Der Weibsteufel

1966 – Papas Kino bebt (6): Die Halbstarken-Regisseur Georg Tressler kehrt der Moderne den Rücken und widmet sich dem kargen, harten Leben hoch in den Bergen, wo 1900 und 1966 noch nah beieinander liegen – trotz Sieghardt Rupp als Grenzsoldat mit gegeltem Haar.

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1900/1966. Karl Schönherr hatte die Handlung seines 1915 uraufgeführten Dramas Der Weibsteufel auf 1900 zurückdatiert, Regisseur Georg Tressler verlegte sie in die damalige Gegenwart von 1966. Zu merken ist es nicht. Schwer liegen die gewölbten Decken des alten Bergbauernhofs auf den Köpfen. Raue, weiß gekalkte Wände bergen eine schmucklose, einfache Einrichtung. Grobe Holztüren schließen die Räume, ein dunkler Gang führt in Richtung Scheune – geduckt anliegend, wie der gesamte Komplex am schneebedeckten Gebirgshang. Dorthin kehrt der Mann heim zu seiner Frau, die in der Küche steht und arbeitet. Er trinkt einen Schnaps, und es entspinnt sich ein kurzer Dialog:

„Und haben wie ein einziges Mal gestritten in den vergangenen sechs Jahren?“ fragt er – „Nein, wir sind gut miteinander ausgekommen“

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Das Resümee einer Ehe. Pragmatisch geschlossen zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau, gespielt von Hugo Gottschlich, Jahrgang 1905, und Maria Emo, Jahrgang 1936. Er der Versorger, sie die Hausfrau. Namen geben sie sich nicht, körperliche Nähe findet nicht statt. Bei Schönherr sind sie Weib und Mann, bei Tressler Mann und Frau. 1951, als der Heimatfilm im deutschen Kino in Folge von Schwarzwaldmädel (1950) seinen ersten Boom erlebte, wollte sie Regisseur Wolfgang Liebeneiner für seine Filmfassung personalisieren. Hilde Krahl spielte die Marei, verheiratet mit Anton. Funktioniert hat es trotz des schönen Kinoplakats nicht. Zu sperrig war der Stoff fürs Herz. Der 51er Weibsteufel ist einer der wenigen Genre-Vertreter dieser Zeit, die es bisher auf kein Medium geschafft haben.

Ewig scheinender Schnee, undurchdringliche Gesichter

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Da war Regisseur Tressler konsequenter. Obwohl es im Heimatfilm seit Mitte der 50er Jahre nur noch bunt zuging, drehte er in Schwarz-Weiß und unterstrich so das karge, harte Leben hoch in den Bergen. Mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast nahm er dem Film das Tempo, ließ die Bewegungen im ewig scheinenden Schnee langsam erscheinen. Worte werden mit Bedacht gewählt. Undurchdringliche, nur sparsam Mimik zulassende Gesichter verbergen Gedanken und Wünsche. Was wollte Tressler hier? An diesem wenig einladenden Ort, unter diesen schwer zugänglichen Menschen?

Georg Tressler stand für die Moderne im deutschsprachigen Kino. Gemeinsam mit Will Tremper schuf er 1956 Die Halbstarken, machte Horst Buchholz zum deutschen James Dean und löste eine Filmwelle aus, die sich auf vielfältige Weise mit Liebe, Sex und Party unter deutschen Jugendlichen auseinandersetzte. Zuletzt hatte er in Geständnis einer Sechzehnjährigen (1961) sein Einfühlungsvermögen für die sich unaufhaltsam verändernde Sozialisation in der BRD bewiesen, und plötzlich kehrte er zurück zu den archaischen Strukturen der Jahrhundertwende? Im Jahr 1966, in dem der darbende Heimatfilm schon auf die Sex-Karte setzte (00-Sex (ursprünglich Happy End) am Wolfgangsee)?

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Doch es gab ja noch Sieghardt Rupp als Grenzsoldat, dessen gegeltes Haar den Film erstmals in der Gegenwart verortet. Rupp gehörte zu den Späteinsteigern im Heimatfilm, konnte aber seit Die Glocke ruft (1960) auf ein schon umfangreiches Oeuvre zurücksehen, in dem er meist als Verführer besetzt wurde, als Mann, der nichts anbrennen ließ. Auch Sergio Leone wusste das in Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari, 1964) zu nutzen, und Rupp ließ sich auch nicht lange bitten. Beim Anblick der hübschen jungen Frau und des viel älteren Ehemanns bringt er sich sofort als Liebhaber ins Spiel, keinen Zweifel an seinen Fähigkeiten lassend. Und sein Spürsinn irrt nicht. In einer Truhe entdeckt er Babysachen, die die Worte der Frau, sie möchte keine Kinder haben, Lügen strafen.

Ein anachronistisch wirkender Bote der Moderne

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Allein aus seinem forschen Vorgehen auf die Gegenwart der 60er Jahre zu schließen wäre falsch, denn Tressler griff auf die literarische Vorlage zurück. Selbst Rupps schmierige Erotik, die er Anfang der 70er Jahre als Tatort-Fahnder Kressin aufs Schönste ausleben sollte, wird hier gebremst, blieb chancenlos gegen die innere wie äußere Kälte. Der eigentliche Tabubruch lag in der Förderung des Flirts durch den Ehemann. Dieser hatte inzwischen ein erkleckliches Sümmchen zusammengeschmuggelt, um eine Gaststätte erwerben zu können, und will sich nicht kurz vor seinem Ziel von dem ehrgeizigen Grenzer erwischen lassen. Dessen Machismo kommt ihm gerade recht, und er fordert von seiner Frau, ihre Reize spielen zu lassen. Das geschieht ganz zurückhaltend, lässt ihren Widerwillen jederzeit spürbar werden. Ein Umstand, der den Grenzsoldaten zusätzlich motiviert und den die Frau ihrem Mann nicht mehr verzeiht. Die schönen Worte des Beginns sind passé.

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Der Titel suggeriert eine bösartig und berechnend handelnde Frau. Einen Moment lang scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen. Wie in The Postman Always Rings Twice gibt sie ihrem Geliebten zu verstehen, dass aus ihnen nichts wird, solange ihr Mann lebt. Doch während in Cains Roman die sexuelle Lust zum Auslöser des gemeinsamen Handelns wird, bleibt die Frau hier allein zwischen zwei Männern. Diese gegeneinander auszuspielen ist die einzige Chance, ihrer Abhängigkeit zu entkommen. Eine Abhängigkeit, die hier so selbstverständlich ist wie das männliche Gefühl der Überlegenheit ihr gegenüber. In Schönherrs Drama erbt sie am Ende den Besitz ihres Mannes, bei Tressler nutzt ihr das nichts mehr. Sie verlässt das Bergdorf, denn das Urteil ist über sie gesprochen. Die Blicke der Männer und Frauen lassen keinen Zweifel daran, was sie von ihr halten, als sie in den Reisebus steigt – ein anachronistisch wirkender Bote der Moderne, der deutlich werden lässt, wie nah 1900 und 1966 noch beieinander liegen.

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