Der Würger vom Tower

1966 – Papas Kino bebt (7): Im Mittelpunkt dieses preisgünstigen Edgar-Wallace-Rip-offs aus der Feder Erwin C. Dietrichs steht nicht die Suche nach dem Täter, sondern die Frage, ob es sich wirklich um einen ernst gemeinten Beitrag zum Genre des „Gruselkrimis“ handelt oder nicht doch eher um eine freche Parodie.

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„Hier spricht Edgar Wallace!“ Vor dem britischen Bestsellerautor gab es im Deutschland der 1960er Jahre kein Entkommen: 1959 landete die Rialto einen großen Erfolg mit Harald Reinls Der Frosch mit der Maske und erwarb daraufhin die Rechte zu zahlreichen weiteren Romanen des Schriftstellers. Bis Umberto Lenzis Das Geheimnis des silbernen Halbmonds im Jahr 1972 – die deutschen Gruselkrimis hatten mittlerweile den italienischen Giallo inspiriert – den Schlussstrich unter die Rialto-Wallaces setzte, waren insgesamt 33 Filme entstanden, von denen der erfolgreichste, Alfred Vohrers Das Gasthaus an der Themse, 1962 mehr als dreieinhalb Millionen Menschen ins Kino lockte. Die Wallace-Reihe der Rialto dürfte damit zu den erfolgreichsten und zahlenmäßig umfangreichsten „Franchises“ der Filmgeschichte zählen, und logischerweise wollten auch andere vom Trend der populären „Gruselkrimis“ profitieren.

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Aus Mangel an noch zu verfilmenden Edgar-Wallace-Romanen konterte Artur „Atze“ Brauners CCC kurzerhand mit einer Filmserie, die auf den Romanen von Edgars Sohn Bryan Edgar Wallace basierte und es zwischen 1962 und 1964 auf insgesamt sieben Titel brachte, darunter auch ein Crossover mit der eigenen, ganz ähnlich gelagerten Mabuse-Reihe. 1963 veröffentlichte die CCC mit Der Fluch der gelben Schlange denn auch einen „echten“ Wallace, der zudem mit etlichen aus den Rialto-Filmen entliehenen Stars aufwarten konnte. Daneben entstanden bei der Constantin noch drei Verfilmungen nach den Krimis von Louis Weinert-Wilton, die sich optisch und personell kein Stück von ihren großen Vorbildern unterschieden und dafür sorgten, dass das Zuschauerbedürfnis auch zwischen den Veröffentlichungen der Rialto gedeckt wurde. Das sind aber nur die prominentesten und erfolgreichsten Beispiele – zahllose weitere Werke, die dem Erfolgsrezept nachempfunden waren, erblickten in den 1960er Jahren das Licht der deutschen Kinosäle.

Gruselkrimis und kein Ende: Auch Erwin C. Dietrich mischt mit

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Angesichts dieses geschäftigen Treibens um britische Adelshäuser, aus dem Ruder laufende Erbschaftsstreits, bizarre Morde und fantasievoll verkleidete Killer ist es fast ein Wunder, dass der sonst um keinen Epigonen verlegene Schweizer Filmproduzent Erwin C. Dietrich sich nur zweimal am so beliebten deutschen Genre versuchte: 1962 erschien unter dem Siegel der Monachia-Filmproduktion Rudolf Zehetgrubers Die Nylonschlinge mit Dietmar Schönherr, dem aber kein großer Erfolg beschieden war. Und vier Jahre später versuchte es Dietrich noch einmal mit Der Würger vom Tower, nach eigenem Drehbuch inszeniert vom weitgehend unbekannt gebliebenen Hans Mehringer.

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Schon der Titel offenbart die Nähe zu den Vorbildern, die Titelsequenz ist unterlegt vom sattsam bekannten Stock Footage von Big Ben, Piccadilly Circus und Tower Bridge, kurz darauf macht der aus den Rialto-Filmen bekannte vierschrötige Hüne Adi Berber als titelgebender Würger seine Aufwartung, Hans Reiser fungiert in der Rolle des Scotland-Yard-Beamten Inspector Harvey als Ersatz für Heinz Drache und Joachim Fuchsberger, deren optische Schnittmenge er bildet, und Charles Regnier ist das Zugpferd, das denn auch in einer Doppelrolle zu sehen ist. Es geht um wertvolle Edelsteine, deren Besitzer einer nach dem anderen auf Geheiß einer kultischen Geheimorganisation umgebracht werden. Diese hört auf den Namen „Bruderschaft der ausgleichenden Gerechtigkeit“, und ihre Mitglieder tragen bei ihren Sitzungen in einem unterirdischen Gewölbe Ku-Klux-Klan-artige Kutten und beten die riesige Wurzel eines uralten Baumes an. Es gibt Kidnappings, Verfolgungsjagden, Auspeitschungen, Zwillingsbrüder, Messerkämpfe auf den Dächern der Themsestadt, altehrwürdige Landsitze, schöne Frauen und Striptänzchen in mondänen Nachtklubs. Kurz: Der Würger vom Tower beinhaltet alles, was einen „echten“ Wallace ausmachte.

Echter Wallace oder augenzwinkernde Verballhornung?

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Trotzdem ist alles ganz anders. Die Inszenierung Mehringers, dessen einziger Kinofilm dies blieb, ist steif und holprig, schafft es weder, die offenkundigen budgetbedingten Limitierungen zu verdecken, noch jene für die Rialto- und CCC-Filme so typische, knarzig-gemütliche Kaminatmosphäre zu erzeugen. Reiser fehlt als Hauptdarsteller sowohl der kumpelige Charme, für den Fuchsberger stand, als auch Heinz Draches onkelhafte, aber selbstbewusste Souveränität. Die einzelnen Elemente der Handlung – Adi Berbers Würger, die Bruderschaft, eine unvermeidliche Erbschaftsgeschichte, das Hickhack um die Juwelen – wollen einfach keine schlüssige Sinneinheit ergeben. Der Würger vom Tower kann nie verhehlen, nach dem Setzkastenprinzip notdürftig zusammengestückelt worden zu sein. Mehr als eine kohärente Geschichte zu erzählen stand im Vordergrund, bestimmte optische Versatzstücke unterzubringen, die man für charakteristisch für einen Wallace-Film hielt. Darüber hinaus passieren da aber unerklärliche Dinge am laufenden Band: Der vorgetäuschte Ernst kollidiert immer wieder mit haarsträubend bescheuerten Szenen, supersteifen Dialogen und zu lang gehaltenen Nahaufnahmen dumm dreinblickender Schauspieler. Der beschwingte Jazz- und Beat-Soundtrack von Walter Baumgartner, Hans Möckel und Bruno Spoerri wird ohne Vorwarnung von seltsam dudeligen Cues unterbrochen, die tonal aus einem völlig anderen Universum stammen und auch in einem Film von Jürgen Enz nicht fehl am Platze wären. Und in einer Szene stürzt Charles Regnier wild mit den Armen gestikulierend im Hintergrund ins Bild, als wolle er dem Regisseur etwas signalisieren, doch der Film läuft einfach so weiter.

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Was zunächst nach Unvermögen der Regie und unfreiwilligem Humor aussieht, könnte jedoch durchaus beabsichtigt gewesen sein, und ich bin mir mittlerweile nicht mehr so sicher, ob Der Würger vom Tower von Dietrich nicht als heimliche Parodie auf die betulichen Wallace-Filme angelegt wurde. Zwar waren auch die nicht ohne Witz, doch wurde der meist einem extra dafür ins Drehbuch geschriebenen Comic Relief (eine Rolle, die Eddi Arent über 20 Mal ausfüllte) zugewiesen. In Der Würger vom Tower lässt er sich nicht mehr in dieser Form lokalisieren, es ist eher so, dass das ganze Sujet von der Inszenierung mit mildem Spott überzogen wird: Die Polizisten sind knochentrockene Beamte ohne jeden Sexappeal und von einer Inkompetenz, die sich heftig mit ihrem betont seriösen Auftreten beißt, die „Bruderschaft der ausgleichenden Gerechtigkeit“ wirkt auch ohne ihren Namen wie ein verwirrter Karnevalsverein, der Subplot um eine Nachtclubtänzerin scheint nur dazu da zu sein, um irgendwann einen schwulen Tanzlehrer aufbieten zu können, und lachende Dritte ist am Ende die spröde Sekretärin mit der Colaflaschenboden-Brille.

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Im Zentrum all dieser Albernheiten thront Charles Regnier in seiner Doppelrolle wie der König der Gaukler, und die spannendste Frage, die sich dem Zuschauer stellt, ist die, ob er die ganze Unternehmung mit seinem Spiel sabotierte und ihr seinen närrischen Stempel aufdrückte oder ob er doch Weisungen befolgte. Als eine Hälfte des Zwillingsbruderpaars läuft er ständig mit Bademantel, zerzausten Haaren und einer Whiskyflasche im Arm herum und ergeht sich im Klagen über sein Dasein als unterm Pantoffel stehender Gatte einer erfolgreichen Schriftstellerin, als andere Hälfte kommandiert er die schon erwähnte Bruderschaft mit der genussvoll überdrehten Würde eines ketzerischen Priesters, die das breite Grinsen auch durch die schwarze Kapuzenmaske hindurch sichtbar macht. Sein größter Auftritt ist aber fraglos sein Zweikampf mit dem Würger Adi Berber, dem er im Ringen gegen den Tod die Daumen in die Mundwinkel steckt und sein Gesicht für Sekunden zu einer herrlichen Grimasse der Unzulänglichkeit verzerrt. Der vielleicht schönste Gruselkrimi-Moment stammt also aus Der Würger vom Tower.

Trailer zu „Der Würger vom Tower“


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Kommentare


hans

Die Bilder stammen aber aus einem anderen Film, oder?


Michael

Oh, stimmt! Da sind irgendwie Stills aus "Der Würger von Schloß Blackmore" reingeraten. Danke für den Hinweis! Wir kümmern uns darum.






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