermaßen zwei Teile eines Ganzen bilden - und das mehr denn je nach dem Tod der Mutter - werden sie von Robert Lepage in einer Doppelrolle gespielt, was beim Zuschauen durchaus für leichte Irritationen sorgen kann, aber auch beide Gegenpole zu vereinen vermag.

Erde und Mond, zwei sich ferne Planeten, kommen in Die andere Seite des Mondes einander näher. Ehe man sich versieht, avanciert das winterliche Québec zur zerfurchten Mondlandschaft, die Waschmaschine zum Raumschiff, oder das Embryo im Bauch der Mutter morpht sich zum schwebenden Kosmonauten im All.

 

Die andere Seite des Mondes

Durch seine fließenden Übergänge in Zeit und Raum entwickelt der Film einen unwiderstehlichen Sog. Schon nach wenigen Minuten Filmgeschehen gibt man sich diesem hin und schaltet dazu Logik und Orientierungsdrang besser aus, denn Die andere Seite des Mondes erschafft sich darin seine eigene Kohärenz. Somit fußt dann auch die Folgerichtigkeit des weiteren Geschehens lediglich auf dem rein subjektiven Empfinden Philippes und dessen Zustand des gegenwärtigen Gleichgewichtsverlusts.

Auf dieser filmischen Reise zur anderen Seite des Mondes gelingt es Lepage meisterhaft, existenzielle Fragen und persönliche Schicksale mit Leichtigkeit und trockenem Humor zu verbinden. Dabei werden Thesen, wie die des Menschen als narzisstischem, auf die Bespiegelung seines Selbst beschränktem Egozentriker, durchaus mit Beweisen bestückt, aber ebenso nach Spuren unserer Existenz nach dem Tod geforscht. Wer sich auf diesen farbenfrohen Trip in die Weiten des Daseins einlässt, wird bei seiner Rückkehr von der Nähe kosmischer und banal irdischer Bezüge begeistert sein.

 

Mit der im Film anschaulich und unterhaltsam dargestellten Simultanität von Räumen und Zeiten schlägt Robert Lepage – wie schon einmal in The Confessional (Le Confessionnal, 1995) – einen, in seiner Komplexität dem prominenten Zeitsprung eines Stanley Kubrick ebenbürtigen Bilderbogen über die Substanz unseres Lebens.

 

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