Derek

Derek Jarmans letzter Wunsch, so heißt es zu Beginn der Dokumentation, war das vollständige Verschwinden. In wie weit ihm dies gelungen ist, erkunden Isaac Julien und Tilda Swinton in einer faszinierenden Reise durch ein Leben und eine Zeit, die notwendigerweise im Heute endet.

Derek

Mit seinem letzten Langspielfilm Blue feierte Derek Jarman im Jahre 1993 seinen Abschied von der Filmindustrie. Ein bewegendes Werk, in dem der englische Regisseur den Verlust alter Weggefährten, den eigenen körperlichen Zerfall und nahen Tod kontempliert. Zu der Zeit infolge seiner Aidserkrankung fast vollständig erblindet, eröffnet Jarman in Blue eine neue Sichtweise auf und über die Leinwand: Getaucht ist sie in ein stetiges Blau, das für Jarmans Innenschau einen tonalen Rahmen setzt. Die Bilder von Blue entstehen einzig im Kopf, aus den Erzählungen, Tagebuchfragmenten und Erinnerungen. Ein Jahr später verstarb mit Derek Jarman eine der wichtigsten, kompromisslosesten Stimmen des britischen Films.

Zeit also, seiner zu gedenken. Isaac Julien, selbst seines Zeichens in England renommierter Filmemacher und Künstler, und Tilda Swinton, Jarman-Muse und mittlerweile eine der bemerkenswertesten Schauspielerinnen ihrer Generation, nahmen sich diesen Auftrag zu Herzen. Und von Herzen kommt Derek, eine Dokumentation, die gleichzeitig persönliche, liebevolle Hommage an den Menschen, Filmemacher und Maler ist sowie ein - gerne sehr kritisches - Kaleidoskop seiner und der heutigen Zeit.

Den Kern des Films bildet ein bisher ungezeigtes Interview mit Jarman aus dem Jahr 1990. Ein Glücksfall, denn so ist es Jarman selbst, der, den sichtlichen Anzeichen seiner Krankheit zum Trotze, den eigenen Werdegang mit überaus ansteckendem Enthusiasmus kommentiert. Demzufolge kommt Derek weitestgehend ohne die üblichen Talking Heads aus und bleibt erfreulich nah an der Person, die er porträtiert. Julien bebildert die Reminiszenzen mit Super-8-Aufnahmen von Jarman, Szenen seiner Filme und dokumentarischem Archivmaterial. So werden wir zurückgeführt in seine Kindheit und Jugend, anschließend ins London der sechziger Jahre, in dem er mit der zeitgenössischen Kunstszene um David Hockney und den Filmen Kenneth Angers in Berührung kam. Bald folgten dem Kunststudium eigene Super-8-Experimente, schließlich Sebastiane (1976), mit dem nicht nur Jarman, sondern auch eine homoerotische Bildsprache auf der Leinwand debütierte.

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Man spürt den besonderen Stellenwert, den die 70er Jahre in der Biographie Jarmans einnehmen, ermöglichte der Ethos der Punk-Bewegung doch erst das Aufbrechen der verkrusteten Sozialstrukturen der vorangegangenen Dekaden. Mit dem zornigen Jubilee (1978) bekam die Revolte ihren ersten offiziellen Film einverleibt.

Die konservative Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die in den Thatcher-Jahren produzierten Heritage-Filme feierten eine ruhmreiche nationale Vergangenheit und versuchten dieses Bild auf die Gegenwart zu stülpen. Es ist in diesem Kontext, dass Jarmans Bedeutung in der britischen Filmlandschaft besonders zum Tragen kommt. Obwohl er mit seinen Theaterstückadaptionen oft „traditionelle“ Stoffe wählte, gehörte er doch stets zu jenen Künstlern, die sich in einer Hinwendung zum Gegenwärtigen gegen eine hermetische Abriegelung und Zementierung der nationalen Identität richteten. Jarmans Kino ist eines der Durchlässigkeit und bezieht daraus einen Großteil seiner Radikalität. Wie sehr dies als Charakteristik ebenso für den Mann selbst galt, zeigt Juliens Film: In einer Zeit, in der Aids ein Tabuthema war, bekannte sich Jarman öffentlich zu seiner Krankheit und kümmerte sich herzlich wenig um die Reaktionen.

So vereint Derek in seinem Porträt den Privatmann Jarman und den des öffentlichen Lebens – auch hier sind die Grenzen fließend und willentlich porös. Immer wieder durchbrochen wird das Rückschauverfahren mit Einschüben, die Tilda Swinton zeigen, wie sie durch das heutige London streift und per Voice-Over Passagen aus ihrem elegischen „Letter to an Angel“ liest, ein 2002 im englischen „Guardian“ veröffentlichten Tribut an Jarman. Die Präsenz Swintons, gepaart mit dem metaphorischen Stil ihrer Worte, mag zunächst irritieren, dennoch kann man sich der Bestimmtheit und Logik ihrer Ausführungen schwer entziehen.

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  Swinton spricht vom Diktat des guten Geschmacks, des Vermarktbaren in der heutigen Zeit und einem blinden Vertrauen in die Überbauten, die unseren Alltag regeln. So ist es die schamlose Risikoliebe eines Jarmans, all das in Frage zu stellen, die Swinton vermisst und der Derek ein Denkmal setzt. Freilich muss man dies wohl auch im Kontext der Produktionsbedingungen seiner Kunst sehen. Wir erinnern uns: Nicht nur Blue, der zu den Meisterwerken aus Jarmans Spätwerk zählt, wurde seinerzeit von Channel 4 mitproduziert und ausgestrahlt. Damals galt die Institution zu den Vorreitern einer Neuerung in der britischen Film- und TV-Landschaft und bemühte sich um die Förderung einer größeren künstlerischen Diversität. Das ist lange her, heute dominieren die Realityshows und Soaps das Programm. Channel 4 mag auch Derek koproduziert haben, verbannt solche Formate jedoch für gewöhnlich auf einen seiner Kabelableger. Eine Entwicklung, die nicht nur auf den britischen Inseln um sich greift.

Implizit findet Julien in Derek für all dies ein schönes Sinnbild, das Jarmans Garten vor seinem Häuschen in Dungeness zeigt. Dieser eigenartige Garten, auf dem die Beete heute noch trotzig auf scheinbar steinigem Untergrund gedeihen. Und damit hält sich nicht nur das Andenken an einen wundervollen Filmemacher, Juliens und Swintons Nachruf richtet so bei allem Verdruss einen behutsamen Blick nach vorne.

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