Desire Will Set You Free

Noch ein Berlin-Film? Yony Leyser feiert die Hauptstadt und sich selbst in einer grellbunten Collage individueller Befindlichkeiten.

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Desire Will Set You Free ist zuallererst ein Farbfilm im wörtlichsten Sinne: Bevor irgendeine Handlung sich andeutet, bevor auch nur ein einzelnes Wort gesprochen ist, springt uns das Colorgrading förmlich ins Gesicht. Das Prädikat quietschbunt wäre noch untertrieben. Farben über Farben, und das graukühle Berlin wirkt mit einem Mal völlig kalifornisiert. Ein latenter Telenovela-Chic macht das Geschehen in diesem filmischen Varieté fast unwirklich. Als wäre die Wirklichkeit einmal überstrichen worden, mit einem satten Intensitätsupgrade. Graustufen sind dabei kaum auszumachen: Wir wohnen sonnig-verspielten Satyrtänzen im Görli und der alkoholisierten Halbwelt unterirdischer Kaschemmen bei, aber einen Alltag, der scheint von Beginn an nicht zu existieren. Desire Will Set You Free erzählt – kurz gefasst – von Lieben und Leider einiger junger Internationaler, die eine Zeitlang am Busen Berlins verweilen.

Glaube an das radikale Gefühl

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Wir könnten Yony Leysers Film freilich auch von Beginn an als Kritik verstehen, nicht als Hommage: Berlin als ewiges Sinnbild existenzieller Selbstsucherei, immer im Glauben an das Noch-Bessere, Noch-Echtere, auf der Suche nach dem radikalen Gefühl, das irgendwo in den Untiefen der Stadtlandschaft zu warten scheint. Die deutsche Übersetzung des Titels, die im Film immer wieder als Slogan auftaucht, kommentiert den allgegenwärtigen Zwang zur Selbstverwirklichung auf fast bedrückende Art und Weise: „Lust macht frei.“ Regisseur Leyser übernimmt auch die Hauptrolle: Als angehender Schriftsteller Ezra verliebt er sich in den jungen russischen Künstler Sasha (Tim Fabian Hoffman). Die beginnende Romanze wird allerdings schnell von allerhand Problemen heimgesucht. Sashas bevorstehende Geschlechtsumwandlung ist nur eines davon. So bleibt die Beziehung ein prekäres Pflänzchen inmitten des überfordernden Großstadtdschungels, in dem sich allerlei Berliner Ikonen ein kurzes Stelldichein geben: Nina Hagen, Blixa Bargeld, Rosa von Praunheim. Die illustren Kurzauftritte berlinisieren das Geschehen, und Desire Will Set You Free reiht sich damit bewusst in eine bestimmte subkulturelle Genealogie der Hauptstadt ein.

Launische Clipshow

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Die Stärke des Films liegt dann auch in seinem Bekenntnis zum Szenischen, zum Hier und Jetzt. Der collagenhafte Rhythmus nähert sich der gelebten Alltagsverweigerung an. In diesem Momenten ist Desire Will Set You Free ein launischer Film, eine Aneinanderreihung von Clips aller Farben und Formen. Die liebevollen Details bringen zum Schmunzeln, ein Hauch Selbstironie zieht sich durch den Film. Der Plot insgesamt ist allerdings ziemlich unausgegoren und die ästhetischen Brüche – so kurzweilig sie sind – fragmentieren immer wieder die Erzählung, sodass die zentrale Liebesgeschichte uns Zusehende kaum emotional einbindet. Die Sprunghaftigkeit des Films ist gerade sein Sahnehäubchen, und so irritiert es fast, wie sehr die Amourösitäten schließlich ins Zentrum rücken und ziemlich gezwungen zuende erzählt werden wollen. Das ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir es bei Desire Will Set You Free mit einem Langzeitprojekt zu tun haben, dessen Realisierung lange Zeit alles andere als gesichert war. Sommer, Winter, die Jahreszeiten und visuellen Settings sind so durcheinander wie die zwischenmenschlichen Beziehungen insgesamt.

Doch eine konventionelle Lovestory?

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Letztlich aber ergeben sich vergleichsweise klassische Probleme: Nachdem Sasha zur Frau geworden ist, findet sie den homosexuellen Ezra plötzlich nicht mehr begehrenswert und löst ein folgenreiches Drama aus. Durch eine Geschlechtsumwandlung verlieren sich zwei Menschen, und zwar nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Die einschränkende Macht von Geschlechterkonstellationen bleibt trotz einer geradezu zwanghaften sexuellen Offenheit weiter bestehen. Ist Desire Will Set You Free also am Ende doch eine konventionelle Lovestory? Vielleicht, aber bei aller visueller Opulenz und freakiger Ausgelassenheit wirkt die Liebesaffäre eher wie eine Randnotiz. Ein vergeblicher Versuch, irgendetwas festzuhalten in einer Umgebung, die das Loslassen zur obersten Maxime erklärt hat. Die Botschaft jedenfalls könnte lauten: Gefühle siegen immer, wenn auch nicht immer im Guten. Und was ist dann die Alternative? Hier ist der Film letztlich ein Plädoyer seiner selbst. Die Lösung ist eine Rückkehr zum Anfang: Einfach nicht festlegen.

Trailer zu „Desire Will Set You Free“


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