Der vierte Mann

Ein stets leicht derangierter Schriftsteller gerät in die Fänge einer blonden Witwe. Jeroen Krabbé und Renee Soutendijk glänzen in den Hauptrollen eines Thrillers, der Motive aus den Werken De Palmas und Hitchcocks gekonnt variiert.

Der vierte Mann

Der vierte Mann (De vierde man) ist der letzte Film, den Verhoeven in den Niederlanden drehte, bevor er sich mit Fleisch & Blut (Flesh+Blood, 1985) an einer internationalen Co-Produktion versuchte und anschließend mit RoboCop (1987) seine Karriere in den USA startete. Doch obwohl das Werk zahlreiche Querverbindungen zu (wahl-)amerikanischen Regisseuren wie Alfred Hitchcock, Brian De Palma oder Nicolas Roeg aufweist, stellt es keineswegs ein Bewerbungsvideo für Hollywood dar. Ganz im Gegenteil: Der vierte Mann ist von allen Verhoeven-Filmen wohl derjenige, der seinen Anspruch, zumindest auch Kunstfilm sein zu wollen, am offensten ausstellt.

Der vierte Mann beginnt mit einer Montage, den Filmcredits unterlegt, die gleich zu Anfang zwei der wichtigsten Motive des reichlich symbolhaltigen Films einführt. Eine Spinne lauert in ihrem Netz auf Beute und muss nicht lange warten, bis einige Fliegen in ihre Falle gehen. Das Netz der Spinne ist an einem Kruzifix befestigt, welches so zum Komplizen des Insekts wird.

Spinne wie Kruzifix befinden sich im Appartement des Schriftstellers Gerard Reve (Jeroen Krabbé), der gleich mehrere Charakteristika des typischen Psychothriller-Protagonisten auf sich vereint: Er ist homosexuell, Alkoholiker, überzeugter Katholik, ein notorischer Lügner und hochpsychotisch. Der vierte Mann verhandelt zwar viele Themen aus dem Werk Hitchcocks, in deren konsequenten, obsessiven Übersteigerung erinnert der Film jedoch stärker an Nicolas Roegs intensive Arbeiten Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don´t Look Now, 1973) und Bad Timing – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980) oder Brian De Palmas Meisterwerke aus den späten siebziger Jahren (Schwarzer Engel, Obsession, 1976; Dressed to Kill, 1980).

Der vierte Mann

Mit dem Werk des letzteren Regisseurs verbindet Der vierte Mann auch der Hang zur selbstreflexiven Wendung der Filmbilder. Reve gerät in die Fänge der Witwe Christine Halsslag (Renee Soutendijk) – die mit ihren streng arrangierten blonden Haaren und der Vorliebe für leicht altertümliche Kostüme nun wieder direkt einem Hitchcock-Werk entsprungen zu sein scheint –, über die er eigentlich nur die Bekanntschaft des jungen Herman (Thom Hoffman) zu machen hofft. Durch Zufall entdeckt er jedoch eine Sammlung von Homevideos, durch die er erfährt, dass seine neue Bekanntschaft nicht nur ein-, sondern dreimal verheiratet war. Außerdem macht er bei dieser Gelegenheit eine schreckliche Entdeckung.

Diese Homevideos, oft aufgenommen aus Positionen, die völlig offen lassen, wo genau sich die Kamera befindet, beziehungsweise wie die Aufnahme überhaupt zustande gekommen sein kann, sorgen für einen der Höhepunkte des Films. Der völlig betrunkene Reve versucht, in die Leinwand einzudringen, auf Christine einzuwirken und projiziert das Filmbild teilweise direkt auf seinen Körper. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Realitätsebenen verschwinden zusehends während Reve mehr und mehr die Kontrolle über das von ihm etablierte Blickregime verliert. In Der vierte Mann gehört Christine die Kamera und damit der Blick, während der Schriftsteller Reve ihr mit seinem Tintenfass hilflos ausgeliefert ist.

Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass das Kameraauge im Zweikampf mit dem Schreibutensil stets Sieger bleibt. Der vierte Mann ist, wie seine Vorbilder, „pure Cinema“ in dem Sinne, dass jede Kamerabewegung und jeder Schnitt als bewusste Entscheidung des Regisseurs sichtbar bleibt und der filmische Diskurs sich ausschließlich aus diesen bewussten Entscheidungen konstituiert. Und dennoch gelingt es dem Regisseur, auch in diesem Kontext ein Werk zu erschaffen, das nicht epigonal, sondern höchst persönlich wirkt und zusätzlich einige Szenen enthält, die die typische verhoevensche Ironie aufweisen, mit der der Niederländer bisher noch jeden seiner Filme, gleich in welchem Genre, versehen hat. In Der vierte Mann finden sich diese Szenen immer dann, wenn die Regie Jeroen Krabbé freien Lauf lässt und dieser seine ohnehin extrem übersteigert angelegte Figur endgültig ins Absurde umschlagen lässt und beispielsweise seiner sexuellen Begierde etwas zu deutlich Ausdruck verleiht. Vor allem im Minenspiel des großartigen Hauptdarstellers finden sich hier die Widerhaken, die Verhoeven in jedem filmischen Text zu platzieren weiß und die einen Großteil des Reizes seiner Werke ausmachen.

 

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