Destruction Babies – Kritik

Grinsende Soziopathen und sadistische Hipster: Tetsuya Marikos kleiner, dreckiger Festivalhit Destruction Babies schleift den Zuschauer über den Asphalt einer japanischen Kleinstadt und drückt ihn in die nächste Blutlache.

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Fight Harm hieß ein Filmprojekt von Harmony Korine, das der Regisseur selbst als High-Comedy-Kunst zwischen Buster Keaton und Snuff-Film bezeichnete. Es folgte einem so einfachen wie zielgerichteten Versuchsaufbau: Eine Kamera begleitet den Regisseur durch die Straßen New Yorks, während dieser versucht, wildfremde Menschen zu Schlägereien zu provozieren. Die einzigen Regeln: Seine Gegner mussten Korine körperlich überlegen sein und den ersten Schlag landen. Fight Harm wurde nie realisiert. Korine beendete das Projekt nach mehreren Knochenbrüchen und Gehirnerschütterungen. Und in etwa dort, wo Korines Körper und mit ihm das Projekt seine Grenzen fanden, knüpft Tetsuya Mariko mit Destruction Babies an.

Über den Asphalt geschleift

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Destruction Babies ist ein Film, der knirscht; der Gewalt nicht zu Highlights zuspitzt, um dem Zuschauer danach eine Pause zu geben. Der Film streut die Brutalität vielmehr über eine Reihe von Plansequenzen, in denen sich Protagonist Taira (Yuya Yagira) nach den Korine’schen Regeln mit Fremden anlegt – womit auch der Plot des Films schon recht präzise beschrieben ist. In Tairas Konfrontationen gibt es dabei weder so etwas wie Martial Arts zu sehen noch die klassische Dramaturgie von Siegern und Besiegten. Denn genau hier liegt Tairas Stärke: Er gibt nicht auf. Blutig geschlagen stolpert er durch die Straßen, schlägt, klammert und tritt ohne Unterlass oder Rücksicht auf den eigenen Körper nach seinen Gegnern, bis die ihn wieder überwältigen und auf dem Asphalt zusammentreten.

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Die Schlägereien, die die gesamte erste Hälfte des Films einnehmen, sind eine erstaunlich realistische Abbildung von Straßenkämpfen; nie ist wirklich erkennbar, wo choreographiert und wo improvisiert wurde. Die Akteure zögern, stolpern, raufen und schlagen so tölpelhaft, wie man es wahlweise im Großstadt-Nachtleben oder auf YouTube beobachten kann. Destruction Babies hebt mit seiner bizarren Choreographie so die Distanz zur Gewalt auf, die das Kino mit seiner ständigen Wiederholung der gleichen Brutalitäten für das Publikum geschaffen hat. Mariko packt dieses Publikum, schleift es über den Asphalt und drückt sein Gesicht in die Blutlachen, die sich dort sammeln, wo Taira seine Zähne ausspuckt. Authentizität ist dabei kein Mittel, mit dem der Film eine soziale Realität abzubilden versucht, sondern vielmehr der Folgeeffekt einer Inszenierung von Gewalt, die bekannte Erklärungsmuster verweigert.

Gewaltrausch ohne Motiv

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Mit dem Schuljungen Yuya (Masaki Suda), der sich Taira in der zweiten Hälfte des Films anschließt, verändert sich auch dieses Angesicht der Gewalt. Der sadistische Hipster in Schuluniform agiert als eine Art Spiegelbild von Taira. Er sucht keine Gegner, sondern Opfer. Er prügelt auf Wehrlose und Unbeteiligte ein, filmt mit seinem Smartphone die Schuldmädchen, die er in der Einkaufspassage zusammentritt und feiert seine „Erfolge“, als wären sie Level-Ups in einem Rollenspiel. Mit Yuyas Auftritt brechen die Plansequenzen in kürzere Szenen auf, in denen die Straßengewalt zu Missbrauch und Totschlag eskaliert und damit auch eine mediale Präsenz bekommt. Smartphone-Aufnahmen, Reaktionen auf dem Schulhof und Twitter-Updates, die den Kader überwuchern, verankern das, was zuvor noch als unerklärlicher Amoklauf verstörte, in einem medialen Raum. Dieses virale Nachbeben bleibt in Destruction Babies aber mehr eine Andeutung als den jugendlichen Gewaltrausch ernsthaft zu kontextualisieren. Wie die weiteren Nebenplots, die Tairas Bruder Shota und dessen Skateboard-Gang sowie ein Shinto-Ritual zeigen, bleibt die Medienperspektive eine zerfahrene Fußnote in Marikos Gewaltkatalog.

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Für einen Film, der Brutalität wie ein Mantra auf die Leinwand bringt, gelingt es Destruction Babies erstaunlich gut, auf einen zynischen Gestus zu verzichten. Wieder und wieder bricht Mariko den fragilen Status Quo der Gewaltlosigkeit auf, ohne dabei Figuren oder Zuschauer vorzuführen. Es fällt ebenso schwer, die Brutalität und den Sadismus der Protagonisten zu verstehen wie sie zu ertragen. So gelingt Tetsuya Mariko, Korines Spielregeln folgend, ein Gewaltrausch, dessen Motive hinter dem verstörend stoischen Grinsen eines Soziopathen verborgen bleiben.

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