Der Wald vor lauter Bäumen

Melanie Pröschle tritt mit viel Enthusiasmus ihre erste Stelle an einer Realschule in Karlruhe an. Ihr Versuch, ein neues Leben anzufangen scheitert kläglich, da ihre bemühte Art weder im beruflichen noch privaten Umfeld ankommt. Der Wald vor lauter Bäumen, Maren Ades beachtenswertes Regiedebüt, ist kein Film, der sich bei seinem Publikum einschmeichelt.

Der Wald vor lauter Bäumen

Dieser Film hat ein großes Problem: seine Hauptfigur. Melanie Pröschle (Eva Löbau) tritt mit viel Idealismus ihre erste Stelle an einer Realschule in Karlsruhe an. Die junge Lehrerin meint es mit allem und jedem ein bisschen zu gut und geht damit ihrem gesamten Umfeld auf die Nerven. Den Kollegen, denen sie bei ihrem Einstand ankündigt, mit innovativer Pädagogik neuen Wind in den Laden zu bringen. Den Schülern, die sehr bald ihre Schwachstellen erkannt haben und ihr nur noch auf der Nase herumtanzen. Der Nachbarin Tina (Daniela Holtz), die Melanie so gerne zu ihrer besten Freundin haben möchte und bei der sie sich mit selbstgebackenem Kuchen und unterwürfiger Hilfsbereitschaft anbiedert. Und schließlich auch dem Zuschauer, dem – mit so einer unsäglich nervigen Protagonistin konfrontiert – schlichtweg die Identifikationsfigur fehlt. Anfangs ist dieses Mädel, das mit seinen abgeschnittenen Röhrenjeans und breitgestreiften weiten 80-Jahre-T-Shirts nicht nur modisch voll daneben liegt, noch unfreiwillig komisch und ganz unterhaltsam. Mit kritisch distanziertem Blick beobachtet man sie, wie sie mit schwäbischem Akzent ihren desinteressierten Nachbarn zur Begrüßung einen „Selbschtgebrannten“ anbietet, wie sie erfolglos vor der Mutter eines Schülers eine Disziplinarmaßnahme zu rechtfertigen sucht, wie sie beim Small Talk in Tinas Modeboutique in jedes Fettnäpfchen tritt, bis sich alle Umstehenden gelangweilt abwenden. Abwenden möchte man sich dann auch irgendwann von der Leinwand. Denn der Film wirkt wie seine Protagonistin und der Zuschauer reagiert genauso wie die Figuren in Melanies Umfeld: mit Gereiztheit und Ungeduld. So hat man nach den nur 80 Minuten Filmlänge das Gefühl, die doppelte Zeit im Kino verbracht zu haben. Das ist genauso unvermeidlich wie schade.

Der Wald vor lauter Bäumen

Denn andererseits ist die Regie- und Schauspielerarbeit wirklich beachtenswert. In Eva Löbau hat sich eine starke Interpretin für diesen schwierigen Charakter gefunden. Ihr Schauspiel besticht durch fahrige Gesten, unsichere Bewegungen, einen mit zunehmender Vereinsamung immer leerer werdender Blick und ein gezwungenes Lächeln in den Momenten, in denen der Figur nur noch nach Weinen zu Mute ist. Maren Ade beweist eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und ein feines Gespür für Zwischentöne und unfreiwillige Komik. Die Kameraarbeit überzeugt durch die dokumentarische Qualität der Bilder. Bis auf die Schlusssequenz verzichtet der Film auf Musik und vermeidet so die Gefahr, ins Sentimental-Mitleidige abzudriften.

Der Wald vor lauter Bäumen ist der Abschlussfilm von Maren Ade an der HFF München. Seine junge Karriere liest sich als eine reine Erfolgsstory: Der Film nahm an nationalen und internationalen Festivals teil, u.a. Hof, Saarbücken, Toronto, Vancouver und aktuell Sundance, und wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Babelsberger Medienpreis für den besten Absolventenfilm 2004, und als Bester Film der Reihe Spektrum auf der Cologne Conference. Zudem wird sein Verleih Timebandits von der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) mit 10.000 EUR gefördert. Nur ob er auch außerhalb der Festivalszene Erfolg haben wird, ist äußerst fraglich. Denn dazu ist der Film zu unbequem, verweigert sich mit allzu viel Konsequenz den Sehgewohnheiten des Publikums: einer positiv besetzten Identifikationsfigur, in der man sich dann doch ganz gerne wiederfindet.

Kommentare


Jens

Gestern lief dieser Film in den ARD und habe mich ob der Länge nicht geärgert. Im Gegenteil; ich bin äußerst begeistert. Wer sich in der Figur auch nur zum Teil wiedererkennt, für den wird dieser Film zur Tortur. Und das Ende mag sicherlich poetisch sein, doch es beinhaltet eine auch handfeste Aussage. Wer die Erfahrung im leben gemacht hat sich und alles um sich herum kontrollieren zu wollen und damit gescheitert ist, wird sie verstehen: Im Loslassen liegt die Befreiung.


Tim

super kommentar.
super film.


Barbara

Den Anfang des Film habe ich im Fernsehen gesehen. Von der Hauptdarstellerin wegen ihrer Unbeholfenheit genervt, habe ich dann eine "leichtere" Unterhaltung gewählt. Gegen Ende des Films bin ich dann wieder eingestiegen in die Szene, in der die Darstellerin auf der Féte in ihrer Naivität ihren einzigen privaten Kontakt verliert und vor die Tür gesetzt wird.
Ich glaube, ich habe einen wichtigen Film verpasst!


Frank

Auch ich habe den Film zu später Stunde nach den Tagesthemen ca. um 23:25 Uhr in der ARD gesehen und dieser Film hat mich sehr begeistert, welcher Realismus dieser Film zeigt.
In dieser Zeit, wo das Verständnis für den Anderen eigentlich garnicht mehr wirklich existiert. Mit welcher Peinlichkeit in Alltagssituationen unter Menschen sich unsere Frau Pöschl begibt, ist bestimmt für viele ein Bekenntnis, selber schon erlebt zu haben!?
Die Suche nach Nähe, Anerkennung, Freundschaft ist ein hartes Brot wenn man versucht dieses finden. Einsamkeit kann sich da schnell einschleichen. Allein Verständnis für die eigene Auffassung zu finden, ist kaum noch zu spüren. Je sehr sich auch unsere Frau Pöschl im Film bemüht hat, mit teilweise auch noch grünen Ohren, begab sie sich von einem Glatteis aufs andere.
Fazit: Mit mehr persönlichem Ausdruck, nicht forschem sondern eher vorerst zurückhaltend und nach und nach überzeugendem Auftreten und die vorerst nötige Distanz - würde sich unsere Frau Pöschl eher in die NEUE WELT in Karlsruhe zurecht finden.
Ich finde den Film (auch von der Kameraführung) als gelungener Film der uns zeigte, wie man sich sehr schnell in der realen Welt zu bewegen hat. Was man tun oder eher lassen sollte. Aber ein Rezept für das Glück, gab es im Film dennoch nicht. Hierüber dachte ich nach dem Film selber nach !


Simon Verhoeven

Einer der besten Deutschen Filme seitdem es den Deutschen Film gibt!!!
Schade, dass dieser FIlm nicht mit genügend Unterstützung ins Kino kam. Mit etwas mehr Werbung und einem mutigen, cleveren Verleih hätte man dieses subtile Meisterwerk an ein grösseres Publikum verkaufen können. Schliesslich schauen sich die Leute ja auch Andreas Dresen Filme an. UNd dieser Film hier ist besser, stimmiger, provozierender und berührender als alles, was Dresen bisher gemacht.
Maren Ade ist für mich eine der grössten Deutschen Regie-Hoffnungen. " Der Wald vor lauter Bäumen" ist ein bitterer, poetischer, sehr menschlicher Film ohne einen einzigen falschen Ton und ohne die typisch deutsche " Moral" am Ende.
Trotz des düsteren, unausweichlichen Schicksal der Hauptfigur ist der Film auch sehr unterhaltsam, warm und humorvoll. Einfach nur beeindruckend.
Fassbinder hat sein Leben lang versucht, einen derart poetischen, emotionalen, konsequenten und realistischen Film zu drehen. Verglichen mit "Der Wald vor lauter Bäumen "wirkt sein gesamtes Filmwerk völlig plump, pretentiös und dilettantisch. Der deutsche Film sollte Ade mit Preisen überschütten und feiern.
Auch die Hauptdarstellerin ist unglaublich gut, füllt die Rolle bis in die kleinsten Nuancen absolut glaubhaft und berührend aus. Grossartig!!


Steffen Krüger

Sah mir erst kürzlich den Film "Der Wald vor lauter Bäumen" auf DVD an und war begeistert. Das es sowas Qualitätsvolles überhaupt gibt im Deutschen Modernen Film...!! Der dokumentarische Ansatz gefiel mir außerordentlich, sein Anteil hält sich im Optimum. Ich habe während des gesamten Films mit Melanie mitgelitten. Ab der Hälfte wurde mir klar, dass es kein gutes Ende nehmen wird. ...Aber die filmische Idee des Endes ist doch einfach nur großartig, meisterhaft! Es ist für mich ganz und gar kein Film über die ach so kaltherzigen Anpassungszwänge unserer ach so unmenschlichen Gesellschaft, so wie es der Klappentext der DVD ankündigt. Dies ist kein Film über die Angst vor der Gesellschaft (die ist nicht so schlecht, wie sie immer gemacht wird), sondern ein Film über die Angst vor sich selbst, über die Unfähigkeit, sein eigenes Ich zu kennen und zu leben,... über mangelnde persönliche Authentizität und die möglichen Folgen daraus. Steffen


Maike Schwarz

Ich hab mir den Film vorhin angesehen, hatte aber nur die Dvd, und konnte mir unter dem Titel überhaupt nichts vorstellen, habe mir keine großen Hoffnungen von dem Film gemacht. War dann aber schon nach wenigen Minuten restlos begeistert, und habe total mit der Hauptdarstellerin die ganze Zeit bis zum Ende mitgelitten. Sie hat mir nur noch leid getan, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass die nur geschauspielert hat, so echt war die. Hab mich keine einzige Sekunde gelangweilt, und bin überzeugt, dass das einer der besten Filme war, wenn nicht sogar der beste, den ich je gesehen habe! Und es ist vorallem einer, der einem noch lange im Gedächtnis bleibt, und der sehr, sehr zum Nachdenken anregt, was Filme ja auch tun sollten. Der Film ist nicht zu toppen!!!


margarete

Gänzlich anders, als die Rezension es beschreibt, wuchs bei mir im Fortlauf der Geschichte Sympathie und Interesse an der Hauptdarstellerin und das Mitfühlen mit ihr. Wäre Melanie Pröschle eine reale Person, hätte ich deutlich mehr Lust, mit dieser Frau einen Cafe zu trinken als mit den Nebenfiguren, die sich laut Meinung der Rezension so verhalten, wie man sich (wer sagt das? wer bestimmt das?) anscheinend verhalten sollte. Ich denke, Melanie Pröschle wäre gut aufgehoben in einem alternativen, herzlichen, un-spießigen Umfeld, das auf ehrlichen und un-strategischem menschlichen Austausch setzt. Und auf vermeintlich "coole", "dístanzierte", vorallem jedoch einfach nur bürgerlich- einstudierte (gähn!) Umgangsformen pfeift!

Maren Ade ist mir ihren Darstellern ein grandioser Film gelungen, der schwierigst einzufangende Themen wie Einsamkeit und die erstaunlichen engen Grenzen von vom BÜRGERTUM akzeptierten Verhaltensnormen subtilst beschreibt.






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