D’Est

Asynchron: Spirituelle Mondlandschaften – Chantal Akermans elegische Fahrt nach Osten.

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Es ist einer dieser Filme, die in einer Kapsel ins All geschossen werden sollten, um dem Nichts zu zeigen, wie Menschen gelebt haben. Chantal Akermans D’Est (From the East / Aus dem Osten) ist ein unheimliches Kunstwerk. Ein von Ostdeutschland über Polen, die Ukraine bis nach Russland immer tiefer in die Kälte und Unbehaustheit des zerfallenen Kommunismus vordringender Tracking Shot, eine wortlose Reise durch Landschaften und Gesichter, die nichts preisgeben und hinter denen wir umso mehr Geschichte vermuten – ihre, unsere, weil es das ist, was wir immer tun.

Zwischenzonen

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Mit D’Est (1993) fängt Akerman Bilder und Stimmungen aus einem gesellschaftlichen Übergang ein: Der Sowjetkommunismus ist zusammengebrochen, aber noch nicht gestorben. Glasnost und Perestroika wurden versprochen, doch die Zukunft ist noch nicht sichtbar. Die Menschen warten wie hinter Glas. D’Est wechselt zwischen einem gleichtönigen Fluss der Kamerabewegungen und statischen Einstellungen. Stillgestellte Aufnahmen, die wegen ihrer unberührbaren Kadrage wie bei Ulrich Seidl ein Distanzgefühl auslösen, bilden Bäume, ein Stück Straße, eine Ecke der Stadt ab. Oder namenlose Personen, die in ihren Wohnungen eigenartig fremd wirken, nicht wie Bewohner der Räume: wie Insassen. Ob sie nun Wurst schneiden, konzentriert Lippenstift auftragen oder gar nichts tun. Manchmal gibt es auch ein Tanzvergnügen in einer Gaststätte oder ein Cellokonzert. Dann wieder ist die Kamera am fahrenden Auto platziert und filmt die Straße. Ladas schieben sich mit ihren leuchtenden Augen durch den Schnee. Plattenbauten ziehen vorbei, Verkaufsbuden, die nächtliche Stadt, Nieselregen, Schneegestöber. Der langsame Rhythmus der Bilder lässt spürbar Zeit vergehen. Es gibt keine Dialoge, keine Kommentare. Auch keine Ortsangaben.

Wartezonen

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Und mehr noch verstreicht die Zeit bei den Tracking Shots, die D’est so unvergesslich und unwirklich machen. In verlangsamten Fahrten, langsamer als ein zielstrebiger Fußgänger, gleitet die Kamera an Menschen vorbei. Menschen in Bahnhöfen, in überfüllten Hallen, die zwischen ihrem Gepäck sitzend erschöpft auf etwas warten, die dösen und schlafen. Menschen, die auf der Straße einem unbekannten Ziel folgen, ohne dass wir sie jemals ankommen sehen. Und schweigende Menschen, die endlos Schlange stehen, in Pelzmützen, Schals und dicke Mäntel gehüllt, einige in Uniform. Manchmal reagieren sie auf die vorbeifahrende Kamera, sagen etwas auf Russisch oder schimpfen, manchmal schauen sie absichtlich indifferent. Worauf sie warten, bleibt unklar. Auf den Bus, auf Nahrung oder Einlass? Auf einen Aufbruch oder ein Ende? Die vorbeiziehende Kamera hält sie alle fest, ohne ihnen zu nahe zu kommen. Ein Film ohne Subjekt.

Oder nicht?

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D’Est ist eine Zeitreise in den ehemaligen sogenannten Ostblock, seine Verfassung und sein Klima in den frühen 1990er Jahren. Vieles, was im Stadtbild der postkommunistischen Länder früher so bedrückend war (und teils heute noch ist), schlägt einem entgegen: die fünfzig verschiedenen Grautöne, aus denen jedes bisschen Rot wie ein kleiner Schrei hervorspringt, der Trübsinn der Funktionsarchitektur, der Zerfall und das Verlassene, die Verschlossenheit der Gesichter. In genau diesen Gesichtern versucht man im Laufe des Films ganz automatisch, Spuren noch weiter zurückliegender Zeiten zu entdecken. Steckt aus Stalinismus und Faschismus eingekapselte Lähmung und Gewalt in ihnen? Stehen das ununterbrochene Warten, die Verlorenheit für eine gesellschaftliche Wurzellosigkeit, letztlich für das Menschsein selbst? Das langsame Vorbeiziehen des Apparates an den fremden Menschenwesen, die ihn zumeist stumm ansehen, löst schließlich noch andere Assoziationen aus. Die der dichtgedrängt am Zaun stehenden Lagerinsassen, die von den Kameras der Alliierten aufgenommen wurden. Mit Gepäck beladene Menschen, die auf Züge warten. Flüchtende, Deportierte, Heimatlose.

Die Untoten

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Verschiedene Schichten Albtraumhaftes lagern in der lyrischen Komposition von D’Est. Dass ihr diese Überlagerungen bewusst sind, hat Chantal Akerman selbst geäußert. In anderen Werken hat sich die belgische Filmemacherin, deren Eltern den Völkermord der Nationalsozialisten überlebten, direkter mit dem Holocaust beschäftigt (Dis-moi, 1980) oder sich biografisch eingebracht (News from home, 1977). In D’Est sehen wir Hunderte anonymer Gestalten und empfinden Verlust. Erinnerung an etwas, das fehlt. Akermans faszinierender Film erzeugt ein Gefühl entwurzelter Geschichte – mit seinem hypnotischen Blick, der auch Geister sehen kann.

Trailer zu „D’Est“


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