Die abhandene Welt

Margarethe von Trotta zeigt die Suche nach einer tot geglaubten Ehefrau und Mutter, auf der Verstörendes zutage kommt, die aber zum Teil so gekünstelt wirkt wie ein Lächeln fürs Familienfoto.

Familiengeheimnisse aus dem (Näh-)Kästchen

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Identität, so der Soziologe Heinz Abels, ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein. Doch braucht es zwingend das Wissen um die leiblichen Eltern oder Geschwister, um eine stabile Identität auszubilden? Ist es notwendig, diese Fragen, möglicherweise auch noch nach Jahrzehnten, aufzuklären und damit getrennte Lebensläufe zu vereinen?

Margarethe von Trottas von persönlichen Erlebnissen geprägtes Drama Die abhandene Welt erzählt von einer Familienzusammenführung über Zeit- und Ortsgrenzen hinweg: Paul Kromberger (Matthias Habich) glaubt, in dem Zeitungsfoto der New Yorker Opernsängerin Caterina Fabiani (Barbara Sukowa) seine verstorbene Frau Evelyn wiederzuerkennen. Er bittet seine Tochter Sophie, in die USA zu reisen und Kontakt mit ihr aufzunehmen. Das darauf folgende biografische Puzzlespiel lässt allen Figuren Anteilnahme und Gerechtigkeit widerfahren: Paul und Sophie haben das Recht, die Vergangenheit aufzuklären – so wie Caterina das Recht hat, nichts von dieser Vergangenheit wissen zu wollen. Sie hat sich in ihrem Leben eingerichtet, und zu diesem gehört, dass sie die Tochter von Rosa (Karin Dor) ist. Ein Foto, das Sophie der im Altenheim lebenden dementen Rosa zeigt, bringt dann alles ins Rollen und die tatsächlichen Familienverhältnisse ans Tageslicht. Dabei wirken Rosas Erinnerungen so portioniert und ihre Missverständnisse so pointiert gesetzt, dass die Figur der Verwirrten zum schematischen Sinnbild für den Kampf zwischen Vergessen und Erinnern gerät. Verwirrend dagegen muten die vielen Kästchen an, die im Laufe der Handlung von sämtlichen Figuren aus den Nischen ihrer Zimmer hervorgekramt werden wie verdrängte Erinnerungen.

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Wie schon in von Trottas früheren Filmen Schwestern oder die Balance des Glücks (1979), Die bleierne Zeit (1981) oder Fürchten und Lieben (Paura e amore, 1988) treten in Die abhandene Welt zwei ungleiche Frauenfiguren auf: Sophie, die Schöne, deren offensive und leidenschaftliche Art sich in ihren Jazzsongs widerspiegelt, trifft auf die ältere, vorerst spröde und fast gespenstisch unnahbar wirkende Operndiva Caterina. Beide verbindet die Liebe zur Musik. Diese Geschichte verknüpft die Regisseurin über die Familien-Beziehungen mit einem weiteren ihrer Hauptthemen, dem Doppelgängermotiv (Die andere Frau, 2003; Ich bin die Andere, 2006).

Von Lindenbäumen und Nebeldunst

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Der Titel, eine Anspielung auf Friedrich Rückerts und Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ („Ich bin gestorben dem Weltgetümmel, Und ruh’ in einem stillen Gebiet!“) betont die Bedeutungsschwere, die über dem Film liegt. Bereits die ersten Einstellungen, eine Autofahrt durch eine einsame Allee, das verdeckte Gesicht des Fahrenden zu Franz Schuberts Lied „Am Brunnen vor dem Tore“, wecken Assoziationen zur Romantik, und der Literatur dieser Epoche entnimmt der Film mit Tod, Melancholie und Doppelgängertum auch seine wesentlichen Motive.

Ebenso sind die Räume des Films von dieser Grundstimmung geprägt, allem voran Paul Krombergers Haus, der zentrale Handlungsschauplatz, ein Domizil an einem stillen See, über dem stets ein Nebelhauch von Todesahnung zu schweben scheint. Mehrmals ist das Haus im Dunkeln zu sehen, in dem er schreiend die Nächte durchwacht und sich im Kampf mit seiner verstorbenen Frau befindet, die so viele Geheimnisse mit in den Tod genommen hat. Hier geht das Familiendrama fließend über ins Mystery-Genre – dann gerät auch die sonst eher ruhige Kamera mal in eine Schieflage oder zoomt an eine Person heran. Wenn jedoch Caterina, die sich schließlich auf die Spur ihrer Familiengeschichte von New York nach Deutschland begibt, plötzlich vor Paul auftaucht und er sie für Evelyn hält oder wenn sie nachts im dunklen Kleid als Doppelgängerin der Verstorbenen umher geistert, wirkt das unfreiwillig komisch und pathetisch.

Große Oper, zu große Geste

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Neben den Settings und literarischen Bezügen erscheinen auch einige Figuren des Films arg konstruiert. So sind Paul und sein verhasster Bruder Ralf (Gunnar Möller) überdeutlich als Antipoden gezeichnet: Paul, der Pragmatiker, der für Evelyn gesorgt und sie „tyrannisch geliebt“ hat, steht Ralf, dem Schöngeist, gegenüber, der sie spirituell versorgt hat und insgeheim der bessere, weil ihr näherstehende Partner war. Höhepunkt dieses Bruderzwistes ist ein Ringkampf zwischen den betagten Gegenspielern, der mit seinen großen Gesten etwas Opernhaftes an sich hat. Doch während das Lachen der Augenzeugin Sophie den tragikomischen Charakter dieser Szene zu konterkarieren scheint, haftet der Unbeholfenheit, mit der die sich lang aufgestaute Wut hier Bahn bricht, auch etwas Aufrichtiges und Anrührendes an: die Konfrontation zwischen zwei Männern, die sich nie ehrlich mit der gemeinsamen Vergangenheit auseinandergesetzt haben, um sich auf Augenhöhe zu begegnen.

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Bleibt noch die Frage, ob es denn notwendig ist, diese verstrickten Familienbande aufzuklären und ihre versprengten Mitglieder zu vereinen. Der Film beantwortet sie mehr als eindeutig: Befreit vom dunklen Joch der familiären Verdrängung, sind die Schwestern nunmehr erfolgreich in der Liebe und Musik und mit ihrer Identität im Reinen. So richtig im Reinen ist man als Zuschauer indes nur mit den singenden Hauptdarstellerinnen Riemann und Sukowa, die bereits mehrfach mit von Trotta zusammengearbeitet haben. Ihnen bleibt es überlassen, für Momente die angemessenen Töne zu treffen, die dem Film durch seine überdeutlichen Symbole und Verweise über weite Strecken abhandenkommen.

Trailer zu „Die abhandene Welt“


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