Días de Santiago

In seinem für den Auslandsoscar kandidierenden Debütfilm erzählt Josué Mendéz vom Scheitern eines jungen Ex-Soldaten, ein normales Leben zu führen und liefert damit die peruanische Version von Scorseses Taxi Driver.

Días de Santiago

Seit über zwei Jahrzehnten herrscht in Peru ein blutiger Kampf zwischen militärischen Spezialeinheiten und der linksgerichteten Guerillaorganisation „Sendero Luminoso“. Beide Parteien verfolgen hauptsächlich eigene Interessen und instrumentalisieren Teile der überwiegend in Armut lebenden Bevölkerung, statt den Versuch zu unternehmen, deren missliche Lage zu verbessern. Unter den von der Armee rekrutierten Soldaten befinden sich unter anderem auch viele Jugendliche, die sich als Soldaten eine soziale Aufwertung und verbesserte Zukunftschancen erhoffen.

In seinem preisgekrönten Debütfilm Días de Santiago schildert Josué Méndez das Schicksal von einem dieser jungen Soldaten, der nach mehreren Jahren in einer militärischen Eliteeinheit wieder ein normales Leben in Lima führen möchte. Die Zeit beim Militär ist nicht spurlos an Santiago (Pietro Sibille) vorüber gegangen und nach der Rückkehr in seine Heimatstadt wird er mit neuen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Prostitution und Drogen konfrontiert. Völlig unfähig sich auf diesem ungewohnten Terrain zurecht zu finden, muss er erfahren, dass er hier nicht mehr der Held ist, der für sein Vaterland gekämpft hat und dem man mit Respekt begegnen muss. Im Gegensatz zu seinen Kumpels vom Militär, die sich ebenfalls in einer finanziellen Misere befinden und einen gemeinsamen Banküberfall planen, möchte Santiago sein Geld aber auf anständige Weise verdienen.

Días de Santiago

Mendéz hält seinen mit privaten Mitteln finanzierten Film notgedrungen bescheiden und konzentriert sich hauptsächlich auf seinen Protagonisten und dessen labiles, vom Krieg traumatisiertes Innenleben. Immer wieder ertönt Santiagos Stimme aus dem Off und führt innere Monologe, die seine ständigen Enttäuschungen kommentieren und seinen zunehmenden psychischen Verfall dokumentieren. Als Santiago anfängt als Taxifahrer zu arbeiten, um nicht länger bei seinen Eltern wohnen zu müssen, scheint die Bekanntschaft mit einigen hedonistischen Partygirls zunächst seine psychische Situation zu verbessern.

Spätestens hier drängen sich Parallelen zu Taxi Driver (1976) auf. Dabei bleibt es nicht nur bei inhaltlichen Gemeinsamkeiten wie dem traumatisierten Kriegsveteranen, der mit der demoralisierten Großstadtrealität nicht mehr klar kommt oder der Entwicklung eigener Angriffs- und Verteidigungsstrategien im Alltag aus Mangel an einem militärischen Auftrag, sogar formal nimmt Mendéz mit den von einem strukturellen und konservativen Ordnungsbewusstsein geprägten Äußerungen seines Protagonisten aus dem Off Bezug auf Scorseses Film. Dass Días de Santiago nicht wie ein bloßer Epigone des ganz auf das Vietnamtrauma der Amerikaner zugeschnittenen Taxi Driver wirkt, liegt hauptsächlich an der Aktualisierung und regionalen Bezugnahme seines Films zur momentanen Situation in Peru.

Días de Santiago

Auch wenn es Días de Santiago insgesamt an einer stilistisch eigenständigen Filmsprache mangelt, gelingt es ihm doch streckenweise dem Zuschauer den Zustand seines Protagonisten zu vermitteln. Am deutlichsten wird dies, wenn die Handkamera wie ein unsichtbarer Verfolger ganz nah an ihm dran bleibt und gewissermaßen den Feind verkörpert, den der von paranoiden Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten geplagte Santiago ständig im Nacken spürt. Seine unterdrückten Aggressionen, seine Angst und der angestaute Frust brechen immer öfter in Form von gewalttätigen Attacken aus ihm heraus. Der permanente Wechsel zwischen Schwarzweiß und Farbe kann zwar streckenweise als Illustration für diesen zunehmenden Realitätsverlust gedeutet werden, bleibt den Großteil des Films über aber ein beliebig eingesetzter und rein dekorativer Effekt.

Wenn sich gegen Ende des Films Santiagos psychischer Zustand immer weiter verschlechtert und er wie eine tickende Zeitbombe, die jeden Augenblick zu explodieren droht, durch die Straßen von Lima läuft, verzichtet Mendéz auf einen blutigen Showdown á la Taxi Driver. Ob sich seine Wut durch einen Amoklauf nach außen entlädt oder sich in Form eines Selbstmords gegen die eigene Person richtet, überlässt Días de Santiago letztendlich der Fantasie des Zuschauers.

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