Derby Fever USA

„If you never fly, you’ll never have to worry about the fall“. Roland Klick filmt Amerika.

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„Have you ever tried to step outside yourself for a while?“, fragt Porter Jordan in einem vermutlich extra für den Film komponierten Country/Folk-Song. Derby Fever USA ist ein einziger „step outside“: raus aus Deutschland vor allem, aber auch raus aus dem Erzählfilm, überhaupt raus aus dem Kino; eine TV-Produktion, ursprünglich klein angelegt, dann, zumindest hat Klick das hinterher kolportiert, ein wenig aus dem Ruder gelaufen – man kann ihm das glauben: Klein ist gar nichts an dem Film.

Als er von dem Produzenten Karel Dirka das Angebot bekam, einen Fernsehdokumentarfilm über das Kentucky Derby, ein traditionsreiches, in ein Volksfest eingebettetes Pferderennen, das jährlich in Louisville ausgetragen wird, zu drehen, war Klicks Karriere noch voll im Schwung. Genauer gesagt hoffte er gerade, gemeinsam mit Bernd Eichinger, mit dem er zuvor Lieb Vaterland, magst ruhig sein (1976) gedreht hatte, in naher Zukunft Hollywood zu erobern. Das hat nicht geklappt; seinen Amerika-Film hat Klick trotzdem gedreht, einen Film, angetrieben von einer maßlosen Neugier und Begeisterung für die USA und ihre populäre Kultur. Sogar Bob Hope hat er vor die Kamera bekommen. (Alles Amerikanische wird, muss man leider dazu sagen, immer gleich wieder vom Deutschen überlagert: Von einem Synchronsprecher, der alles, was im Film geredet wird, übersetzt – und zwar alles im selben eintönigen Tonfall; wie man das noch immer von Fernsehnachrichten gewohnt ist, bleibt der Originalton dabei leise parallel hörbar. Es braucht ein wenig Überwindung, sich dennoch auf den Film einzulassen – es lohnt sich!)

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Dass er aufs Ganze zielt, stellt der Film schon im Titel aus: Nicht „Derby-Fieber Kentucky“, sondern eben Derby Fever USA. Die Grundbewegung des Films ist die Expansion, der Anbau, der Seitenblick. Das passt in gewisser Weise zum Sujet: Das Pferderennen selbst dauert gerade einmal zwei Minuten, dennoch ist Louisville eine ganze Woche lang im Aufruhr, es gibt im Vorprogramm Dampferwettfahrten, Heißluftballonshows, Konzerte, der ganze Bundesstaat scheint mobilisiert, in seinen glatten ebenso wie in seinen kaputten Facetten. Und ebenso baut Klick seine kleine Sportreportage für den bayrischen Rundfunk aus: zum ethnografischen Film über die inner cities der Südstaaten, zum Porträtfilm über einen am laufenden Band jovial herumkumpelnden Vollblutpolitiker, zur atmosphärischen, von Jürgen Knieper perfekt vertonten Amerika-Collage (inklusive Kannibalisierung amerikanischer Lokalnachrichten, Werbespots usw.).

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Der Pferderennsport: Das ist natürlich schon fast ein prototypisches Geschäft der alten, weißen, männlichen, spät- beziehungsweise neofeudalen Elite, die neue Verwendung für die Stallburschen von früher sucht. In den Film dringt diese Herrschaft des Geldes über Menschen, Tiere, Land, Kultur nicht programmatisch, eher nebenbei. Klick schneidet schon auch einmal direkt von einem Werbeclip für die touristischen Attraktionen Kentuckys auf eine dokumentarische Miniatur über den Verfall der Innenstädte: Hochhauswüsten statt der Wohnblocks von früher, Reminiszenzen eines alten Friseurs, die schwarze Frau, die auf eine nicht hörbare Frage hin auflachend abwinkt: „No job!“ Im Ganzen jedoch geht es nicht um Dialektik (höchstens um einen egalitären Ethos, der dem Proletarischen in letzter Instanz immer näher steht als den Selbstdarstellern an der Spitze der Gesellschaftspyramide, der schon deshalb auch den Mann zu Wort kommen lassen muss, der in der Garderobe die Mäntel aufhängt), sondern um Akkumulation – hierhin, dahin, dann noch kurz da hinten um die Ecke und am allerliebsten: nach oben. In den Helikopteraufnahmen, die immer mehr sehen, immer weiter blicken wollen, zum Horizont und über ihn hinaus, kommt der Film ganz zu sich. „If you never fly, you’ll never have to worry about the fall“, singt Porter Jordan.

Dass ein solch bilderfressender, weltfressender Film trotzdem nicht in Beliebigkeit endet, liegt einerseits am immensen technischen Können Klicks, an der am Erzählkino geschulten Stimmungsmodulation, der flüssigen Montage; andererseits liegt es auch an der Geduld, die der Film manchmal dann doch hat, gerade an unerwarteten Stellen: Wenn der Bürgermeister von Louisville in einer Radiosendung eine Karte für das Derby verlosen will, filmt Klick mit, wie das nicht so recht klappen will, wie auf der ersten Gewinnerkarte keine Telefonnummer notiert ist und wie der Bürgermeister dann einen „Ersatzgewinner“ anruft.

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Nicht, dass Klick der Pferdesport selbst nicht interessieren würde: Toll sind schon einzelne Bilder, wie das eines „rauchenden Pferds“, das, nach einem Rennen erhitzt, mit kaltem Wasser übergossen wird; toll auch die Szenen, in denen die Jockeys und Pferdetrainer direkt in die Kamera sprechen; das sieht eher nach freundschaftlichen Alltagsgesprächen aus als nach klassischen, distanzierenden Interviewsettings. Der Pferdesport-Ignorant kann außerdem Erstaunliches lernen, zum Beispiel über „syndicated horses“: Erfolgreiche Rennpferde werden nach ihrer sportlichen Karriere erst richtig aktiv, Züchter können „Anteile“ an ihnen erwerben und dann ihre Stuten einmal jährlich von ihnen decken lassen. Die Fließbandkopulationen, mit denen die Hengste ihren Besitzern schon einmal zweistellige Millionenbeträge einbringen, filmt Klick selbstverständlich auch.

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