Der wilde Schlag meines Herzens

Als Immobilienmakler scheut Tom (Romain Duris) auch zwielichte Methoden am Rande der Legalität nicht. Durch eine zufällige Begegnung wird seine alte Leidenschaft fürs Klavierspielen wieder geweckt: Ein Doppelleben zwischen schlagkräftigem Maklerjob und poetischer Künstlerambition beginnt.

Der wilde Schlag meines Herzens

Um es gleich vorweg zu nehmen: Jacques Audiard, der momentan wohl zu den begabtesten französischen Regisseuren gezählt werden darf, legt mit Der wilde Schlag meines Herzens (De battre mon coeur s’est arrêté, 2005) ein kleines Meisterwerk vor. Als Remake des amerikanischen Finger – Zärtlich und brutal (Fingers, 1977) von James Toback schafft es der Film, seine Vorlage an Kohärenz und Geschicklichkeit zu überbieten.

Mit ungeheuerlicher Wucht erzählt Audiard, wie sich sein Protagonist im Spannungsfeld zweier gegensätzlicher Kräfte, zweier Milieus, zweier Antriebe aufreibt. Zum einen schlägt sich Tom (Romain Duris) als Makler im zwielichten Pariser Immobiliengeschäft durch und treibt nebenher für seinen alten Vater (Niels Arestrup), einem kränkelnden Immobilienhai, gewaltsam ausstehende Forderungen ein. In diesem Milieu unter Männern wird nicht lange gefackelt. Zum anderen entdeckt Tom durch die zufällige Begegnung mit dem ehemaligen Agenten seiner verstorbenen Mutter, einer erfolgreichen Konzertpianistin, seine Leidenschaft für die Musik wieder. Für ein in Aussicht gestelltes Vorspiel stürzt er sich frenetisch in die Klavierspielerei und nimmt bei einer chinesischen Musikstudentin (Linh-Dan Pham) Unterricht. In einem quälenden Parcours versucht Tom sich von der Welt des dominanten Vaters zu emanzipieren und sich der Sphäre der abwesenden Mutter anzunähern. Ausgerechnet in der Nacht vor seinem Vorspiel nötigen ihn seine Kollegen zu einem Schlägereinsatz in einem besetzten Haus.

Der wilde Schlag meines Herzens

Vielschichtig und komplex ist das Sujet dieses Films: Das Erwachsenwerden eines jungen Mannes, die sich wandelnde Vater-Sohn-Beziehung, in der sich die Fürsorgepflichten auf einmal umkehren, Liebe und Vergeltung, aber insbesondere die folgenreiche Richtungsentscheidung, die man an einem Punkt für sein weiteres Leben treffen muss – hier zudem eine Entscheidung zwischen zwei Extremen. Durch die Wiederentdeckung seiner Leidenschaft zur Musik wirft sich Tom mit Haut und Haaren in ein Leben der absoluten Gegensätze, in dem Körperlichkeit und Vergeistigtheit, extreme Gewalt und Poesie mit Wucht aufeinander prallen. Anders, vielleicht ein bisschen nachvollziehbarer als in Tobacks Vorlage, ist die Entwicklung, die Tom in Audiards Version der Geschichte nehmen wird.

Die düstere und qualvolle Identitätssuche seiner Figur spielt Romain Duris fast wie ein Autist, der das Atmen vergessen hat. In Cédric Klapischs Barcelona für ein Jahr (L’Auberge espagnole, 2002) noch der nette, aber farblose Jüngling, wirkt Duris vor Audiards Kamera wie verwandelt. Noch nie so präsent und glaubhaft, vibriert der Schauspieler den gesamten Film hindurch voll nervöser Energie und verkörpert Tom als gehetzte körperliche Masse mit ungeheurer Feinfühligkeit in den Fingerspitzen. Beim authentischen Spiel einer Bachfuge rast die Hand des Schauspielers, der das Klavierspiel übrigens eigens für den Film erlernt hat, über die Tasten. Wie eine visuelle Transkription von Toms Innenleben wirkt die Nervosität und Dichte von Audiards Bildern, die ganz im Moment der Aufnahme leben. Großteils mit Handkamera gedreht, heften sich lange Plansequenzen an die freien Bewegungen des Schauspielers. Wie ein organischer Teil der Figur wirkt diese fiebrige Kamera, die dem Film eine raue physische und emotionale Intensität verleiht. Im temporeichen Rhythmus wechselt der Herzschlag des Zuschauers ständig die Frequenz.

Der wilde Schlag meines Herzens

Rar ist diese Energie, mit der einen der Film packt und der ihn zu einem Sonderling im zeitgenössischen französischen Kino macht. Dieses ist traditionell dialogreich und baut seinen Charme auf dem Sprachwitz auf – wie letztens der Film Schau mich an! (Comme une image, 2004) von Agnès Jaoui. Audiards Werk hingegen wirkt ganz amerikanisch in dem Sinne, dass hier vor allem physisches Kino geboten wird. Romain Duris’ Performanz beeindruckt nicht durch das typische – verbale – Register französischer Schauspielerei, sondern vielmehr durch seine körperliche Präsenz. Mehr noch als Harvey Keitel aus Tobacks Fingers hätte Robert de Niro aus Martin Scorseses Hexenkessel (Mean Streets, 1973) dafür Pate stehen können.

Trailer zu „Der wilde Schlag meines Herzens“


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Kommentare


Aylon

guter film...aber nicht auf unterhaltung angelegt...erzählt die geschichte von einem jezornigen talentierten pianist und schuldeneintreiber






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