Deutschland im Herbst – Kritik

Nackte Bundesrepublik Deutschland. Ein Gemeinschaftsfilm als Zeitdokument von Angst, Gewalt und Trauer im deutschen Herbst. 

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Ein Film wie eine Flaschenpost aus der westdeutschen Hysterie der 1970er Jahre. Die Demokratie ist noch jung und steckt schwer in der Krise. Die NS-Zeit sitzt dem Land in den Knochen, die Proteste der Jungen erschrecken die Alten. Aus der dringlichen Kritik am Staat, aus den gesellschaftspolitischen Utopien ist als Negativbild die RAF hervorgegangen. Im Herbst 1977 überschlagen sich die Ereignisse: Hanns Martin Schleyer wird entführt, um die Inhaftierten der RAF freizupressen, doch die Bundesregierung geht nicht auf die Forderungen ein. Daraufhin kidnappt ein palästinensisches Kommando den Ferienflieger „Landshut“ und tötet den Piloten, aber der nach dem Olympia-Attentat von 1972 gegründeten Spezialtruppe GSG 9 gelingt die Befreiung der Geiseln. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe begehen in Stammheim Selbstmord. Schleyers Leiche findet man in einem Kofferraum. Noch mitten im Aufruhr entsteht die Idee zu Deutschland im Herbst.

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Es ist der erste Kinofilm, der sich mit der Bundesrepublik in Zeiten des RAF-Terrors auseinandersetzt, ein akutes Zeitbild und ein politisches Projekt. Unterstützt vom Filmverlag der Autoren und mit Alexander Kluge als Endredakteur ging es den elf beteiligten Regisseuren und Regisseurinnen auch darum, eine Gegenöffentlichkeit zu den offiziellen Medien herzustellen, in und mit denen keine offene Diskussion der gesellschaftlichen Lage möglich war. So entstand Deutschland im Herbst ohne Unterstützung von Fernsehsendern oder Filmförderungen – in einer letztlich wünschenswert freien Produktionssituation. 1978 erlebte das Gruppenprojekt seine Uraufführung auf der Berlinale. Das deutsche Kino war – was so selten vorkommt – aktuell, und es hatte etwas zu sagen. Was sagt Deutschland im Herbst heute?

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Die Spielszenen sind gealtert, das Dokumentarische bleibt spannend. Und der Beitrag von Rainer Werner Fassbinder, der vor allen anderen entstanden und der offenste, fiebrigste, radikalste von ihnen ist. Im Grunde ein Selbstporträt: ein übermüdeter, rauchender Mann, der in seiner düsteren Wohnung Paranoia schiebt, nach seinem Liebhaber Armin schreit, dauernd zum Telefon greift, um Neues von der Landshut-Entführung zu erfahren, um Koks zu bestellen. Fassbinder streitet mit Armin über den Umgang mit Terroristen, er ist nackt, er kotzt, er weint und lässt sich halten wie ein Kind. Und Fassbinder streitet mit seiner Mutter über das richtige Verhalten in gesellschaftlichen Extremsituationen. Zur Flugzeug-Entführung meint sie: „In einer solchen Situation kannst du nicht ankommen mit Demokratie!“ Erst will sie die Gefangenen in Stammheim am liebsten erschießen lassen, dann wünscht sich die Mutter, die immerhin das „Dritte Reich“ erlebt hat, einen gerechten Obrigkeitsstaat, der für seine Bürger entscheidet. „Das beste wär so’n autoritärer Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich.“

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In Fassbinders Episode gehören persönliche Krise und Staatskrise zusammen. Das Nacktmachen, das Kotzen, das verzweifelte Diskutieren sind die spontanen Reaktionen auf die Gewalt in einem Land, das wieder repressiv wird, wo es doch nach Kriegsende immer freier hätte werden sollen. In Fassbinders abgeschotteter Wohnung spiegelt das ganz persönliche Drama und der familiäre Generationenkonflikt die Hilflosigkeit in diesem wieder heftig umkämpften Staat namens BRD. Sich so schutzlos und verwirrt zu zeigen, das zeugt von einer Ehrlichkeit, die allen Akteuren der damaligen Zeit hätte helfen können, vielleicht ein wirkliches Gespräch über Gesellschaftsformen und Terror, über das Gift der Vergangenheit und die Möglichkeiten der Zukunft in Gang zu setzen. Und das gilt bis heute, wo im Zusammenhang mit der RAF-Geschichte nach wie vor so viel Schweigen herrscht. Deutschland im Herbst, das war ein wichtiges Angebot zur Selbstbetrachtung. Auch in den Beiträgen von Schlöndorff, Kluge, Edgar Reitz und den anderen lässt sich immer noch vieles entdecken. Aber Rainer Werner Fassbinders Stimme klingt am längsten nach. Und der Rahmen der Kompilation, der zum historischen Dokument geworden ist.

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Am Anfang der Episoden stehen Aufnahmen der Trauerfeier für Hanns Martin Schleyer, an deren Ende Bilder der Beerdigung von Ensslin, Raspe und Baader. Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Alexander von Eschwege waren nach Stuttgart gefahren, um diese so unterschiedlichen Ereignisse mit einer 35mm-Kamera und auf Video aufzunehmen. Hier der streng konzertierte Staatsakt eines konservativen Deutschlands mit Trauerkränzen von Flick, Quandt, Strauß und Kohl, mit den Größen aus Wirtschaft und Politik als Gästen. Dort das Chaos, die massive polizeiliche Überwachung, gereckte Fäuste und „Sieg Heil!“-Rufe gegenüber der berittenen Polizei.

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In der Werkshalle von Daimler Benz stehen für drei Minuten die Bänder still. Wissen die griechischen und türkischen Angestellten, die man damals noch „Gastarbeiter“ nannte, um wen und was sie hier trauern sollen? Auch auf dem Dornhalden-Friedhof rücken etwas später die ausländischen Arbeiter an, um die Gräber der Terroristen zuzuschütten. Eine Hippiefrau verlässt mit ihrer kleinen Tochter an der Hand die absurde und tragische Szenerie des Friedhofes. Sie schlendert die Straße entlang und hat den Daumen gereckt, VW-Käfer fahren vorbei. Neben der Straße Laub. Und in der wunderschönen, traurigen, ganz beiläufig gefilmten Schlussszene von Deutschland im Herbst geht das namenlose Hippiemädchen mit den Träumen einer ganzen Generation davon.

Trailer zu „Deutschland im Herbst“


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