Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn

Ligne claire à la Steven Spielberg: Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn macht aus dem Comic ein Actionspektakel in 3D, das sich redlich bemüht, den Geist der Vorlage zu erhalten.

Die Abenteuer von Tim und Struppi 1

Der Film beginnt mit einer schönen Hommage an Hergé: Auf dem Flohmarkt, auf dem Tim das Modell der „Einhorn“ kauft, sind kleine Referenzen an die Comicgeschichten eingebaut, etwa ein Stand mit Fotos all der bekannten Figuren aus dem Tim-und-Struppi-Universum. Kommt die Handlung aber einmal in Gang, bewegt sie sich schneller vom Vorbild weg, als Kapitän Haddock „Hagel und Granaten“ sagen kann. Was in mancher Hinsicht gut, in anderer schlecht ist.

Regisseur Steven Spielberg und Produzent Peter Jackson als Blockbuster-Dreamteam haben gewiss nicht vor, sich sklavisch an die Vorlagen zu halten. Die Handlung ist im Wesentlichen aus den beiden Bänden Das Geheimnis der Einhorn und Die Krabbe mit den goldenen Scheren zusammengebaut worden, mit einigen Elementen aus Der Schatz Rackhams des Roten (Drehbuch: Steven Moffat sowie Edgar Wright und Joe Cornish). Diese Melange wird ergänzt durch Szenen, die in keinem der Bücher vorkommen. Das sind weitaus schwerere Eingriffe als in Literaturverfilmungen üblich. Die neue Version von Jane Eyre etwa, in Deutschland ab Dezember im Kino, traut sich gerade einmal, die Handlung etwas zu kürzen und in eine Rückblende einzubetten. Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn dagegen fühlt sich für jeden, der die Comics kennt (und wer kennt sie nicht?) deutlich anders an. Das ist weniger den Änderungen im Handlungsablauf, sondern vielmehr dem Tempo geschuldet.

Die Abenteuer von Tim und Struppi 2

Obwohl Hergés Comics seit Jahrzehnten von immer wieder neuen Generationen gelesen werden, gab es nur wenige Versuche, die Geschichten für das Medium Film zu adaptieren. (Ausnahmen sind kleinere Projekte wie Tim und der Haifischsee, Tintin et le lac aux requins, von 1972 und Fernsehadaptionen, zuletzt eine französisch-kanadische Serie vom Anfang der 90er Jahre). Selbst Steven Spielberg, der seit drei Jahrzehnten die Rechte an der Reihe besitzt, tat sich bis heute schwer. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe:

1. Es existieren im Tim-und-Struppi-Universum keine nennenswerten Frauenfiguren, was den traditionellen Vermarktungsstrategien Hollywoods, wo noch in jeden testosterongetränkten Action-Kracher eine mehr oder weniger tragende weibliche Rolle hineingeschrieben wird, recht eigentlich widerspricht.

2. Es gibt kaum Action, nur einen gelegentlichen Faustkampf oder ein paar Gewehr- oder Pistolenschüsse, was für heutige Blockbuster-Verhältnisse indiskutabel wenig ist.

Jetzt hat sich also erstmals nicht der frankophone, sondern der amerikanische Kulturkreis der Sache angenommen. Problem Nummer eins haben Spielberg und Jackson dabei geflissentlich ignoriert. Problem Nummer zwei aber gehen sie mit Verve an. Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn ist eine einzige Karussellfahrt von aufeinander folgenden Actionsequenzen, für die ganz gewiss nicht Hergé, sondern vielmehr Indiana Jones (Jäger des verlorenen Schatzes, 1981) Pate gestanden hat.

Die Abenteuer von Tim und Struppi 3

Es ist ziemlich atemberaubend, diesen Kämpfen und Verfolgungsjagden zuzusehen. Höhepunkt ist eine rasante Motorradfahrt durch eine arabische Hafenstadt, die danach zu großen Teilen in Trümmern liegt. Da schwingt die entfesselte Kamera ganz außer Rand und Band, heftet sich der Raserei an die Fährte, nutzt ungewöhnlich einfallsreiche Bildübergänge und ist ganz allgemein mindestens so aktiv wie Verfolgter und Verfolger selbst. Dabei bleibt kaum Zeit, die mit viel farblicher Detailfreude gestalteten Gebäude wahrzunehmen. Der Film ist ein Bilderrausch, auch dank neuer Technik.

Was Spielberg 1981 seinem Hauptdarsteller Harrison Ford als Archäologie-Professor aus technischen Gründen noch verwehren musste, kann Jamie Bell (Billy Elliot, 2000) als computer-verbesserte Comicfigur mühelos tun. Performance Capture heißt das hier benutzte, sehr beeindruckende Verfahren, das aus den Gesichtern der Schauspieler eine faszinierende Erscheinung aus dem Schattenreich der Mimik macht, ein Zwitterwesen zwischen realem und gezeichnetem Schauspieler. Die Gesichtszüge bis zur Kenntlichkeit vereinfacht, zuweilen mit großen Knollennasen ergänzt, drücken sie nur noch ganz grundlegende Emotionen aus. Das Ergebnis ist eine überzeugende Übertragung des berühmten Zeichenstils der Ligne claire, eines Begriffs, der für Hergés Werk erfunden wurde, in die Filmwelt: nämlich die Platzierung von simplifizierten menschlichen Figuren und Gesichtern inmitten einer mit großer realistischer Detailfreude ausgeführten Dingwelt der 1930er Jahre (so akkurat haben wir Tims Wohnung, mit ihren Kommoden, Stehlampen und Sesseln, noch nie gesehen).

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Dabei gibt es immer wieder pfiffige Einfälle, in denen die Realitätsebenen verwischt werden. Nach einem Zusammenstoß fliegen dem verdutzt auf dem Bürgersteig sitzenden Schultze (oder war es Schulze?) der Comic-Konvention entsprechend Vögel um den Kopf – bis klar wird, dass das richtige Vögel sind, aus einem in den Zusammenstoß involvierten Käfig entflohen. Ein anderes Mal taucht die markante Haartolle des schwimmenden Tim wie eine Haifischflosse im Meer auf – die seit langem originellste Referenz an Spielbergs Der weiße Hai (Jaws, 1975), und sogar vom Meister selbst!

Überhaupt ist Spielberg wahrlich virtuos darin, die einzelnen Teile des Films mit starken visuellen Übergängen und Leitmotiven zu verbinden. Das Problem ist nur, dass das Gerüst von Die Abenteuer von Tim und Struppi diese Eleganz aus der erzählerischen Trickkiste mehr als nötig hat. Zwischen all dem Krach und Bumm, den Kämpfen und Verfolgungsjagden und Duellen mit riesigen Hafenkranen (!) verkommt der visuell so eindrucksvolle Film dramaturgisch zu einer Nummernrevue. Die Handlung dazwischen – ausdrücklich ausgenommen sind hier die atmosphärisch dichten ersten Szenen – wird meist vorangetrieben, indem Tim wieder einen Hinweis entschlüsselt und dies dann für den Zuschauer überflüssigerweise auch noch einmal laut ausspricht.

Dennoch bereitet der Film großen Spaß. Man kann sich an dieser lebendig gewordenen Comicwelt kaum sattsehen. Kapitän Haddock (gespielt von Andy Serkis, dem Gollum aus Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Filmen, 2001-2003), dessen Alkoholismus hier mit durchaus ernsten Untertönen für Komik sorgt, ist eine Slapstick-Wunderwaffe, und auch die anderen Figuren sind gut getroffen, darunter Daniel Craig kaum wiederzuerkennen als Bösewicht Sakharin. Ein weiterer Tim-und-Struppi-Film ist bereits in der Entwicklung, man darf sich darauf freuen.

Trailer zu „Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn“


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