Dessau Dancers

Anders tanzen als individueller Ausdruck im System: Breakdance goes DDR.

Dessau Dancers 08

Das Fernsehen sorgt für eine erste Faszination: Ungläubig betrachten der Halbwaise Frank und sein Vater im heimischen DDR-Esszimmer des Jahres 1985 eine Breakdance-Performance bei Na sowas!. Der anmoderierende Thomas Gottschalk erscheint einem dabei kurz als die vielleicht effektivste Waffe sozialistischer, antiwestdeutscher Rhetorik, und trotzdem tut auch dieser dem Staunen keinen Abbruch. Die endgültige, weil vor allem auch sichtbar physische Ansteckung findet dann im Kino statt: Beim ersten Schauen des New Yorker Breakdance-Films Beat Street (1984) wird sofort zur Musik mitgenickt, und die ersten auf der Leinwand präsentierten Moves werden noch während der Spielzeit von einigen Zuschauern nachgeahmt. Der teure Eintritt ins örtliche Lichtspielhaus wird im Verlauf von Dessau Dancers noch einige Male bezahlt – der Kinosaal fungiert dabei nicht etwa als Ort des Flüchtens in eine andere Welt, sondern als Raum der Einübung, als Inspiration und Anstoß, das eigene Leben vor Ort umzukrempeln.

Import von Möglichkeiten

Dessau Dancers 05

Und hier liegt auch schon der dramaturgische Kern des unter der Regie von Jan Martin Scharf und nach einem Script der in Deutschland allgegenwärtigen Drehbuchautorin Ruth Toma (Kebab Connection, 2004; Same Same But Different, 2009; 3096 Tage, 2013) entstandenen Films: Dieser ist, typisch für das mittlerweile arg abgegraste Genre der DDR-Wohlfühlkomödie mit seinen beiden Leuchttürmen Sonnenallee (1999) und Good Bye, Lenin! (2003), nicht die (melodramatische) Abkehr von einem irgendwie verhassten Hier und Jetzt oder die Sehnsucht nach einem Anderen, sondern die (parodistische) Aneignung und Aufrechterhaltung des Fremden. Niemand der Protagonisten in Dessau Dancers will nach der Entdeckung des „Brechtanzes“ – um diesen Kalauer kommt der Film leider nicht herum – nun unbedingt gleich in die USA flüchten oder das DDR-System stürzen, vielmehr geht es um eine Art Import von Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Frank (Gordon Kämmerer) beginnt sich mit seinem besten Kumpel in einem Hinterhof an den ersten Bewegungen auszuprobieren. Ein Gleichgesinnter und die eigentlich turnende Klassenschönheit stoßen hinzu, man nennt sich in Anlehnung an die ersten amerikanischen Crews „Break Beaters“ und tanzt auf der Straße. Was nun und vor allem in den Seitensträngen folgt – eine Dreiecks-Liebesgeschichte, eine Vater-Sohn-Emanzipation –, ist sicherlich keine Ausgeburt innovativen Erzählens. Doch selbst der schematische Plot macht die auf den ersten Blick so krude, aber eigentlich vielsagend erheiternde Kombination von amerikanischer Jugendkultur und bröckelndem DDR-System nicht gänzlich zunichte.

Nach der Affirmation ist vor der Affirmation

Dessau Dancers 09

Dessau Dancers spielt zu Beginn vor allem ein Charakteristikum des Breakdance für sich aus: die Aneignung des (urbanen) Raums der Straße. Während etwa der ebenfalls typische, mit durchaus viel metaphorischer Aggression und Kampfrhetorik geschwängerte Wettkampf, das sogenannte Battle, eher in den Hintergrund tritt oder mithilfe einer sowjetischen Konkurrenz-Truppe nur sehr halbherzig ins tänzerische Feld geführt wird, zieht der Film seine dramaturgischen Zuspitzungen aus kontrastierten Räumlichkeiten – von der dunkel-beengten (Ostalgie-)Wohnung des Vaters geht es auf die Gehsteige und in die Hinterhöfe von Dessau (oder vielmehr Halle, wo hauptsächlich gedreht wurde; in Dessau gab es den Recherchen der Macher zufolge zwar damals besonders viele Breakdance-Gruppen, als konkreter Ort spielt die Stadt im Film aber überhaupt keine Rolle). Und von den Hinterhöfen dann relativ plötzlich in eine baufällige Turnhalle, auf die Jugendclub-Bühne und: vor eine von der Volkspolizei verantwortete „Kommission für Unterhaltungskunst“. Denn die Staatsmacht bekommt Wind von den Aktivitäten, verhaftet zuerst – und macht sich die Affirmation dann selbst zu eigen. Breakdance wird kurzerhand als „akrobatischer Ausdruckstanz“ deklariert und die „Break Beaters“ zu einer staatlichen, sozialistischen Künstlergruppe mit allerlei Privilegien. Neben den durchaus authentischen Tanz-Sequenzen – einige Darsteller kommen direkt aus der Breakdance-Szene, dazu wurde mit Doubles gearbeitet, und auch die zu einem überraschend großen Teil originär US-amerikanische Musik nimmt hier entscheidenden Anteil – hat Dessau Dancers hier seine Stärke: Die besondere Form der Gemeinschaft, welche die Breakdance-Kultur sowohl ideologisch als auch formal ausmacht, das Gleichgewicht zwischen individuellem Ausdruck und Synchronität, das Finden einer eigenen Sprache verbunden mit einem Aufbegehren – diese Projektionen auf das System DDR lassen die selbst plump durchexerzierte Story dann doch immer wieder schimmern. Dabei wird auch der kulturkapitalismuskritische Diskurs, der den Breakdance schon sehr früh, aber vor allem auch in den letzten Jahren wieder begleitet hat (Stichwort Flying Steps), mit eingewoben. Und so ist es am Ende denn auch wieder das Fernsehen, in dem in einem Akt der Sabotage der eigene Niedergang in eine selbst- und systemkritische Persiflage umgemünzt wird.

Trailer zu „Dessau Dancers“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.