Der weite Ritt

In Easy Rider (1969) gab Peter Fonda noch den Motorradrebell. Sein Regiedebüt Der weite Ritt (The Hired Hand) von 1971 ist ein reiferes Gegenstück zum Kultfilm der damaligen Gegenbewegung, in dem Fonda nunmehr einen müde gewordenen Westerner spielt, der sich nach Heim und Familie sehnt.

Der weite Ritt

Drei Männer, offensichtlich Cowboys, lagern an einem Fluss, fischen und baden wie ausgelassene Kinder darin. Während sie sich vom Staub und Dreck ihres Nomadendaseins reinwaschen, blenden sie die Härte ihres Alltags aus. Der Mythos des Idylls wird beschworen. Die impressionistische, artifizielle Aura der Bilder - tanzende Lichtreflexe auf spiegelnder Wasseroberfläche, Bewegungen in Zeitlupe gebannt - lässt jedoch schnell die Flüchtigkeit der behaglichen Szenerie erahnen und kennzeichnet die Harmonie als zerbrechliches Konstrukt. Ganz unvermittelt treibt wenig später der Leichnam eines kleinen Mädchens den Fluss entlang, bringt die ungläubigen Männer zum Verharren und reißt sie aus ihrem kurz gelebten Traum der Friedfertigkeit. Es ist der Ton verlorener Unschuld und eines abhanden gekommenen Paradieses, den dieser kurze, aber eindringliche Prolog für den weiteren Verlauf des Filmes vorgibt.

Der weite Ritt ist ein Western in Moll, der von dem scheiternden Versuch eines entwurzelten Cowboys erzählt, Heimat – auch im spirituellen Sinne - zu finden. Nachdem Harry Collings (Peter Fonda) jahrelang durch die Weiten des amerikanischen Landes gestreift ist, entschließt er sich zusammen mit Kompagnon Arch (Warren Oates) zu seiner Ehefrau Hannah (Verna Bloom) zurückzukehren, die er einst allein zurückließ. Diese bewirtschaftet eine kleine Farm, auf der sie die beiden Männer als Hilfsarbeiter einstellt. Eine komplexe Dreiecksbeziehung entwickelt sich, bei der sowohl Harry als auch Arch romantische Gefühle für Hannah hegen, gleichzeitig aber versuchen, sich einander gegenüber loyal zu verhalten. Peter Fonda gelingt es als Regisseur, ein menschliches Dilemma nachzuzeichnen, das sich aus der Unsicherheit der Figuren speist, ob sie sich für die Freundschaft oder die Ehe entscheiden sollen, für die Freiheit oder die Geborgenheit.

Der weite Ritt

Mit Sanftheit und Fingerspitzengefühl schildert Fonda die allmählichen Annäherungen der entfremdeten Ehepartner, zeigt ihre anfängliche Distanz zueinander, die langsam wachsende Zuneigung und schließlich das kurze Glück der familiären Wiedervereinigung. Ganz untypisch für die Gattung des Westerns entsteht ein intimes Kammerspiel, das von der genauen Beobachtung zwischenmenschlicher Gefühle lebt. Kleine, aber wirkungsmächtige Gesten und Blicke ersetzen die Schießereien, die wir vom Genre erwarten. Ein Duell indessen ist es allemal, das sich hier zwischen Mann und Frau abspielt, ein subtiler Schlagabtausch, bei dem die Frau – auch dies ist bemerkenswert in dem patriarchalischen Genre par excellance – ihre Stärke und Unabhängigkeit unter Beweis stellt. In dieser Hinsicht lässt sich Der weite Ritt als einer der seltenen feministischen Western verstehen.

Während Harry sich in das Familienleben zu reintegrieren scheint, muss Arch erkennen, dass ihm weder ein Platz an der Seite des Freundes, noch an der von Hannah bleibt. Er verlässt die Farm und zieht einsam weiter, um die zerbrechliche Bande des Paares nicht zu stören, provoziert damit aber ironischerweise dessen Untergang. Einmal mehr wird die Fragilität der Idylle kenntlich als Harry von der Geiselnahme Archs erfährt, ihm daraufhin zur Hilfe eilt und ein zweites Mal Frau und Heimat verlässt.

Der weite Ritt

Die Domestikation des Protagonisten ist missglückt und die Etablierung von Zivilisation, die das Westerngenre traditionell behauptet, wird in Frage gestellt. Der Ort, in dem Harry seinen gefangen gehaltenen Freund findet, ist kein prosperierendes Städtchen mit Sheriff, sondern eine Geisterstadt, in der ein Haufen Krimineller herumlungert. Außerhalb des Arkadiens, das Hannahs Farm darstellt, versinkt die Welt in Chaos und Tyrannei wie wir es aus Peckinpahs nihilistischen Westernfilmen kennen. Unverkennbar ist Der weite Ritt ein Produkt seiner Zeit, ein revisionistischer Western aus der pessimistischen Ära des New Hollywood, der an den Mythen und Idealen Amerikas kratzt.

Seiner Natur als New Hollywood-Film entsprechend, bricht Der weite Ritt mit den ungeschriebenen Regeln des klassischen Kinos. Er verweigert sich dem Diktat einer aktionsgeladenen Handlung zugunsten eines kontemplativen, äußerst ruhigen Erzählduktus. Statt eines straffen Plots fokussiert Fondas Film die Gemütsbewegungen seiner Figuren, die er über das zurückhaltende Spiel seiner Darsteller, sowie die atmosphärischen Bilder Vilmos Zsigmonds transportiert. Das Ergebnis ist eine traurigschöne Elegie, ein melancholischer Abgesang auf den Western und den Westen, der in seinen besten Momenten Erinnerungen an Meisterwerke wie McCabe and Mrs. Miller oder Pat Garrett and Billy the Kid wachruft.

Wie diese stellt Fondas Film nicht nur ein lyrisch-realistisches Porträt der US-Vergangenheit, sondern auch eine kritische Reflexion der Gegenwart der siebziger Jahre dar. Die Desillusionierung angesichts eines unumkehrbaren Werteverlustes ist das vorherrschende Gefühl - im Film, wie im damaligen Amerika, das nach dem Versagen der Politik als auch der counterculture am moralischen Nullpunkt angelangt war. Künstlerisch jedoch befand sich Hollywood auf einem Höhenflug, wie Fondas kleines und leider fast vergessenes Filmjuwel bezeugt.

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