Der Untergang

Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger sowie Regisseur Oliver Hirschbiegel haben mit großem finanziellen Aufwand die letzten zwölf Tage Hitlers im Führerbunker nachgestellt. Mit herausragenden Schauspielern ist dabei aber nur wenig mehr entstanden als eine teure Bebilderung historischer Fakten in Fernsehfilmqualität.

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„Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden“, schrieb Thomas Mann 1938 im amerikanischen Exil über Adolf Hitler. Nach 1945 war in Deutschland das Interesse an der Person des „Führers“ allerdings nicht sehr groß. Man kann das etwa daran ablesen, dass ein erster großer filmischer Versuch, Der letzte Akt von G. W. Pabst, durch österreichische Gelder finanziert werden musste und 1955 in 52 Ländern zwar zu einem internationalen Erfolg wurde – in der BRD allerdings kaum Besucher zählte und in der DDR erst gar nicht lief.

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Auch brauchte es sehr lange, bis sich die Deutschen biographisch-historisch für Hitler interessierten. Erst 1973 wurde von Joachim Fest eine umfassende deutsche Hitler-Biographie vorgelegt. 2002 folgte vom gleichen Autor noch eine „historische Skizze“, die man als die essayistisch-belletristisch erweiterte Version des Schlusskapitels der Biographie lesen kann, welches schon den gleichen Titel trug: Der Untergang. Auf dieser Grundlage, und in Verbindung mit den Erinnerungen von Traudl Junge, einer Sekretärin Hitlers, die 2002 als Buch (Bis zur letzten Stunde) und Film (Im toten Winkel) große Beachtung fanden, schrieb Bernd Eichinger das Drehbuch zu dem von ihm auch produzierten deutschen Film Der Untergang.

Dies ist die Vorgeschichte des Filmes. Welcher Film ist aber nun entstanden? Welchen Film bekommt das Publikum zu sehen? Und vor allem: Wie wird die Person Hitlers inszeniert?

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Die Frage nach dem Film ist leicht zu beantworten, da er – um es knapp zu sagen – eher konventionell ist. Regisseur und Produzent haben sich, fast entschuldigend, zugute gehalten, dass sie mit dem Film Neuland betreten würden, da es keinen Referenzfilm gäbe und sie fast alle Regeln des Drehbuchschreibens für diese Geschichte hätten brechen müssen. Beides stimmt so nicht: Es gibt neben Der letzte Akt mehrere ausländische Referenzfilme (z.B. Hitler: The Last Ten Days, 1973 und The Bunker, 1980) und die angeblich gebrochenen Regeln des Drehbuchschreibens sucht man vergeblich. Der Film – einmal abgesehen von den dargestellten Personen – ist ein üblicher „Ensemble-Film“ mit mehreren, gleichrangigen Hauptrollen und einer Handlung, die, auf zwei parallele Handlungsorte verteilt, nachvollziehbar chronologisch erzählt wird. Es ist der Untergang der Reichshauptstadt Berlin – erlebt unter der Erde im Führerbunker und erlitten über der Erde in der Stadt.

Hirschbiegel sind dabei die Außenaufnahmen, die in St. Petersburg entstanden, besser gelungen als die Szenen im Bunker. Das sehr naturalistisch gezeigte Kriegsgrauen wird immer wieder durch kurze narrative Szenen unterbrochen, in denen gezeigt wird, wie sich viele Deutsche in den zurückliegenden 12 Jahren haben prägen lassen; etwa wenn eine SS-Horde alte Männer aufgreift, um sie als „Deserteure“ zu hängen oder wenn ein noch nicht 20-jähriges Paar, statt zu kapitulieren und zu leben, sich erschießt.

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Die Szenerie im Bunker ist eine andere, und das hat einen einfachen Grund. Während das Außengeschehen immer als fiktionale Filmhandlung erkennbar bleibt, auch wenn es so oder ähnlich stattfand, ist die Filmhandlung im Bunker als dokumentarisch inszenierte Wiedergabe der z. T. sehr detaillierten Augenzeugenberichte angelegt. Bernd Eichinger hat in diesem Zusammenhang gesagt, dass man den Film auf einen Nenner bringen könne: „Die Geschichte zu erzählen, und nicht: Die Geschichte zu kommentieren.“ Mit dem Verzicht auf einen Kommentar jedoch, der etwa in Pabsts Film durch die fiktionale Gestalt des Oberst Wüst (Oskar Werner) gegeben wird, folgt vor allem in der Darstellung Hitlers ein problematisches Paradox.

Bruno Ganz spielt Hitler an seinem Ende und er spielt ihn so, dass er selbst hinter der Rolle verschwindet. Der Untergang zeigt aber Hitler ausschließlich als den Gebrochenen und physisch wie psychisch Kranken, der ganz unwillkürlich Mitleid erregt. Selbst die Wutausbrüche und Beschimpfungen bleiben im Rahmen eines im Grunde fast herkömmlichen Verlierer-Psychogramms. Damit liefert der Film zwar eine schauspielerisch glänzend vorgetragene, naturalistische Darstellung des Diktators an seinem Ende, ja, er zeigt „Hitler als Mensch“, man weiß letztlich aber nicht so recht, was der Film damit bezwecken möchte.

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Es gibt jedoch auch Szenen wie diese: Eva Braun (Juliane Köhler) liest ihren letzten Brief, den sie an ihre Schwester nach München schickt. Sie berichtet ihr, Ende April 1945, fast ausschließlich von banalen Alltagsproblemen, als es einen „Alltag“ aber längst nicht mehr gibt. Dieser Text läuft als Tonspur im Off, während das Filmbild das zerstörte Berlin zeigt, den kämpfenden „Volkssturm“, die Sterbenden. Diese Szene hat große suggestive Kraft, die aber eben erst durch die Inszenierung des historischen Materials entsteht.

Auch die quälend lange Sequenz, in der Magda Goebbels (Corinna Harfouch) ihre sechs Kinder ermordet, ist von erschütternder Unvergesslichkeit. Der Tathergang ist nicht in allen Einzelheiten überliefert, womit die Szene zugleich zu einer Metapher dafür wird, wozu die Täter fähig waren, was den Opfern widerfuhr und wie die Zuschauer es duldeten.

Schließlich zeigt die gesamte Produktion des Untergang aber noch ein grundsätzlicheres Dilemma: Eichinger berichtete, das es sein größter Albtraum gewesen sei, dass die Amerikaner vor den Deutschen über dieses Thema einen großen Hollywood-Film machten. Es ist schade und bezeichnend, dass nicht nur Eichinger, sondern auch kein anderer deutscher Produzent diesen Albtraum vor 1991 hatte, als Steven Spielberg in Hollywood seinen großen amerikanischen Film Schindler’s List drehte...

 

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