Diana

Oliver Hirschbiegel räumt seiner Heldin die Bühne frei, traut sich aber nicht an sie heran.

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Auf der Fahrt durch den langen Hotelflur, ein paar vorauseilenden Menschen auf den Fersen, hält die Kamera plötzlich an und weicht zurück. Die Frau in der Bildmitte bleibt stehen und dreht sich irritiert in Richtung Objektiv. War da was? Ihr Begleiter links packt sie am Arm, und sie eilen weiter durch den Gang, dem Tod entgegen. Diana, Prinzessin von Wales, und Dodi an ihrem letzten Tag in Paris. Diese Szene, eine kleine Irritation, ein spukhafter Moment, ein für einen Mainstreamfilm recht deutlicher Hinweis auf die Inszenierung, kommt in Oliver Hirschbiegels Biopic gleich zweimal vor, fungiert als erzählerische Klammer – und ist für die zwei Stunden dazwischen noch aus anderem Grund unheilverkündend als vorgesehen. Denn das Zurückweichen der Kamera bleibt den ganzen Film über ein Zurückschrecken.

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In Biopics ist jede inszenatorische Entscheidung – was zeigt man wie, was lässt man weg? – eine These über das Leben des Menschen, das man erzählen möchte. Hirschbiegel und Drehbuchautor Stephen Jeffreys treffen ein paar bemerkenswerte Entscheidungen. So wird die königliche Familie, abgesehen von einer kurzen Szene, die Dianas Söhne aus großer Entfernung auf einem Flugfeld zeigt, komplett ins Off verbannt. Und Dodi, Dianas letzter Partner, erhält nur wenige kurze Szenen, in denen er als reiner Paparazzi-Ablenkungs-Dummy erscheint, als Charakter ist er nicht von Belang. Der Hauptstrang und das Schlusskapitel einer der wirkmächtigsten Medienerzählungen des 20. Jahrhunderts werden also weitgehend ausgespart. Stattdessen leuchtet der Film eine noch vergleichsweise schattige Nische in Dianas Leben aus – ihre Beziehung zu dem pakistanischen Herzchirurgen Hasnat Khan, der, wenn man Aussagen aus ihrem engen Umfeld Glauben schenkt, die größte Liebe ihres Lebens war.

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Zunächst wird Diana als einsame Frau präsentiert, verloren in den endlosen Räumlichkeiten des Kensington Palace, ein Leben im Wartestand, in dem außer ödem Wohltätigkeits-Protokoll nichts übrig ist und das nach Erfüllung verlangt. Als Ausgangssituation ist das noch so vielversprechend wie die Geschichte vom ungleichen Paar, bei dem der eine Partner unbeeindruckt vom Ruhm und Status des anderen ist und das zwischen unnachgiebigen Familien und menschenfressenden Medien keine Chance bekommt. Doch es dauert nicht lang bis zum Offenbarungseid: Der Film findet in dem Stoff, den er als biografischen Schlüssel vorstellt, nichts als eine Seifenoper.

Irgendwie verbirgt sich hinter all den enervierenden Begleitumständen, mit denen man es als Partner einer Prinzessin zu tun hat – Ausweiskontrollen, Perücken-Versteckspielen, und immer diese Fotografen –, doch der gleiche universal verständliche Pärchenscheiß. Diana versucht sich mehr schlecht als recht im Kochen, aber Hasnat mag eh lieber Burger. Hasnat guckt Fußball, und Diana stellt dusselige Fragen. Zugleich ist der bodenständige Chirurg aber auch ein kultivierter Mann mit Tiefe, der Jazz mag und den beim Operieren eher das Messer führt als er das Messer. So lautet einer der bedeutungsschwangeren Sprüche, die Naveen Andrews aufsagen muss, und tatsächlich kann man den Schauspielern kaum vorwerfen, dass sie den Figuren bei derart abgedroschenen Dialogen kein Leben einzuhauchen vermögen.

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Natürlich misst sich die Tiefe und Wahrhaftigkeit einer Liebesbeziehung nicht daran, wie originell sie für Dritte ist, und natürlich benehmen sich gerade frisch Verliebte für Außenstehende oft ziemlich albern. Doch Hirschbiegel und Jeffreys nähern sich ihrem verliebten Paar nicht empathisch und neugierig, sondern bleiben ratlos und ängstlich auf Distanz. Sie folgen ihnen zwar ins Schlafzimmer, trauen sich aber sonst nicht, mit ihren Charakteren intim zu werden, sondern verbarrikadieren sie regelrecht hinter Klischees.

Für Hasnat Khan bedeutet dies, ein weitgehend Unbekannter zu bleiben. Was Diana betrifft, so findet der Film auch auf biografisch unerforschtem Gebiet immer nur die „Königin der Herzen“ wieder, als die sie jeder Yellow-Press-Leser kannte. Wenn sie als öffentliche Figur auftritt – in dem Film vorwiegend bei ihrem Engagement gegen Landminen – , wird ihre vielfach beschriebene Wirkung auf Menschen einfach als gegeben hingenommen. Hirschbiegel reinszeniert zwar akkurat Szenen aus Dianas berühmtem TV-Interview von 1995, in dem sie der Weltöffentlichkeit selbst das Stichwort von der „Queen of Hearts“ gab – zieht aber keinerlei Schlussfolgerungen daraus, dass dieser Auftritt auch ein Selbstermächtigungsakt eines langjährig kampferprobten Medienprofis war. Auf der Leinwand bleibt sie fast immer das sanfte, verletzliche scheue Reh, das eine starke Schulter braucht.

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Der so paradoxe wie ärgerliche Effekt von Diana ist, dass ihn ein falscher Respekt vor seiner Hauptfigur direkt in die Missachtung ihrer Person führt. Da kann Naomi Watts bei aller noch so perfekten Aneignung von Dianas Körpersprache und Akzent wenig ausrichten. Ihr engagierter und für sich genommen gelungener Figuren-Entwurf ist angesichts des Films vergebliche Liebesmüh. Wenn dann sogar der Hand-vor-die-Stirn-schlag-Satz „Ich bin eine Prinzessin, ich kriege alles, was ich will“ fällt, dann wirkt selbst das offensichtliche ironische Augenzwinkern eher verzweifelt.

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