Die 727 Tage ohne Karamo

Vom Liebesmärchen zur Paragrafenschlacht: In Die 727 Tage ohne Karamo erkundet Anja Salomonowitz die Abgründe des österreichischen Fremdenrechts.

Die 727 Tage ohne Karamo 06

Ein Pärchen küsst sich leidenschaftlich über den Esstisch hinweg. Ganz normal, könnte man meinen, aber: Er ist schwarz, sie weiß. Er ist Drittstaatenangehöriger, sie Österreicherin. Für die Liebe kein Problem, für das Gesetz sehr wohl. Im Stil von Kapitelüberschriften berichtet eine Frau aus dem Off Schritt für Schritt über die einzelnen Hürden von behördlicher Seite, denen diese Paare ausgesetzt sind, wenn sie gemeinsam in Österreich leben wollen. Papierkriege mit Behörden sind an der Tagesordnung. Der Weg zum Traualtar ist steinig, und auch danach sieht es nicht besser aus. Die Angst vor Abschiebung begleitet die Paare bis zum Standesamt und darüber hinaus.

Selbst mit Trauschein ist eine Aufenthaltserlaubnis nötig, deren Verlängerung nur jahresweise genehmigt wird und an Nettoeinkommen und Deutschkenntnisse geknüpft ist, an Bedingungen also, die mit der Lebensrealität der Betroffenen oft nicht zu vereinen sind. Hohe psychische Belastungen, denen die Beziehungen nicht mehr standhalten können. Leibliche Kinder sind dabei kein Grund für ein Bleiberecht. Es siegen bürokratische Maßnahmen, die zur Trennung ganzer Familien aufgrund von Abschiebungen führen.

Die 727 Tage ohne Karamo 04

Chronologisch porträtiert Salomonowitz ein neues Paar für jede dieser Stationen. Auf diese Weise folgt sie den Amtswegen zur ersehnten (legalen) Zweisamkeit. Dabei generiert sie eine Collage aus individuellen Konfrontationen mit dem Fremdenrecht. Sowohl diesem narrativen Konstrukt als auch der Verschiedenheit der insgesamt 20 Paare entspringt die Universalität des Films. Ob hetero- oder homosexuelle Beziehungen oder Ehen, ob Modedesigner oder Arbeitsloser, weibliche oder männliche Asylbewerber aus Lateinamerika, Asien oder Afrika: Sie alle werden mit denselben rechtlichen Hindernissen konfrontiert.

Die Regisseurin bedient sich dabei überwiegend Interviewsituationen mit Frontalansicht und starrer Kamera. Außerdem stellen die Betroffenen Szenen aus ihrem Alltag nach: Hobbys vom Gärtnern über UFO-ähnliche Modellflugkörper bis zum Rechnen mit den Kindern. Oder wir begleiten sie zur Arbeit, zum Deutschunterricht oder gar zu ihrer Hochzeit. Am Ende jeder Sequenz folgt ihr Blick in die Kamera, dann erzählen sie von sich oder lesen aus persönlichen Briefen vor.

Die 727 Tage ohne Karamo 01

Doch Die 727 Tage ohne Karamo ist bei weitem keine konventionelle Dokumentation. Die alltäglichen Auseinandersetzungen mit der Justiz werden ästhetisch zum aberwitzigen Kampf gegen behördliche Windmühlen stilisiert. Besonders durch den autonomen Umgang mit dem Ton. Eine Frau erzählt vom Tag der Abschiebung ihres Mannes nach Nigeria. Langsam entfernt sich die Kamera von ihr, sie steht mitten im Reisetrubel am Wiener Flughafen. Völlig isoliert von den Geräuschen im Hintergrund hören wir lediglich ihre Stimme und ihr nervöses Spiel mit dem Schlüsselbund. Wo andere Menschen mit ihren Familien Richtung Süden in den Urlaub fliegen, wird ihre Einsamkeit und Hilflosigkeit durch die auditive Herauslösung ins Bild gesetzt.

Und doch werden die Betroffenen nicht in die Opferrolle gedrängt. Hoffnung und Kraft werden besonders auch durch grüne und gelbe Farbtöne symbolisiert. Detailreich durchziehen sie jede einzelne Einstellung: in der Kleidung der Protagonisten, in Accessoires der Wohnungseinrichtung bis hin zur gelben Suppe am Arbeitsplatz. In Verbindung mit der bewusst inszenierten Mise-en-scène der Interviewsituationen evozieren sie eine kulissenhafte Bühnenästhetik für die Innenräume.

Die 727 Tage ohne Karamo 02

Ein Mann liest den Abweisungsbescheid seiner mongolischen Frau vor. Nach einigen Sätzen werden verschiedene Auszüge daraus zeitgleich montiert, was einen unverständlichen Wortschwall zur Folge hat. Eine satirische Metapher für die unverständliche Verwaltungssprache, in der jede dieser Zusendungen verfasst ist. Der Rechtsstaat tritt wie hier lediglich als Phantom auf: als ominöse Abteilung MA 35 (Abteilung für Einwanderung, Staatsbürgerschaft und Hochzeitsangelegenheiten), der Absender des Briefes; als weiblicher Off-Kommentar, der die nötigen Schritte zum Erlangen der Aufenthaltserlaubnis verkündet; in einem Reenactment einer Scheinehen-Kontrolle, in der die betroffene (Ehe-)Frau die Rolle des Beamten mitübernimmt. Tatsächliche Konfrontationen bleiben aus.

Die 727 Tage ohne Karamo 03

Wie schon in ihrem letzten Spielfilm Spanien (2012) ist es eine der großen Leistungen von Anja Salomonowitz, ein differenziertes Bild von Migranten abseits von Stereotypen, Opfer- oder Schwarzweiß-Darstellungen zu zeigen. Sie thematisiert das wichtige Thema Einwanderung, dabei gelingt es ihr, aus persönlich erzählten Einzelschicksalen das kollektive System der Abschiebung, das in Österreich herrscht, zu abstrahieren.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.