Deutschland. Ein Sommermärchen

„For the good of the game”, lautet das Motto der FIFA. Dem hat sich auch Sönke Wortmann in seinem neuen Dokumentarfilm verschrieben. Er bietet, zu viel des Guten.

Deutschland. Ein Sommermärchen

Fußball, die schönste Nebensache der Welt? Falsch. Fußball kann ein ganzes Land verändern. Im Sommer 2006 bestimmte in Deutschland die schwarz-rot-goldene Flagge das Straßenbild. Menschen aller Nationen feierten gemeinsam auf großen und kleinen Fanfesten. Zuversicht und Begeisterung erfüllten die Deutschen und das Wort Nationalstolz war kein Fremdwort mehr. Drei Monate später, in Zeiten, in denen sich die Regierungsparteien erbittert um die Gesundheitsreform streiten, Opernaufführungen wegen Terrorgefahr abgesetzt, und farbige Fußballprofis in deutschen Stadien beleidigt werden, bringt Sönke Wortmann mit seinem Dokumentarfilm Deutschland. Ein Sommermärchen den WM-Zauber für knapp zwei Stunden wieder zurück.

Die Bilder vom jubelnden Philipp Lahm nach seinem Traumtor im Eröffnungsspiel, von den ausgelassenen Nationalspielern, die zu Jens Lehmann rennen, nachdem er gegen Argentinien den entscheidenden Elfmeter gehalten hat, oder vom weinenden David Odonkor nach der Niederlage im Halbfinale setzen einen zweiten Film in Gang. Einen Film, der im eigenen Kopf abläuft, in dem die Erinnerungen an die eigenen Erlebnisse in diesen märchenhaften vier Wochen hoch und runter laufen. Sönke Wortmann gibt dem Zuschauer viel Zeit, um sich zu erinnern. Die Spielszenen, die er zeigt, laufen alle in Zeitlupe ab. Der Zuschauer kann in aller Ruhe überlegen, wo, wie und mit wem er in diesen Momenten mitgefiebert hat. Alle Spielausschnitte sind mit dramatischer Musik unterlegt. Der entscheidende Schuss bevor ein Tor fällt, wird immer durch ein dumpfes Trittgeräusch verstärkt und hervorgehoben.

Deutschland. Ein Sommermärchen

Wortmann stilisiert den Fußball. In Slow Motion wird jeder Bewegungsablauf, jede Muskelanspannung der Spieler sichtbar. Der Kampf um den Ball wirkt wie ein Kampf um Leben und Tod, der erfolgreiche Torschuss wie ein graziler Todesstoß. Die Spieler sind Helden. Jeder sieht, dass sie alles geben. Nur das zählt, Gewinnen oder Verlieren ist erst einmal zweitrangig. Mit dem Einsatz der Zeitlupe hebt der Regisseur aber auch genau das hervor, was die Faszination des Fußballs (und aller anderen Sportarten) ausmacht und immer ausmachen wird: den Moment. Es ist egal, ob der gegnerische Verteidiger bisher alle Zweikämpfe in einem Spiel gewonnen hat, der Stürmer könnte im nächsten Augenblick trotzdem an ihm vorbeidribbeln. Wenn er über sich hinauswächst, wenn er Glück hat, oder wenn der Abwehrspieler einen Fehler macht. Was vor diesem Moment schon alles geschehen ist, ist vollkommen egal. Nichts ist planbar, nichts ist sicher. Und Hoffnung eine feste Größe.

So wie es dem Bundestrainer gelingt, den Fußballern einzutrichtern, das große Ziel Weltmeister 2006 sei – auch wegen der Unberechenbarkeit des Sports – absolut möglich, so gewinnt der Motivator Klinsmann auch den Regisseur für sich. Wie die Spieler, gibt Wortmann alles für die Mannschaft und zeigt, dass man dem gemeinsamen Traum alles unterordnen muss. Mit Deutschland. Ein Sommermärchen vermittelt er so den Eindruck, als hätten die Nationalspieler unaufhörlich und in den verschiedensten Variationen „Wir! Sind! Ein! Team!“ gebrüllt. Wortmann zeigt nicht nur idealisierten Fußball, sondern fast ausnahmslos großen Zusammenhalt und tolle Stimmung im Nationalteam. Aber es erscheint zu perfekt und zu glatt. Man sehnt sich nach Szenen, die zeigen, dass die deutschen Nationalspieler sich auch innerhalb der Mannschaft zusammenraufen müssen. Wenn sich solche Situationen andeuten – in einer Kabinenbesprechung oder bei einer Diskussion nach der Halbfinalniederlage – ist die Kamera aber entweder zu weit weg oder die Szene wird unterbrochen, bevor es wirklich interessant wird. In beiden Situationen zeigt sich Michael Ballack, den Klinsmann „Capitano“ nennt, als ein spannender Charakter. In der Tat scheint er einer der Wenigen zu sein, die sich trauen, gegenüber dem Bundestrainer den Mund aufzumachen. Doch der Regisseur zieht das Friede-Freude-Eierkuchen-Bild strikt durch, präsentiert die Spieler als Klinsi-Parolen-Verkünder. Und so bleibt es bei einem Loblied auf den Teamgeist.

Deutschland. Ein Sommermärchen

Wortmann zeigt, wie viel mit Leidenschaft, Hingabe, Aufopferungsbereitschaft und Motivation erreichbar ist. Und dass es zusätzlich eines riesigen, einzigartigen Ereignisses, wie der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, bedarf, um Deutschland und die Deutschen herauszuputzen. Spätestens, wenn man nach dem Kinobesuch Xavier Naidoo-pfeifend in der Bahn sitzt und dabei scheel angeguckt wird, wächst die Einsicht, diese vier Wochen im Sommer 2006 waren wohl einmalig.

 

Kommentare


ö.ö

für den ersten platz hat es nicht gereicht , aus der sicht von geschäftsleuten ist das wahrscheinlich auch zweitrangig solange man nebenbei noch kohle verdienen kann . Wann kommt Italien ein sommermärchen ins kino ?


Supi

von wegen geschäftsleuten.. die Einnahmen gehen an SOS-Kinderdörfer. Und welcher Deutsche will bitte was von Italien sehen?


schwarz-rot-geil

wer is denn italen was die zur zeit zeigen is lächerlich!!! diese WM war einfach die geilste es es je gegeben hat auch wenn wir nur dritter wurden es war einfach der hammer!!! und der film hat sicher nix mit kohle machen zu tun! das war der geilest film den ich je gesehen habe echt geil gemacht so voller gefühle und emotionen das is echt der wahnsinn gewesen gestern im kino!!!


eva

ich fand den film echt enttäuschend, die wm war das tollste und ich denke nicht, dass diese stimmung in deutschland gebührend eingefangen wurde.


Paule

Ich kan dir nur zustimmen Eva. Der Film fängt zu keiner Zeit die Emotionen ein, die bei den Spielen ststt fand. Spielszenen werden mit einer Trauermusik hinterlegt, wie es langsamer nicht mehr geht. Die Emotionen der Spieler wurden zwar gezeigt, wenn auch nur kurz nach dem Argentinien Spiel, die der Fans bleiben aber außer Acht. Man sieht keine Stadionszenen, keine Public Viewing Szenen, keine Autokorsos.
Obwohl ich mit bester Stimmung in den Film gegangen bin, war ich total am Boden, und das lag nich daran, dass Deutschland kein Weltmeister geworden ist!


Nina

Ich fand den Film total super. Meiner Meinung nach sind die Emotionen sehr wohl gut rübergekommen und man hat sich gewünscht, die zeit zurück zu drehen, und alles nochmal zu erlebben. brillianter film!!!


marina

Der Film war ein knaller, er brachte die Emotionen gut rüber... Einfach nur supi!!!






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