Deutschland 09
Braucht die Welt 13 Kurzfilme über Deutschland? Deutschland 09 ist weniger als die Summe seiner Teile.
Omnibusfilme entspringen mal einer politischen, mal einer filmpolitischen, seltener gleichzeitig einer genuin ästhetischen Motivation, sie laufen auf Filmfestivals und sonst kaum. Kommerzielles Potenzial besitzen sie meist nicht, künstlerische Relevanz nur im Ausnahmefall. Natürlich sind diese Ausnahmefälle nicht zu unterschätzen. Die beiden vielleicht allerschönsten Filme von Pier Paolo Pasolini stammen aus – auch in den Nicht-Pasolini-Episoden – durch und durch politischen Omnibusfilmen: Seine selbstreflexive Groteske La ricotta war Teil von Ro.Go.Pa.G. (1963), die unglaublich schöne Ninetto-Davoli-Miniatur La sequenza del fiore di carta findet sich in Amore e rabbia (1969).
Das heißt nun aber nur so viel, dass man den Omnibusfilm als Genre nicht ganz und von vornherein abschreiben muss. Wenn ein Omnibusfilm aber statt eines poetisch-radikalen Politikbegriffs einen staatstragend-bemühten wählt, sieht alles anders aus. Im Fall von Deutschland 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation tut der Titel in seiner Insistenz auf dem unbedingten und vor allem unbedingt national gedachten Hier und Jetzt fast noch mehr weh als selbst die schlimmsten seiner Episoden – und das will etwas heißen.
Vorbild ist natürlich nicht Ro.Go.Pa.G., sondern Deutschland im Herbst aus dem Jahr 1978, die kollektive Bestandsaufnahme des Neuen Deutschen Films kurz vor dessen Auflösung. Während Fassbinder und seine Kollegen ein gemeinsames Sujet, das sich organisch aus ihrer künstlerischen wie realen Biografie ergab, aus einer geteilten Sensibilität heraus bearbeiteten, ist Deutschland 09 ein Sammelsurium unterschiedlicher Ansätze, Stilistiken und Produktionszusammenhänge. Manchen scheint gerade das, die ungeordnete Vielfalt und die Abwesenheit eines gemeinsamen politischen Programms, an dem Projekt zu gefallen. Aber warum dann dieser wichtigtuerische Titel? Und überhaupt: Was soll das alles? Warum muss zusammengefasst werden, was ganz offensichtlich nicht zusammengehört?
Wie man es nicht anders erwarten konnte, stammen die interessantesten, schönsten und intelligentesten Episoden von den großen Einzelgängern des deutschen Kinos. Gleich zu Beginn zeigt Angela Schanelecs Erster Tag eine Serie ruhiger Großstadtpanoramen morgens zur Dämmerstunde. Der Tag ist noch nicht ganz da, die Nacht noch nicht ganz weg. Kleine Erzählungen bahnen sich an und werden sofort wieder abgebrochen. Am Ende bricht mit einem Mal die Romantik über den Film hinein: Streicher, Nebelfelder, Tierstimmen. Das ist – fast – alles, und es ist um ein Vielfaches schöner und durchdachter als – fast – alles, was danach folgt.
Der zweite große Höhepunkt ist Romuald Karmakars Beitrag Ramses. Ein iranischstämmiger Bordellbesitzer sitzt auf dem Sofa und erzählt freimütig von den Prostituierten, die bei ihm arbeiten und gearbeitet haben, welche am besten geblasen hat und wie schwer es ist, heutzutage an gutes Personal zu kommen, er erzählt von den Freiern und ihren Vorlieben – Pissen ist ok, aber Scheißen geht nicht, wegen dem Teppich –, und am Ende erzählt er von seiner Heimat, von Persien, wo er beerdigt werden möchte. Karmakar selbst tritt nicht ins Bild, gelegentlich stellt er Fragen, sachlich und ruhig. Auch sein Interviewpartner bleibt sachlich und ruhig, emotional wird er erst am Ende, wenn er über Persien spricht und sich bei den Deutschen für ihre Gastfreundschaft bedankt. Ein Stück deutscher Wirklichkeit ist das, nichts mehr und nichts weniger.
Ebenfalls zu gefallen weiß das Gemeinschaftsprojekt von Martin Gressmann und einem weiteren großen Außenseiter des deutschen Kinos: Dominik Graf. Der Weg, den wir zusammen nicht gehen ist ein Essayfilm, der in nostalgischem, aber nie besserwisserischem Tonfall Architektur- und Ideologiekritik betreibt. Begleitet von einem souveränen Voice-over-Kommentar, kontrastieren Graf und Gressmann die geschichtsbewusste Hässlichkeit der frühen deutschen Nachkriegsarchitektur mit den geschichtsvergessenen, glasverspiegelten Bauten, die heute an die Stelle der Betonklötze treten. Am Ende überlagert sich die architektonische Nostalgie mit einer für das analoge Filmmaterial selbst. In dessen warmen Farbgraduierungen möchte Graf zumindest für zehn Minuten noch einmal die verschwindenden Texturen bundesdeutscher Urbanität bergen, bevor es zu spät ist.
Der Rest lohnt eine genauere Auseinandersetzung kaum. Christoph Hochhäuslers Séance, der letzte Film der Sammlung, gehört zweifellos zu den besseren Beiträgen, allerdings hat seine an Chris Marker orientierte Science-Fiction-Parabel derart hohe Ambitionen, dass man sie lieber nicht an ihrem eigenen Anspruch messen sollte. Auch einige andere Beiträge füllen das vorgegebene Format halbwegs sinnvoll aus. Verbucht man Fatih Akins karmakareske Interviewreinszenierung Der Name Murat Kurnaz, Dani Levys grotesk-anarchischen Joshua und Tom Tykwers zumindest elegante Jet-Set-Miniatur Feierlich reist auf der positiven Seite, so sind die Gurken sogar mit 6:7 in der Minderheit.
Was nicht heißen soll, dass das Gesamtfazit positiv ausfällt. Wolfgang Beckers völlig missratene Politsatire Krankes Haus raubt einem schon fast alleine die Lust an der Sache. Hans Steinbichler glaubt erzählen zu müssen, wie Josef Bierbichler einmal Amok gelaufen ist, weil die FAZ ihre Kommentarüberschriften nicht mehr in Fraktur setzt. Und von Nicolette Krebitz, über deren Beitrag hier, wie über die restlichen drei, der Mantel des Schweigens gehängt werden soll, möchte man nach Die Unvollendete nie wieder einen Film sehen.
Wenn wieder einmal eine ähnliche Unternehmung ansteht, möchte man den Verantwortlichen vor allem zu strengeren Auswahlkriterien raten, wenn schon kein gemeinsames politisches oder künstlerisches Projekt zur Verfügung steht. Nichts gegen Vielfalt, aber eine Quote für schlechtes Kino braucht kein Mensch.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 01.03.2009
Kommentare zu Deutschland 09
andrereSicht 24.04.2009 18:54
Interessant die unterschiedlichen Sichten. Gerade den ersten Film und den Film mit dem Perser fand ich am schlechtesten. Einige andere Kurzfilme waren durchaus anregend. Die bunte Mischung der unterschiedlichsten Denkanstoesse ist fuer mich gerade der Reiz von Kurzfilmen.
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Film-Angaben
Titel: Deutschland 09
Originaltitel: Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation
Deutschland 2009
Laufzeit: 140 Minuten
Regie: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Martin Gressmann, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner
Produktion: Verena Rahmig, Tom Tykwer, Dirk Wilutzky
Darsteller: Denis Moschitto, Kai Strittmatter, Dani Levy, Joshua Levy, Peter Jordan, Andreas Hofer, Josef Bierbichler, Tim Seyfi, Dennis Grawe, Anneke Kim Sarnau, Benno Fürmann, Eva Habermann, Christoph Jacobi, Claudia Geisler, Helene Hegemann, Sandra Hüller, Jasmin Tabatabai
Kinostart: 26.03.2009
DVD-Angaben
Titel: Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation
Vertrieb: Indigo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 152 Minuten
Extras: Ausführliches Booklet; Gewinnerfilme des Kurzfilmwettbewerbs
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 04.12.2009
Copyright Deutschland 09
Fotos: © Herbstfilm
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